Czekając na Turka

Stückauszug
"Warten auf den Türken"
von Andrzej Stasiuk

 

Erster Teil

Es ist still und dunkel. Dunkel und still ist es in der Nacht. Still, es sei denn, der Wind weht über den Pass. Über den Pass weht der Wind. Kein Licht in den Fenstern, nichts brennt, niemand wacht. Der Wald so dunkel, dass ein Tier oder ein Räuber aus ihm hervor kommen könnte. Doch in der Nacht kommt niemand, obwohl man jetzt erst gehen kann, weil niemand wacht.

EDEK kommt. Er geht unruhig auf und ab, wischt mit dem Ärmel über die Fensterscheibe in der dunklen Bude, versucht darin etwas zu erkennen, stellt den Kragen hoch.

EDEK

... das ist alles so schnell gegangen... ach!

EDEK tritt wütend gegen etwas, und dieses Etwas fliegt lärmend in die Finsternis. Von der gegenüberliegenden Seite tritt PATRYK aus der Finsternis heraus. Er trägt die schlichte schwarze Kleidung einer Wachschutzfirma. Empfindsam, ein bisschen erschrocken.

PATRYK

Sie, was machen Sie hier...?

EDEK

Und du, was willst du?!

PATRYK

Ich passe auf...

EDEK

Worauf?

PATRYK

Auf das hier.

EDEK

Das hier?

PATRYK

Das alles.

EDEK

Kleiner! Das bewache ich!

PATRYK

Hören Sie, ich glaube doch, eher ich...

EDEK

Und seit wann?

PATRYK

Seit gestern.

EDEK

Und ich seit dreißig Jahren! Tjaaa... Haben sie dir warmes Zeug gegeben?

PATRYK

Dort habe ich so ein Kabuff mit Öfchen.

EDEK

Das war die Hütte für die Diensthunde.

CHOR DER ALTEN SCHMUGGLER

sitzt an dem Grenzladen mit Spirituosen. Nichts als Flaschen, eine Wand von Flaschen, dahinter beginnt gleich der Wald.

CHOR DER ALTEN SCHMUGGLER

Und was für Hunde! Schwarz, braungescheckt, mit buschigen Schwänzen, wie aus einem Gestapo-Film. Hunde so garstig, dass einem die Haare zu Berge standen. Sie sprangen in die Autos, in die Busse, krochen auf eingebogenen Beinen, zerrten an der Leine und die Leute wurden starr wie vom Frost. Dass sie etwas finden könnten, auch wenn sie gar nichts hatten. Teufelshunde. Cholera-Hunde. Verfluchter Mist, gegen die Hunde half nichts, sie rochen sogar durch Papier, Plastik, Aluminium und Folie. Sie gingen sofort los und steckten ihre Nase rein. Hurensohn-Hunde.

PATRYK

Ich mache mir Tee.

CHOR

Nur zu!

PATRYK.

Gift soll ich auslegen. Wissen Sie, der Mensch geht, die Nager kommen.

EDEK

Nager gab es überhaupt keine. Es gab Bewegung, und es gab Ordnung. Jetzt haben sie sogar die Schlagbäume mitgehen lassen.

PATRYK

Sie waren überholt...

EDEK

Ein Schlagbaum, das ist Leben! Geordnete Bewegung. Nach oben heißt - freie Fahrt. Nach unten – absoluter Halt!

CHOR

Am besten sichtbar war der Schlagbaum. Schon von weitem und absolut quer zur Straße.

PATRYK

Er stand nicht mal im Inventar. Von wegen „Grenzschlagbaum, so und soviel Stück“. Als ich in England war, haben sie mich nicht kontrolliert.

EDEK

Hätten sie aber sollen. So wie wir die Schwulen, die von dort kommen, um es gegen Bezahlung mit unseren Frauen zu treiben!

PATRYK

Na hören Sie...

CHOR

Gegen Bezahlung mit unseren Frauen!!! Die Schwulen aus dem nebligen Albion!!!

MARIKA tritt ein. Von statuenhafter Schönheit, Anfang vierzig. Sie kommt aus dem Ungewissen, vermutlich aber von der anderen Seite der Grenze, aus dem Wald, und nimmt den Laden in Besitz. Macht sich majestätisch breit darin.

MARIKA

Ahoi, Jungs, ahoi! Was für eine Leier höre ich da schon von morgens früh? Was für Schwule bedrohen unser Dujava? Wo ist das neblige Albion, und wo sind unsere uralten ungerührten Karpaten?

(....)

PATRYK

Aber es war Kommunismus.

EDEK

Scheiße, was weißt du vom Kommunismus?

PATRYK

Aber...

EDEK

Dann spuck auch keine Töne. Jeder hatte seins, es gab Grenzen und es kam zum kontrollierten Austausch.

CHOR

Und zum unkontrollierten.

EDEK

Und jetzt ist... jetzt... ist Mongolei... Mongolei und Bangladesch. Bangladesch hast du hier zu bewachen!

PATRYK

Türkei.

EDEK

Was hast du gesagt?

PATRYK

Türkei hab ich gesagt. Regen Sie sich nur nicht auf.

EDEK

Ein Witz, oder?

PATRYK

Nein. Die Türken haben das gekauft.

EDEK

Was gekauft?

PATRYK

Na das alles. Das hier, das dort drüben, die Baracken, den Platz, den Zaun. Hier, ich habe einen Zettel bekommen, da ist rot markiert, was ich bewachen soll, und das ist türkisch. Jetzt zum Beispiel stehen wir auf türkischem Grund.

EDEK

Wie...

PATRYK

Soll heißen, gekauftem.

EDEK

Das ist doch unser! Staatsgrenze! Heiligste Heimatkrume!

PATRYK

Na gut, aber gekauft.

CHOR

Au Mensch! Leute! Ausgerechnet die Türken! Soweit musste es kommen! Schnauzbärtige Heiden! Muselmänner, mein Freund, Muselmänner! Nenn es, wie du willst, aber dass es soweit kommen musste. Unser Dujava wird türkisch, unser slawischer Gebirgspass ist in Türkenhand. Österreich-ungarisch war er schon, doch höret, Völker des Grenzlands, jetzt wird er türkisch sein. Und grausam ist der Muselmann!

Deutsch von Olaf Kühl

TV SymbolVideo-Reportage „Warten auf den Türken" in Krakau

Bericht der Deutschen Welle zu „Warten auf den Türken“