Czekając na Turka

Ach Grenze
von Martin Pollack

An unsere erste Begegnung erinnere ich mich gut. Es war 1998, im März oder April, so genau kann ich das nicht sagen, ich hatte soeben meinen Job beim deutschen Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL an den Nagel gehängt, weil ich erkannt hatte, dass ich als Korrespondent in Warschau zu wenig Zeit fand, um Bücher zu schreiben. Meine letzte Geschichte für den SPIEGEL sollte ein Porträt des jungen polnischen Autors Andrzej Stasiuk sein, der damals im deutschen Sprachraum noch nicht so bekannt war wie heute.

Ich fuhr, einer telefonischen Beschreibung folgend, von Krakau in Richtung Gorlice und von dort auf einer kleinen Landstraße nach Süden, in Richtung Sekowa und Malastów. Gorlice kannte ich aus der Lektüre über den Ersten Weltkrieg: in der Durchbruchsschlacht von Gorlice und Tarnów vom 1.-3. Mai 1915 hatten deutsche Truppen unter General August von Mackensen – ob er schon damals den silbernen Totenkopf an der hohen Pelzmütze trug, den später die SS übernahm, kann ich nicht sagen – der zaristischen Armee eine verheerende Niederlage zugefügt, wodurch der Name der unbedeutenden Stadt in die Geschichte einging.

Hinter Gorlice lagen die Hügel der Beskiden im Schnee, es war bitter kalt und die enge, holprige Straße war vereist. Ich glaube, es war ein Sonntag, jedenfalls sind mir Dörfer mit läutenden Glocken und Scharen von Kirchgängern in Erinnerung, alle in dicke Mäntel und Tücher gehüllt, die sie unförmig wie plumpe Stoffpuppen erscheinen ließen, vor den Kirchen standen Autos und Pferdefuhrwerke friedlich nebeneinander.

Gibt es die Fuhrwerke noch? Ich war schon lange nicht mehr in der Gegend. Vielleicht sind sie inzwischen verschwunden, wie so vieles, was es früher gegeben hat, zum Beispiel die Grenze. Als ich vor über zwanzig Jahren nach Wolowiec kam, glaubte ich die Nähe der Grenze förmlich zu spüren. Sie war nur ein paar Kilometer entfernt, wie Andrzej sagte, während er mit einer vagen Handbewegung in Richtung einer verschneiten Hügelkette deutete, irgendwo dort beginne die Slowakei, er fahre oft hinüber, nur für ein paar Stunden, nur um die Grenze zu überqueren. Das konnte ich verstehen, ich verspürte sofort Lust, mich aufzumachen, über die Hügel zu gehen, durch den tiefen Schnee, doch natürlich hatte ich kein geeignetes Schuhwerk dabei, keine Schneeschuhe, keine Schi, keine geeignete Kleidung, nichts. Außerdem war ich gekommen, um mit Andrzej zu reden, ihm ein paar Fragen zu stellen, zu sehen, wo und wie er lebte, mit Monika und den Kindern, mit Hunden und Katzen, und dann eine Geschichte zu schreiben, die später tatsächlich gedruckt wurde.

Die Grenze, über die wir damals sprachen, gibt es also nicht mehr, die Grenze, die durch die Beskiden verlief, willkürlich und absurd, wie das Grenzen so an sich haben, ohne nachvollziehbare Logik, dafür versehen mit Grenzwächtern, Grenzhunden, vielleicht auch Grenzbefestigungen (ob es dort welche gab, weiß ich nicht) und jedenfalls Grenzbalken. An die erinnere ich mich gut. An die Grenzbalken in verschiedenen Farben, je nach dem, zu welchem Land sie gehörten, rot-weiß, rot-grün, rot-schwarz, zweifärbige Balken, die unser kleines, enges Mitteleuropa noch kleiner und enger machten als es ohnehin schon war.

