Raivokabaree

Szene aus
„Raivokabaree“
von Juha Siltanen

A: Wir gewähren uns nun einen Einblick darin, was bei den Finnen zu Hause tatsächlich geschieht. Ach – Fernsehen an! Besonders auffallend ist, dass altmodische Fernsehprogramme durch Krankenhausserien ersetzt worden sind. Wir sind offenbar in einem nordostflamischen Krankenhaus, in dem zur Abendunterhaltung nur wirklich verdammt kranke Menschen, Tiere und Gegenstände gepflegt werden. Überall schwebt ein Eindruck von Gefahr und Aufregung, dessen Zweck es ist, dass sich die Einwohner der Häuser entspannt und heimisch fühlen. Die Gefühle des Personals werden dann und wann auf die Probe gestellt und die menschlichen Beziehungen sind extremen Formen nahe. Die Situation wird nicht dadurch erleichtert, dass es sich ganz bald herausstellen wird, dass alle von etwas wirklich Ungeheuerem bedroht sind.

B: Sein Zustand ist sehr kritisch. Wir müssen intubieren.

D: Wen?

B: Ich weiß nicht.

D: Aber du hast ja gerade von irgendjemandem gesprochen.

B: Ich weiß nicht, was mich überfallen hat. Ich hatte nur so ein Gefühl.

D: Wir müssen handeln.

B: Das ist wahr.

D: Doctor Marsden, Doctor Marsden.

B: Ich weiß nicht, ob ich so weitermachen kann.

D: Aber Irene, warum.

B: Du weißt schon die Antwort. Ich kann meine Gefühle nicht mehr unterdrücken.

D: Du hast Unrecht. Ich weiß von nichts. – Geht es um Doktor Marsden?

B: Möglicherweise.

D: Was meinst du?

B: Ich weiß es nicht. Die Situation ist kritisch.

D: Unsere Situation?

B: Die Situation.

D: Ach. Wenn ich nur helfen könnte.

B: Vielleicht kannst du das auch.

D: Was meinst du?

B: Das was ich gesagt habe.

D: Was hast du denn gesagt?

B: Ich weiß nicht – ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt.

D: Das hättest du gleich sagen können.

B: Verzeihung, ich kann jetzt an nichts anderes als meine eigene Situation denken.

D: Schwester Protheroe, das ist Wahnsinn.

B: Keineswegs, sondern Neid. Ich bin von meinen Gefühlen überwältigt.

D: Penisneid?

B: Nein. Ich kann mir nur die Beziehung zwischen dir und Jack nicht ansehen. Ich bin wütend.

D: Es ist keine Beziehung.

B: Sondern was.

D: Darauf kann ich nicht antworten.

B: Handelt es sich um Doktor Marsden.

D: Ich weiß nicht.

B: Aber ich hörte, wie du im vergangenen Mai ganz eindeutig „Jack“ gesagt hast.

D: Du weißt nicht, wovon du sprichst.

B: Nein. Aber jetzt wird alles anders.

D: Ich habe das Gefühl, dass wir nicht allein hier sind.

B: Wir sind ja auch zu zweit. Wir müssen intubieren. Oh! Dein Gesicht!

D: Wieso.

B: Es dehnt sich gummiartig und wird breiter. – Oh mein Gott!

D: Das hängt mit der Gasexplosion zusammen, bei der kürzlich beinahe meine ganze Familie ums  Leben gekommen ist. Ich bin nahe daran, wegen des Vorfalls von meinen Gefühlen überwältigt zu werden.

B: Lügen beiseite, du bis ein Alien.

D: Quatsch.

B: Doch, doch.

D: Du bist meins und weißt es.

B: Ach, ach.

D: Schauen Sie mich an, Schwester Protheroe.

B: Jack, es ist Jack, Hilfe.

D: Wenn ich dich ansehe, kann ich das Keuchen nicht zurückhalten.

B: Oh, alles war ja nur ein Alptraum.

A: Fortsetzung folgt.

B: Kaufe ein Würstchen, du kannst eine Mondreise gewinnen.

A: Fortsetzung folgt.

D: Das muss davon kommen.

B: Was. Wovon.

D: Davon, dass es in Wirklichkeit nur 32 Sekunden sind, bis es in der Murmeltierabteilung explodiert.

B: Was!

D: Bomben.

B: Ich meinte, was um Himmelswillen. Die armen Tiere.

B: Wo ist Doktor Marsden?

D: Er ist im Operationssaal und stolz zu präsentieren.

B: Er muss gewarnt werden. Wir müssen zumindest jemanden retten.

B: Nur noch 31 Sekunden.

D: Oh, ich fühle, wie die Bedrohlichkeit mich unterdrückt.

B: Oh. Ich kann nicht mehr so weitermachen. Eine Katastrophe droht, und die Zuschauer erinnern sich bald an ihr eigenes unerträgliches Leben, wenn uns nicht bald etwas einfällt. Doctor Marsden, Doctor Marsden.

A: Was scheint hier das Problem zu sein? Ich war gerade im Operationssaal und stolz zu präsentieren.

D: Die Situation ist kritisch.

A: Unsere Situation?

B: Die Situation.

A: Oh.

D: Wir müssen zumindest jemanden retten.

A: Fortsetzung folgt.

D: Was wollen deine Kinder? Dass dein Atem erträglich riecht. Nimm doch irgendeine verdammte Minzepastille.

A: Fortsetzung folgt.

B: Ich sehe schon vor mir, wie die Kinder aus den Fenstern herunterfallen wie Tausende von Flaschenbürsten.

A: Schwester Protheroe, Sie sind durcheinander.

B: Es ist wunderbar, endlich mit dem richtigen Namen auszusprechen, worum es geht.

D: Worum geht es denn?

A: Angst und Schrecken.

D: Hand aufs Herz, Herr Doktor: was wissen Sie noch von Ihren Kinderjahren? Ist dort der Schlüssel des Mysteriums zu finden?

A: Ruinen, Ruinen.

B: Sie wurden also im kriegsbeschädigten Warschau geboren?

A: Warschau? Siehe ich aus wie ein Pferd? Schrecklich, die Worte rufen in mir unbeherrschte Phantasievorstellungen und merkwürdige Leidenschaften hervor. Nun, mit den Ruinen meinte ich doch meine Eltern.

B: Herr Doktor – nebenbei, sind Sie nach Ihrer Realitätsvorstellung jener Jack?

A: Realitätsvorstellung, Fräulein Protheroe, ist ein Allergiesymptom. Jetzt müssen wir uns um die Notleidenden kümmern.

B: Wer sind solche?

A: Wir. Die Situation ist kritisch. Wir sind von einem Meer kleiner ärgerlicher Lebewesen umgeben, das am Fuß unserer Zivilisation nagt. Neben Kindern erwähne ich nur die Armen, Alten, Behinderten, alle irritierenden Typen und besonders Bakterien, die so irritierend sind, weil man sie nicht einmal sehen kann. Ich schlage vor, dass wir die Erdkugel in Scheiße ertränken, um die Bakterien zu vernichten. Ach – ich fühle sie gerade jetzt kommen!
Deutsch von Arja Nevalainen

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