Mousefuckers

Mousefuckers
von Almir Imširević

"Du kannst nicht einfach reden und hoffen, dass du vergisst.“ (Ajsa)

An einem 9. November in Genf. Gegenwart. Das bosnische Migrantenpärchen Enki und Ajsa lebt in bescheidenen Verhältnissen zurückgezogen in dem schönen friedlichen Genf. Ajsa hat Geburtstag. Ajsa hat auf der Straße das serbischen Pärchen Gile und Tamara kennen gelernt und spontan zu sich eingeladen. Endlich wieder einmal Gäste aus der „Heimat“, endlich wieder einmal jemand, der die vertraute, heimatliche Sprache spricht, endlich ähnliche Schicksale (alle Beteiligten haben zu Beginn des Krieges oder im Krieg die Heimat verlassen), endlich ein wenig unterhaltsame Abwechslung. Aber diese gemeinsame „Heimat“, die die gemeinsame Sprache noch vorzugeben scheint, gibt es inzwischen nicht mehr. Im Verlaufe des Stückes werden die (durchaus auch sprachlichen) Differenzen immer offensichtlicher. Es kommt heraus, dass man sowohl auf serbisch wie auf bosnisch gerne und ausführlich flucht, dass aber der Serbe z.B. „ich fick dir die Maus“ sagt, der Bosnier hingegen „ich fick dir dein Wissen“. Kleine aber erhebliche Unterschiede. Enki ist ein sonderbarer Mensch. Er hat keine Musik im Hause, aber eine Sammlung von Kassetten mit Alltagsgeräuschen aus Sarajewo. Ein erstaunliches Archiv von unwiederbringlicher Authentizität einer vergangenen Zeit. Vielleicht könnte man das Material in den Weltraum schießen für eine andere außerirdische Intelligenz. Auch ein altes Telefonbuch von Sarajewo spielt eine Rolle. Man findet alte Bekannte wieder. „Adressen von Freunden, Exfreundinnen, Professoren... Telefonnummern, bei denen sich keiner mehr meldet.“ Man kann so ein Telefonbuch allerdings auch auf den Kopf eines anderen schlagen, besonders wenn er ein Serbe ist. Doch auch solche Aktionen helfen nicht, die zählebige Vergangenheit aus den Köpfen zu drängen. Es stellt sich heraus, dass Gile an Krebs erkrankt ist, dass Tamara Pornofilme synchronisiert hat, aber seit Jahren keinen Geschlechtsverkehr mit ihrem Partner hatte, der seinerseits aber mit einer Polin fickte. Und weil man nun schon einmal bei den Geständnissen ist, gesteht Enki, dass er gar nicht Enki ist. Enki war ein Scharfschütze, der mit dem falschen Enki aus dem belagerten Sarajewo geflüchtet war und offensichtlich dabei umgekommen ist. Der falsche Enki hatte damals Enkis Mutter angerufen, die ihn mit dem Toten verwechselte, und hatte es dann nicht mehr geschafft, der Mutter die Wahrheit zu sagen. Seitdem telefoniert der falsche Enki täglich mit seiner vermeintlichen Mutter in Sarajewo und hat daraufhin die Identität des Toten angenommen. Somit hat der falsche Enki, seit seiner Flucht aus Sarajewo keine eigene Identität mehr. Alles scheint ausgelöscht. Ajsa kommt nicht mehr dazu, sich über dieses falsche Spiel aufzuregen, denn inzwischen steht Polizei vor der Türe, die wegen Ruhestörung von Nachbarn gerufen wurde. Enki holt einen alten Revolver hervor und schießt unvermittelt durch die Tür. Die Polizei erwidert das Feuer...

Almir Imsirevic zeigt in seinem Stück „Mousefuckers“ das Aufeinandertreffen von „unbehausten“ Jugoslawen im Exil des 21. Jahrhunderts. Es sind verletzte, kranke, identitätslose Menschen, die nur noch vor sich hin vegetieren und keinerlei Widerstandskraft mehr besitzen. Sie versuchen sich entweder mit Drogen zu betäuben oder verstricken sich endlos in den Schleifen der Vergangenheit. Mit Aufgabe der großen nationalen, jugoslawischen Utopie und der Zersplitterung der Nation in rivalisierende Einzelstaaten hat man vielen kleinen Menschen den Lebenssinn gekappt. Sie finden nicht mehr zurück zu einer neuen Normalität, hängen (wie im Weltraum) im luftleeren Raum und warten darauf, dass endlich irgendetwas geschieht.

Ein Text von Jens Groß