Auch die zweifärbigen Grenzbalken sind verschwunden, vor denen wir mit unseren Autos standen, oft stundenlang, darauf wartend, dass sich ein Grenzbeamter Einsicht zeigte, Herr, erbarme dich unser … Die Balken wurden ausrangiert, demontiert, abgebaut, manchmal mit Blasmusik, Würstel und Freibier und salbungsvollen Reden, einige wurden vielleicht in ein Museum gebracht, sicher gibt es irgendwo ein Museum der Grenze, wenn nicht, dann ist es höchste Zeit, ein solches zu errichten, zur Belehrung und Erbauung späterer Generationen. Doch in den meisten Fällen wurden die Grenzbalken wohl einfach zur Seite geräumt, zu Scheitern gesägt, zu Kleinholz gemacht und dann in den Ofen gesteckt, vielleicht von einem pensionierten, ausrangierten Grenzschützer, von einem Edek, wie er in Andrzejs Stück auftaucht, auf diese Weise haben sie schließlich doch noch jemandem Nutzen gebracht, obwohl ich nicht sicher bin, ob so ein Grenzbalken, vermutlich aus Weichholz, aus Tanne, Fichte, vielleicht Kiefer, viel Wärme spendet, wenn man ihn einheizt? Man kann kurz die Hände über den Flammen wärmen, ein Spiegelei braten, das war’s schon, zu mehr reicht das Feuer nicht, der Rest ist kalte Asche.

Natürlich hatten die Grenzen nicht nur etwas Trennendes, sondern auch etwas Verbindendes an sich. Vielleicht spürten wir uns deshalb so zu ihnen hingezogen? „Die Grenze ist etwas Doppelseitiges: bisweilen ist sie eine Brücke, um dem anderen entgegenzugehen, bisweilen eine Schranke, um ihn zurückzustoßen“, schreibt der Germanist und Autor Claudio Magris in der Skizze „Wer ist auf der anderen Seite? Grenzbetrachtungen“. Als Triestiner ist Claudio Magris, wie Andrzej Stasiuk, ein Grenzlandbewohner und versierter Grenzgänger, der vertraut ist mit Grenzen, der ihre Faszination ebenso kennt wie ihre bedrohlichen Seiten, Grenzkonflikte, Kriege und Vertreibungen, bei denen Grenzen eine wichtige Rolle spielen.

In den Beskiden war das nicht anders.

Hier existiert die Grenze übrigens noch, eine richtige, ordentliche Grenze, mit allem, was dazugehört, zwar nicht bei Wolowiec, aber weiter östlich: die Grenze zur Ukraine. Die wird sogar ausgebaut, sie wird schärfer bewacht als je zuvor, mit modernsten Mitteln, Nachtsichtgräten und Wärmebildkameras, Gadgets, von denen der in den Ruhestand geschickte Grenzwächter Andrzejs nicht einmal zu träumen wagte. Der fuhr auf einer stinkenden 250er, eine schwerere Maschine wäre im Schlamm stecken geblieben, die Grenze entlang, das waren noch Zeiten.

Natürlich ist es schrecklich, dass es diese Schengengrenze gibt, die Mitteleuropa zerschneidet – aber dort, wo die Grenzen völlig abgebaut wurden, haben wir manchmal das Gefühl, dass etwas fehlt. Sicher werden wir uns daran gewöhnen, doch das braucht seine Zeit.

Als ich damals mit Andrzej durch Wolowiec ging, ein paar weit verstreute Häuser., ein paar kaum sichtbare Reste ehemaliger Häuser, verlassen und zerstört, in denen früher Lemken gewohnt hatten, eine kleine Holzkirche, irgendwann ausgeplündert (ist sie inzwischen wieder als Kirche in Betrieb?), hier und da ein steinernes Kreuz, mehr war da nicht, nur Landschaft, Hügel, Wiesen, Wälder … und in der Nähe, hinter den Hügeln, die Grenze. Die machte für mich den besonderen Reiz des Ortes aus, machte ihn anziehend, wahrscheinlich ist es politisch total daneben, so was zu sagen, völlig unkorrekt, reaktionär usw. Aber was soll ich machen? So empfinde ich nun einmal.

Vielleicht spürte ich damals die Verlockung der Grenze deshalb so stark, weil ich ahnte, dass es sie bald nicht mehr geben würde?

