Für alle reicht es nicht

Für alle reicht es nicht
von Dirk Laucke


Heimatpanzer
von Robert Koall

Foto: David BaltzerDas neue Stück des 27jährigen Dirk Laucke handelt von Grenzen, von der DDR, von Deutschland 20 Jahre nach der friedlichen Revolution und von der Festung Europa. Es erzählt von illegalen Chinesen, tschechischen Huren und Heimatlosigkeit. Und vom Panzerfahren. Dirk Laucke schlug daher eine gemeinsame Fahrt in einem BMP Schützenpanzer vor, als im Juni 2009 eine Redakteurin der Londoner BBC bei ihm anfragte, wo man sich am besten für ein Gespräch über sein neues Stück treffen könne. Man kann eine solche Tank-Tour tatsächlich problemlos unternehmen, wenige Kilometer außerhalb von Berlin, nahe Fürstenwalde im Brandenburgischen, für 10 Euro bei den Brüdern Heyse. Die haben einen Acker und ein Dutzend Panzer und zusammen ist das ihre „Panzer-Fun-Fahrschule“. Auf ihrer Homepage schreiben sie vom „größten Männerspielplatz Deutschlands“ und in kleinen Filmchen kann man sehen, wie sie mit alten NVA-Maschinen röhrend durch die märkische Heide pflügen. Ab und zu wird dabei auch ein Wohnwagen plattgemacht. Panzer-Fun. Aber darum geht es gar nicht. Nicht in echt und nicht im Stück. Sondern es geht um Heimat. Beziehungsweise deren Verlust und wie grausam das sein kann.
Dirk Laucke, Sohn eines Panzer-Kommandanten der NVA, hat für sein Stück die Figur Heiner gefunden. In „Für alle reicht es nicht“ ist Heiner ein ehemaliger Panzer-Kommandant der NVA. Der November 1989 war ein Wendepunkt in seinem Leben. Seine Frau verließ ihn und die DDR. Er verlor seinen Job, das mit dem Saufen nahm überhand. Sein Leben verschwamm. Inzwischen hat er sich wieder im Griff. Er trinkt nicht mehr und klammert sich an drei Dinge – an seinen Acker, seinen Panzer und seinen Traum:
„Wenn der Laden läuft, wird’s hier kein Gras und keine Büsche mehr geben. Panzer lassen nichts zurück. wenn der Laden läuft, wird das alles in dem Matsch ersaufen, den ich ewig mal geliebt hab. Früh den Motor vorwärmen. Was red ich, die Motoren. die Leute werden Schlange stehen. Denn nach T55 Martina kommt T55 Manuela, kommt T55 Jürgen, Mirko, Micha und und - - der Name von meiner Enkelin fällt mir grad nicht ein. Es kommt ein Fuhrpark voller Panzer. Und das Röhren früh um sechs wird wie viel viel früher sein. Wie hieß sie noch. Die Leute werden Schlange stehen, um Panzer fahren zu dürfen. Das hat was mit Heimat zu tun. Und die Leute von der Fahne werden Schlange stehen, weil sie dieses Gefühl noch mal haben wollen. Heimat. Und die Leute von danach, wie meine kleine Enkelin, wie hieß die noch, weil sie wissen, dass es geil sein muss, mit 30 Tonnen Stahl durch den Matsch zu brettern. Und weil sie wissen, dass es geil sein muss, sowas wie eine Heimat zu haben, dies so nicht mehr gibt.“
In seinen Träumen wird Heiner gestört von Jo und Anna. Im Hauptberuf schmuggeln die beiden im ganz kleinen Stil Zigaretten und gefälschte Markenware über die deutsch-tschechische Grenze. Im Nebenberuf streiten sie sich und träumen vom „ganz großen Ding“. Das scheint ihnen gerade vor die Füße gefallen zu sein. Sie haben nämlich auf der Landstraße im Grenzgebiet einen führerlosen LKW gefunden. Voll mit Schmuggelzigaretten. Und mit zwei Dutzend illegalen Chinesen. Ob sie den Wagen bei Heiner abstellen können, bis sie entschieden haben, was sie nun mit ihrem Fund tun sollen?

Jo ist Mitte dreißig, ein Heimkind aus dem Westen, ohne Geschichte. Seit 1989 tummelt er sich im Osten, der für ihn nie zum erhofften El Dorado wurde. Seit ein paar Jahren kennt er Anna, die mit dem Ende der DDR aus der Welt gefallen und seither nirgendwo mehr angekommen ist. Anna hat drei Knackse. Einen im Kopf, der war vielleicht schon immer da. Einen im Herzen, weil sie ihr Leben nicht findet. Und einen im Bein. 1989 wollte sie auf einen der Züge aufspringen, die über Ungarn nach dem Westen fuhren. Sie hat das Trittbrett verpasst und sich schwer verletzt.

