MUUR

„Wir werden nicht erklären, was die Mauer zu bedeuten hat.“

Gespräch mit den Theatermachern von „MUUR“ (Die Mauer) Pieter De Buysser und Inne Goris

„Muur“ setzt 2064 ein: vier Kinder kommen an der Stelle an, wo im Jahre 2010 vier andere Kinder auf einem Brachland, mitten im Niemandsland eine Mauer errichteten. Die vier Kinder haben die vergangenen fünfzig Jahre im Inneren der Mauer draußen im Freien verbracht, im Schatten ihres kreisförmigen Bollwerks. Jetzt sind sie alt, und immer mehr Geschichten dringen durch die Mauer. Die außergewöhnliche Anziehungskraft dieser riesigen Null mitten in der Stadt lockte Hunderte Besucher an, die sich hier an ihre ganz persönliche archäologische Erkundung der Zukunft machen wollten. Die neu angekommenen vier Kinder aber haben mehr im Sinn als nur eine kleine Stippvisite.

Das nachfolgende Interview mit dem Autor Pieter De Buysser und der Regisseurin Inne Goris führte Ruth Mariën im März 2010 anlässlich der Uraufführung von „MUUR“ durch.

Diese Mauer ist keine Festlegung, sie ist eine dauernde Befreiung.

Pieter de Buysser (P): Ich sage am besten gleich, dass wir nicht erklären werden, was die Mauer zu bedeuten hat. Sie sperrt sich gegen alle Erklärungen. Sie steht da, und damit aus.

Wie kam es zur Idee für Muur?

P: Der konkrete Anstoß war eine Einladung des Goethe-Instituts. Man plante dort das europäische Theaterprojekt „After the Fal“l, bei dem Theaterautoren aus allen europäischen Staaten eingeladen wurden, ein Stück über den Fall der Berliner Mauer zu schreiben. Ich hatte aber keine Lust auf eine Gedenkveranstaltung. Solange das „Denken“ nicht mit der Zukunft, mit Phantasie und dem Ersinnen von Neuem zu tun hat, bleibt jedes „Gedenken“ nur ein nützlicher Konsumartikel. Die Berliner Mauer ist ja nicht gefallen, sie wurde lediglich an andere Orte versetzt. Heute steht sie auf der Insel Lampedusa, in Gibraltar und in Cadiz, an den Grenzen der Festung Europa. Die Feierlaune ließ mich also kalt. Dafür schrieb ich eine erste Fassung der Handlung von „Muur“.

Und dann haben Sie diese Fassung Inne Goris in die Hand gedrückt?

Inne Goris (I): Wir haben uns am 1. September 2008 zu einem Gespräch getroffen, und an sich hatte ich vor, ihm zu sagen, dass ich nicht mitmache. Aber Pieter erklärte, er gebe mir einfach den Stücktext mit – und ich kann damit anfangen, was immer ich will. Also dachte ich mir, das gefällt mir. Ich bekomme nur ungern Theatertexte zugeschoben, die schon gebrauchsfertig sind. Oft kommt es mir so vor, als ersticke die Sprache meine Phantasie. Peter allerdings insistiert, dass an der Sprache immer mehr dran sei als nur das. Ich aber denke mir: Wozu es sagen, wenn man ein Bild dafür findet? Pieter dagegen denkt: Wozu sich ein Bild ausdenken, wenn man es in ein paar Sätzen sagen kann. Wir ergänzen uns, halten uns gegenseitig an, Neues zu entdecken. Ich gehe davon aus, dass ich bei „Nachtevening“ als Theatermacherin wesentliche Fortschritte gemacht habe, indem ich seinen mir sozusagen absolut fremden literarischen Text in die Inszenierung integriert habe. Diesmal sehen wir uns alle beide wegen der Implikationen der Mauer und der acht Darsteller, mit denen wir arbeiten, dazu gezwungen, wieder einen anderen Weg zu beschreiten.

