After the Fall - Ein Theaterprojekt zum Mauerfalljubiläum

Was geschah nach dem Mauerfall?

Christian Wolter Holländischer Pavillon Expo-Gelände Hannover 2004
19 Dramatiker aus 15 europäischen Ländern reflektieren 20 Jahre nach dem Fall der Mauer in ihren Theaterstücken den gesellschaftlichen Wandel. Ein Gespräch mit den beiden Kuratoren des Theaterprojekts „After the Fall“ Claudia Amthor-Croft und Martin Berg.

Claudia Amthor-Croft, Sie sind am Goethe-Institut London für die Kulturprogramme in Nordwesteuropa verantwortlich. Wie kam die Idee zu „After the Fall“ zustande?

Claudia Amthor-Croft: Wir suchten einen möglichst nicht diskursiven, sondern künstlerischen Ansatz, um die Bedeutung des Mauerfalls und die Entwicklungen der letzten 20 Jahre in Europa auf breiter Ebene zu reflektieren. Und entschieden uns dann für die Theaterszene. Die Idee wurde geboren, gemeinsam mit einem Partnertheater vor Ort zum Thema „Mauerfall“ einen Stückauftrag auszusprechen. Die Idee zog Kreise – während eines Seminars für Theaterschaffende aus Nordwesteuropa bei den Mülheimer Theatertagen 2007 fanden wir weitere Partnerinstitutionen in Kopenhagen und Dublin. Aus diesem Nukleus entwickelte sich „After the Fall“. Als Partner in Deutschland sowohl für den Stückauftrag an Dirk Laucke als auch als Veranstaltungsorte konnten wir das das Staatsschauspiel Dresden sowie das Theaterbüro Mülheim an der Ruhr gewinnen.

Der Mauerfall wird im kommenden Jahr ein großes Thema sein. Martin Berg, Sie sind Leiter des Bereichs Theater und Tanz in der Zentrale des Goethe-Instituts in München. Warum eignet sich die Kunstform Theater, um die Auswirkungen dieses historischen Ereignisses europaweit zu reflektieren?

Martin Berg: Theater erzählt immer etwas über den Menschen und das ist es auch, was uns bei diesem Projekt interessiert. Wie hat sich das Leben der Menschen nach dem Umbruch 1989 verändert? Was sind ihre Probleme, Hoffnungen und Sehnsüchte? Wir kennen viele Informationen aus den Medien, aber das sind oft abstrakte Fakten, Statistiken und wissenschaftliche Analysen. Theater dagegen schafft konkrete Situationen mit individuellen Menschen; es ist ein Live-Medium, das zur Kommunikation auffordert, es beteiligt den Zuschauer emotional und fordert eine persönliche Reaktion. Von den Dramatikern wünschen wir uns, dass sie uns überraschen. Dass sie unseren Blick verändern, auf neue Aspekte aufmerksam machen und uns irritieren. Wir haben den Auftrag bewusst offen formuliert, um die künstlerische Phantasie der Autoren nicht einzuschränken.

Eine Besonderheit von „After the Fall“ ist der Fokus auf ganz Europa: So werden die gesellschaftspolitischen Umbrüche nach dem Mauerfall nicht nur in Deutschland sondern vor allem im Ausland künstlerisch reflektiert.

Martin Berg: Der Mauerfall ist kein deutsches Phänomen, auch wenn er hierzulande vor allem in seiner Auswirkung auf Deutschland diskutiert werden wird. Wir wollen diesen Blick auf Europa erweitern, auf die unterschiedlichen Erfahrungen, die damit verbunden sind. Was bedeutete 1989 für die Menschen in Skandinavien, in Mittelosteuropa oder in den Staaten Ex-Jugoslawiens, wo kurz darauf der Bürgerkrieg ausbrach? Die Autoren sollen über ihr eigenes Land schreiben. Es geht auch nicht nur um die Interpretation der historischen Ereignisse, sondern darum, wo Europa heute steht und wie seine Zukunft aussieht. Wir sind gespannt, welche Beziehungen zwischen den Stücken entstehen und ob dieses Kaleidoskop künstlerischer Arbeiten ein Gesamtbild ergeben kann.