Heiner will, dass die beiden mit ihrem Laster voller „Fidschis“ sofort wieder verschwinden. Erstens ist das ja irgendwie illegal und das kann er sich nicht leisten als angehender Geschäftsmann. Zweitens erwartet er Besuch – seine Tochter Manuela, die er sehr selten sieht zusammen mit seiner Enkelin, die er fast nie sieht. Manuela ist dann kurz darauf die Vierte, die sich auf dem Panzeracker einfindet. Knapp dreißig ist sie und diffus linksradikal. Sie ist Politaktivistin, gehört zu einer Art Demo-Jet-Set und führt ein unstetes Leben nahe der Trebe.

Damit hat Dirk Laucke das Personal versammelt, das er braucht, um im Folgenden auf Heiners Panzeracker ein Panorama fehlgelebter Leben auszubreiten. In seinem Exposee zu „Für alle reicht es nicht“ schrieb Dirk Lauke: „ Die Figuren sind alle gebrochen in ihren Biographien. Sie haben ein akutes aktuelles Problem, kommen aber zugleich nicht von ihrer Vergangenheit los. Auf dem Rücken der aktuellen Situation wird der alte Kack ausgetragen.“

Die Vergangenheit, den „alten Kack“, führt der Autor nach und nach vor. In Rückblenden und Nacherzählungen werden die Vorgeschichten der Figuren nachgezeichnet und ihre Biographien langsam miteinander verflochten. Die Darstellerin der Tochter Manuela schlüpft dabei auch in die Rolle ihrer Mutter, die einst Heiner verließ. Gleichzeitig spielt sie ihre Tochter, Heiners Enkelin, also drei Generationen von Frauen. Jo ergeht sich in kindlichen Tagträumen. Anna würgt mit bitterem Scherz ihre Vergangenheit heraus. So entsteht ein vielperspektiviges Bild von vier Heimatlosen, die ihre Leben verloren haben und sehnsüchtig auf der Suche nach neuen sind. Dabei übersehen sie völlig, dass hinter ihnen in einem geklauten Laster Menschen ersticken, die genau dasselbe tun: ein neues Leben suchen. Grausame Pointe. Sprachlos sind Lauckes Figuren nicht – im Gegenteil. Es sprudelt aus ihnen heraus, es steckt soviel Unverarbeitetes, Ungesagtes ihnen, dass sie schier überquellen. Ihre Sprache klingt dabei nur, als habe der Autor sie dem Leben abgelauscht. Tatsächlich ist sie durchgebaut und komponiert. Wenn Heiner in einem Rückblick mit seiner Frau Martina streitet:

HEINER


MARTINA

HEINER


MARTINA

HEINER

MARTINA


HEINER

MARTINA
Du du kannst nicht rüber fahrn.
Du kannst mir nicht so ins Kreuz kacken, Martina.

Werd erstmal nüchtern.

Die kleine Manuela saß finster in der Ecke zwischen Zimmertür und
Anbauwand. Martina packte.

Angst, Genosse Leutnant.

Wie willstn das machen.

Ich besuch meine Mutter. Diesmal hinderst du mich nicht, du devotes
Schwein.

Und die Kleine.

Ich hab ne Erlaubnis.


Das Erstaunliche an Dirk Lauckes Stück ist, dass seine Figuren trotz der Härte, mit der sie einander und dem Leben begegnen, keine kalten Charaktere sind. Der Autor verrät sie nicht, er verurteilt nicht. Er weiß, wie sie wurden, was sie sind. Er zeigt sie nicht nur in der Hässlichkeit ihrer Wunden und Narben, sondern auch in der Schönheit ihrer Träume und Sehnsüchte. Sie haben sich nicht aufgegeben – sie wollen noch. Man ahnt jedoch, dass sie nie erreichen werden, was sie zu erreichen hoffen. Anna wird nie ein normales Leben führen. Jo nie reich und berühmt werden. Manuela wird nie die Welt retten und immer Erinnerungen an eine beschissene Kindheit haben. Und Heiner wird nie eine „Panzer-Fun-Fahrschule“ haben.

Der reale Panzerfahrlehrer Heyse wird ein bisschen mißtrauisch, als ihm klar wird, dass da ein junger Dramatiker mit einer BBC-Journalistin in seinem Panzer sitzt und das Erlebte in einen Theatertext einfließen lassen wird. Aber Dirk Laucke sagt: „Es geht um Typen wie Dich eigentlich. Die einen Traum haben.“ - „Man muss auch echt ein Träumer sein, um so was zu machen“, sagt Herr Heyse nun stolz und wischt sich den Matsch vom Gesicht, der ihm beim Panzerfahren um die Ohren geflogen war. „Manche denken ja zum Beispiel auch, dass das hier Dreck ist. Für mich ist das Heilerde.“


„Für alle reicht es nicht“ wird im Oktober 2009 am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt und ist der deutsche Beitrag zum Festival „After the fall. Europa nach 1989“. Auf Initiative des Goethe Instituts haben Dramatiker in zahlreichen europäischen Ländern Stücke geschrieben, die sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der politischen Umwälzungen von 1989 befassen. Eine Auswahl von Inszenierungen dieser Texte wird im Oktober 2009 im Staatsschauspiel Dresden und in Mülheim an der Ruhr gezeigt werden.

Robert Koall ist Chefdramaturg des Staatsschauspiel Dresden.


    VIDEO-REPORTAGE „Für alle reicht es nicht“ von Dirk Laucke