Fremtidens Historie

Fremtidens Historie, (Die Geschichte der Zukunft)
von Christian Lollike

„Die ganze Welt spielt sich heute in unserem eigenen Land ab. In unserer eigenen Stadt. In unserem Bewusstsein.“

Erster Teil. Fünf Schauspielerinnen beim Bauchtanz. Sie feiern 20 Jahre Reisefreiheit und wollen zur Feier des Tages „die Geschichte der Zukunft erzählen“ und „über die Ergebnisse der erworbenen Freiheit Bilanz ziehen.“ Als Grundlage dafür soll „ein ganz normaler Mensch“ dienen. Man erfindet eine Taxifahrerin. Eine Taxifahrerin, die in schneller Abfolge dem ganzen widersprüchlichen Kosmos einer Stadt begegnen kann. Die Taxifahrerin fährt einen Verletzten in ein Krankenhaus, bringt eine merkwürdige Ausländerin (Mrs. Buisness) in die sog. Freihandelszone, kann nur mit Mühe einen Penner abwehren, der unbedingt zu ihr ins Taxi steigen möchte, sie fährt zwei unsichtbare Stimmen zur Asylbehörde, einen ebenfalls unerkannt bleiben wollenden Politiker zu einer Eröffnungsrede, man lernt ihre kleine anonyme Wohnung am Stadtrand kennen. Am nächsten Tag hat sie Probleme mit ihrem Arbeitgeber, da sie zu spät zur Arbeit gekommen war und behauptet unsichtbare Gäste befördert zu haben, doch die Arbeit beginnt aufs neue und damit auch der ewig gleiche Trott, mit den ewig gleichen Ängsten und kaum Aussicht auf Verbesserung. Doch dann steigt ein Kunsthändler ohne festes Ziel und Absicht ein. Sie soll einfach bei laufender Uhr fahren, wohin sie will, am Besten zu sich nach Hause. Der Kunsthändler hat Sehnsucht nach dem normalen Leben, nach einer Lebenswelt, die sich echt anfühlt. Er gibt der Taxifahrerin viel Geld, damit sie ihm ihre Wohnung zeigt, zeigt wie sie lebt, wenn sie nach Hause kommt und er ist fasziniert, so fasziniert, dass er sie bei sich in der Galerie (bei laufendem Taxometer) ausstellen möchte: „Taxidriver – readymade“. Die Vernissage ist ein voller Erfolg, der Kunsthändler und sein „Kunst“-Objekt nähern sich an, es gibt einen ersten Kuss und sie fühlt „etwas könnte zu etwas mehr werden“. Euphorie, und die Partygesellschaft fährt im Taxi durch die brodelnde Stadt. Man landet am Rande eines Flüchtlingslagers, das wie ein Vergnügungspark aussieht und als das „hotteste Kunstwerk im Moment“ in der Stadt gilt, „gesponsert von Gucci“. Die Taxifahrerin erkennt darin Mrs. Buisness aus Freihandelszone wieder und will zu ihr ins Lager, was sie nicht soll, aber dennoch tut.

Mit dem zweiten Teil des Stückes verändert sich die Erzählperspektive deutlich. Man erlebt schlaglichtartig einzelne Flüchtlingsschicksale aus den unterschiedlichsten Krisengebieten auf der Welt.

Im dritten Teil der Geschichte sitzt die Taxifahrerin in einer Talkshow und wird als „Engel des Westens“ gefeiert. Sie hat Geld für die Armen aufgetrieben, gab „den Menschen ein Gefühl von Hoffnung“. Doch noch in der Show realisiert sie, dass andere mit ihrer selbstlosen Arbeit Profite machen. Sie möchte „raus aus dieser Geschichte“, was natürlich nicht gelingt, so geht sie wieder ins Lager und stellt gefährliche Fragen: „Warum sind wir hier? Hat Gott es so gewollt? Wie lange wollen wir ohne Hoffnung sein? Wann wollen wir reagieren?“ Und langsam erhebt ein Murren und Murmeln, langsam beginnen die Flüchtlinge sich gegen die Zäune zu werfen, langsam wird klar, dass sie eine Armee anführen wird, von der alle gewusst hatten, dass sie eines Tages kommen wird. Und „das Flüchtlingsheer teilt sich und wird zu Flüchtlingsheeren und sie fressen sich durch die Mauer und in Europas Herz, in die Restaurants und Cafés und Supermärkte und privaten Häuser. Ihr Hunger und ihre Wut werden immer größer bei der Begegnung mit diesen Menschen und einem Reichtum, den sie sich niemals haben vorstellen können...“

Vielleicht wird aber auch alles ganz anders und sie begegnet dem Kunsthändler wieder und ist glücklich und verliebt oder sie wird Juristin, die den Staat verklagt, vielleicht aber beantragt sie auch Asyl in einem Irrenhaus, vielleicht wird sie Selbstmordattentäterin. Nur all das ändert die Geschichte, deren Teil man ist, nicht wesentlich.

In seinem dichten, atemlosen Text spürt Christian Lollike der Haltung des Zynismus in einer pietätlosen, spektakelgeilen Welt nach. Fünf Schauspielerinnen erfinden / behaupten / erzählen und spielen die Welt, wie sie sie sehen. In schneller Folge springen sie in jeweils benötigte Figuren und Situationen und arbeiten mit einer faszinierenden Montage von theoretischen Abhandlungen, journalistischen Reportagen, philosophischen Diskursen, Reklameslogans und Filmzitaten. Thematisch hochbrisant, mit schwarzem Humor und sprachlich versiert, wirft dieses Spiel ein Schlaglicht auf den Komplex von Kunst, Leben, Armut, Reichtum, West und Ost, Multikulturalität, Glauben und Terror. Ein ständiger Wechsel zwischen epischen und dramatischen Phasen dynamisiert das ständig überraschende Geschehen. Die Spieler erproben an sich selbst das ungewohnte Mitgefühl mit Opfern wie mit Tätern, indem sie reale Katastrophen aus Ost und West sowie auch die Klischees von einer zynisch konsumierenden Partygesellschaft nachspielen, die nur noch auf möglichst lebensnahe Events aus ist (um wenigstens irgendetwas zu spüren?). Realität und Fiktion werden hier in der Flut der Nachrichten- Fiktion und Kinobilder eins. Entstanden ist ein Text voller Poesie, in dem der Autor seinem Personal gerade soviel mitgibt, wie die Phantasie braucht, um reiche Bühnenfiguren daraus zu schaffen. Entstanden ist weiterhin ein unmittelbar politischer Text, der direkt von der Bühne herab in die überrumpelten Herzen der Zuschauer trifft.

 

Ein Text von Jens Groß