Wir brauchten lange, bis wir eine Form fanden, wie wir Pieters Geschichte erzählen. Man hätte aus der Vorlage ein sehr schönes Erzähltheater machen können. Aber das war nicht, was ich als Theatermacherin im Sinn hatte. Pieter schlug vor, im Freien zu spielen, ich wiederum dachte mir, wir sollten uns den Spielort in der Stadt aus eigener Kraft erschaffen. Also beschlossen wir den Bau einer riesigen Mauer von zwanzig Meter Durchmesser auf einem Stück Brachland, um die herum sich die Zuschauer und die Darsteller bewegen können. Jeder Zuschauer bekommt einen Kopfhörer und kann herumlaufen, wie immer und wo immer er oder sie will. Jeder hört immer alles. Das Publikum weiß daher alles immer schon vor den Figuren, die nie alles mitbekommen, was rund um die Mauer passiert. Es kann freilich vorkommen, dass man als Zuschauer jemanden hört, aber nicht sieht. Das finde ich ganz spannend. Es schafft große Intimität angesichts dieses riesigen Baus. Denn die Figuren hat man direkt im Ohr.

P: So eine formale Entscheidung zieht unglaublich viel nach sich. Wie soll man aus einer theatralen Installation heraus, die fast schon eine Skulptur ist, ein Stück schreiben? Wie schafft man eine Sprachform, die sich angemessen auf diesen Riesenbau bezieht? Diese Fragen zwangen mich zum Nachdenken, was es heißt, heute fürs Theater zu schreiben. Bei der Sprache geht es ja nicht nur um den Transport von Bedeutung, sondern auch um Rhythmus und Form, Aspekte, die ebenso unmittelbar greifbar sind wie diese riesige Mauer.

I: Pieter, Dominique und ich haben uns oft geradezu wortwörtlich die Köpfe an der Mauer eingerannt. Dominique wollte ursprünglich die Musik aus der Mauer kommen lassen, aber das war dramaturgisch gesehen nicht machbar. Eines ist sehr widersprüchlich: die Mauer ist riesig, aber gleichzeitig nichts. Sie ist eine große Null, die sich im Voraus weder mit einem Geheimnis noch mit Bedeutung aufladen lässt. Ich habe außerdem den Eindruck, dass die Abstraktion, wie ich sie etwa bei „Naar Medeia“ benutzte, bei dieser Mauer nicht funktioniert. Ich war gezwungen, nach anderem Material und anderen Möglichkeiten des Theatermachens zu suchen.

P: Insgesamt geht es uns mit der Geschichte so, wie wir es uns auch beim Publikum erhoffen: alles zwingt uns dazu, neue Wege zu erkunden.

I: Auch die Entscheidung, dass wir mit acht Laienschauspielern, Kindern und Senioren, arbeiten, hatte Konsequenzen. Man muss die Schwächen der Laien in absolute Stärken umwandeln und sicherstellen, dass die Figuren leben und etwas zu sagen haben. Auch Pieter sah sich vor eine große Herausforderung gestellt: seine Sprache ist sehr reich, gespickt mit Adjektiven und Bildern, aber manche Darsteller erklärten, dass sie den Text sowieso nicht verstehen oder nicht so viel Text haben wollen. Das mussten wir berücksichtigen und uns fragen, ob wir nicht unterschiedliche Tonlagen und verschiedene sprachliche Register verwenden könnten. Es ist ein echter Balanceakt: Ich teste verschiedene Dinge aus, indem ich auf der Bühne improvisiere und verwende das dann, um daraus die Figuren, die Bilder und die Dramaturgie zu schöpfen. Pieter wiederum benutzt all das, um seinen Text zu schreiben.

Die Aufführung entstand aber aus einem Roman, war dadurch nicht schon viel vorgegeben?