In diesem Stück erzählt Andrzej vom Verschwinden der Grenze, wie wir sie früher kannten, die scharf wie eine Rasierklinge durch Wälder und Hügel schnitt, der Grenze mit ihren Legenden und ihren Menschen, die entlang der Grenze wohnten und von ihr lebten, Grenzwächter und Schmuggler. Die Schmuggler gingen seit Generationen ihrem Handwerk nach, das sich in der Familie vererbte, vom Großvater auf den Vater und weiter auf den Sohn, eine Berufung, zugleich auch ein Fluch. Schmuggler hat es immer gegeben, der Beruf ist so alt wie die Menschheit, nur die Schmuggelwaren ändern sich mit den Zeiten, passen sich den neuen Bedingungen an, früher wurde Vieh über die Grenze getrieben, den Schweinen flößte man Schnaps ein, um sie ruhig zu stellen, damit sie sich nicht durch Grunzen und Quieken verrieten, Pferden und Rindern wickelte man Lappen um die Hufe, um ihre Tritte leiser zu machen und ihre Spuren zu verwischen. In meiner Kindheit habe ich viele aufregende Schmugglergeschichten gelesen, von Schwärzern, so genannt, weil sie ihre Gesichter mit Ruß schwärzten, um in der Nacht nicht gesehen zu werden, die so heldenhaft wie listig gegen die Hüter der staatlichen Ordnung kämpften, solche Geschichten gibt es überall in Europa, wo es Grenzen gibt.

Ich wohne ebenfalls an der Grenze, im Südburgenland, im Dreiländereck zwischen Österreich, Ungarn und Slowenien, wo man auch die alten Geschichten von Grenzern und Schmugglern erzählt, von nächtlichen Viehtrieben, von Furten an Flüssen, an denen Grenzer den Schwärzern auflauern. Halt, oder ich schieße!

Die Schmuggler, die in Andrzejs Stück im Chor auftreten, haben sich überlebt, Relikte einer versunkenen Zeit, lächerliche Überbleibsel, die unser Mitleid erregen.

Ach Grenze … Irgendwie werde ich beinahe sentimental, wenn ich an die vielen Grenzen denke, die wir früher in diesem kleinen, engen Europa passierten. Als Österreicher weiß ich das besser als viele andere. Ein, zwei Stunden Fahrt, schon stand ich an einer Grenze, den Reisepass bitte, was führen sie mit, die Koffer öffnen … Wenn ich diese Nostalgie verspüre, hole ich meine abgelaufenen, ungültigen Reisepässe hervor, ein ganzes Bündel, und blättere sie durch, die Seiten übersät mit Visa und Grenzstempeln, Freistadt-Summerau, Hohenau, Breclav, Petrovice u Karvine, Haté, Ceske Velenice, Petrzalka, Hegyeshalom, Kunowice, Zebrzydowice, Chyzne, Frankfurt/Oder, Kuzma, Maribor …

Ich weiß noch, wie ich darauf bedacht war, dass der Grenzbeamte jedes Mal tatsächlich seinen Stempel in den Pass drückte, schließlich wollte ich (wozu eigentlich?) eine Bestätigung für den Grenzübertritt haben, so wie ein Bergsteiger in der Hütte einen Stempel verlangt, um später, wieder im Tal, beweisen zu können, dass er wirklich oben war, dass er den Gefahren von Wind und Wetter getrotzt hat, dass er den Gipfel tatsächlich erklommen hat.

Tempi passati.

Heute sind die meisten Grenzen nur mehr gestrichelte Linien auf der Landkarte, es gibt keine Grenzwächter und keine Grenzbalken mehr. Manchmal gibt es im Grenzgebiet, im einstigen Niemandsland, Nachtclubs, die in Wahrheit Bordelle sind, Spielcasinos, Imbissbuden und Duty free shops, in denen man nichts duty free, zollfrei einkaufen kann, weil es keinen Zoll mehr gibt. Keine Grenze, kein Zoll. So einfach ist das. Oder man errichtet ein Grenz-Disneyland, mit Schmugglern, Grenzschützern, mit Scheinwerfern und Stacheldraht, all inclusive. Irgendeiner findet sich immer, der solche Pläne schmiedet, man kann doch so ein Gebiet nicht einfach sich selber überlassen. Das braucht einen Investor, klar, und wenn der von weit her kommt, aus Russland oder aus der Türkei, umso besser.

„Ach Grenze ...“ erschien anlässlich der Uraufführung des Theaterstückes „Warten auf den Türken“ von Andrzej Stasiuk im Stary Teatr in Krakau am 19. Juni 09.

 

TV SymbolVideo-Reportage „Warten auf den Türken" in Krakau

Bericht der Deutschen Welle zu „Warten auf den Türken“