Nach welchen Kriterien wurden die Partnertheater in den einzelnen Ländern ausgewählt?

Claudia Amthor-Croft: Die Goethe-Institute im Ausland sind sehr gut mit der jeweiligen Kulturszene vernetzt und haben so natürlich auch hervorragende Kontakte zu den lokalen Theatern. Daher haben sich die Kolleginnen und Kollegen, die bei „After the Fall“ mitwirken, in ihren Ländern mit Theatern, die für diese Art der Zusammenarbeit in Frage kommen, in Verbindung gesetzt. So entstanden insgesamt 18 Kooperationen.

Und die Autoren?

Claudia Amthor-Croft: Die Autoren wurden in gemeinsamen Diskussionen zwischen den Goethe-Instituten und den Theatern ausgewählt. Wichtig war bei diesen Absprachen, dass die Theater die Aufführung des Stücks garantierten. So konnten Autoren ausgewählt werden, die lokal oder international eine gewisse Bekanntheit erreicht haben – wie zum Beispiel der dänische Dramatiker Christian Lollike oder der Pole Andrzej Stasiuk. Ein zentrales Kriterium war natürlich die Bereitschaft, sich mit der Thematik im weitesten Sinne auseinanderzusetzen, wobei wir deutlich gemacht haben, dass der Schwerpunkt der Stücke auf der Gegenwart als Folge gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse nach dem Mauerfall liegt.

Den Abschluss von „After the Fall“ bildet ein Gastspiel-Festival in Mülheim an der Ruhr und Dresden im November 2009. Was erhoffen sie sich durch diese Zusammenschau europäischer Positionen?

Martin Berg: Die 18 Produktionen werden zunächst nur an den Theatern gezeigt, an denen sie entstehen. Spannend wird es, wenn die unterschiedlichen Sichtweisen aufeinander treffen und der Zuschauer vergleichen kann. Wir haben deshalb von Anfang an eine Kooperation mit Veranstaltern in Deutschland gesucht. Ich bin sehr froh, dass wir mit dem Staatsschauspiel Dresden und dem Theaterbüro Mülheim an der Ruhr je einen Partner aus dem Osten und dem Westen Deutschlands gewinnen konnten und mit ihnen ein Doppelfestival veranstalten werden. Neben dem Stückauftrag an Dirk Laucke in Dresden werden wir insgesamt sechs Inszenierungen aus dem Ausland einladen. So können die Zuschauer die unterschiedlichen Sichtweisen der europäischen Autoren als ein Gesamtbild erleben. Neben den Gastspielen wird es in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung auch ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Vorträgen, einem Symposium und Künstlerbegegnungen geben.

Für „After the Fall“ arbeiten Goethe-Institute in 15 europäischen Länder zusammen – wie wichtig ist eine derartige Vernetzung für die internationale Kulturarbeit?

Martin Berg: Wir hatten zu Beginn nicht gedacht, dass das Interesse so groß sein würde. Es zeigte sich aber, dass viele europäische Theater das Thema 1989 behandeln wollen und wir mit unserem Vorschlag offene Türen einrannten. Den Mauerfall als europäisches Motiv zu betrachten hat alle überzeugt.

Es gibt bereits europäische Theater-Netzwerke. Aber das Besondere an diesem ist, dass sich alle Partner über das gemeinsame Interesse an einem Thema gefunden haben. Mit dabei sind Theater ganz unterschiedlicher Größe – vom Nationaltheater bis hin zu einer Freien Gruppe – was bei den institutionellen Netzwerken sonst nie der Fall ist. Ich bin überzeugt, dass solchen temporären Netzwerken die Zukunft gehört und das Goethe-Institut hier mit guten Initiativen eine wichtige Rolle spielen kann.

Das Gespräch führte Christiane Jekeli