P: Nicht wirklich, denn die Aufführung ist ja keine Bühnenbearbeitung eines Romans. Ich war ganz wortwörtlich vom Nullpunkt an ein Teil der Theatervorstellung, und das zählt und nicht die Form meiner Geschichte, die ja ein gänzlich anderes Genre verkörpert. Ich drückte Inne zwei Texte als Ausgangsmaterial in die Hand: die unfertige erste Version eines Romans und eine Mischform aus Philosophie/Politik/Groteske mit dem Titel „Variationen übers Mauerbauen für Anfänger“, ein Text, in dem ich einen utopischen Impuls in Worte zu fassen versuchte.

Einen utopischen Impuls?

P: Ich bin ein Fan von „élan vitaliste“ und befürworte ihn, schrecke aber gleichzeitig vor jeder Form utopischen Denkens zurück. In Kunst und Literatur wird die Utopie oft als von einer Mauer umschlossene Insel dargestellt. Die Mauer ist ein Grundelement utopischer Gemeinschaften. Innerhalb dieser Mauer dann entstehen die Utopien und mutieren zu totalitären Regimes. Man sehe sich nur einmal die Werke von Thomas Morus, Fourier und viele andere literarische Utopien an. Das Bild der Mauer taucht in all seinen schrecklichen konkreten Ausprägungen auf, sobald eine Gesellschaft ein utopisches Vorbild schaffen möchte. Die Berliner Mauer war das reale Resultat des Kommunismus, begriffen als totalitäre Utopie. Genauso macht die derzeit um die Festung Europa hochgezogene Mauer deutlich, dass sich der liberale Kapitalismus in Richtung einer totalitären Utopie bewegt.

Was halten Sie von solchen Utopien?

P: Wir bauen eine Rundmauer, und das Leben und die Geschichten spielen sich draußen ab, außerhalb der Utopie. Das von uns Eingemauerte bzw. der dort entstandene utopische Raum ergibt einen leeren Raum, der niemandem gehört und der sich nicht in Besitz nehmen lässt und deshalb auf Dauer ein Transitraum bleibt. Mich interessiert, wie man außerhalb der Mauer lebt und welche Auswirkungen diese Machtlücke zeigt. Die Idylle der Utopie sind nichts weiter als feuchte Träume übers zukünftige Wohlbefinden der Bourgeoisie. Sie haben wenig zu tun mit dem utopischen Impuls oder dem „élan vita“l.

Wir nutzen ein sehr altes Theatermittel: die Teichoskopie oder „Mauerschau“, den Blick von der erhöhten Warte der Stadtmauer, also der Augenblick, da der Zuschauer nur eine nackte Wand sieht, während sein Blick nach außen dringt, in ein Außen, das aus praktischen Gründen nicht auf der Bühne gezeigt wird. So etwa, wenn ein Kurier das Gesehene schildert oder berichtet wird, was außerhalb des Theaters geschieht. Wir hoffen, dass unsere „Mauerschau“ es dem Publikum ermöglicht, sich ein drastischeres Draußen vorzustellen, ein Draußen, das die Grenzen unserer Volkswirtschaft sprengt, die Gestade unserer zaghaften politischen Privathaushalte und ihrer zahmen Vorstellungskraft hinter sich lässt. In meinen Augen ist das dringend nötig. Man muss sich nur die vielen Einwanderer ansehen, das Ansteigen der Zahl der Ein-Euro-Jobs sowie der Eine-Milliarde-Euro-Jobs, die Umweltkatastrophe, die man bereits riechen kann, und so weiter und so fort, gleich entpuppt sich eine Tagespolitik, deren einzige Inspiration und einziges Ideal die „good governance“ ist, als perverser Zynismus. Das ist der Grund, warum ich mir schon heute eine Mauer ausmale, die sich zum Katalysator und Probenraum der Praxis von morgen mausert, zum stetig wachsenden Netzwerk von Geschichten, anhand derer sich ein Neuanfang finden lässt.

Inne, teilen Sie diese utopische Grundausrichtung? Was reizt Sie an dieser Mauer?

I: In Pieters Roman gibt es einen Mann, der in die Stadt zieht. Er geht durch die Stadt und beginnt sich Fragen zu stellen über die Leute, denen er an der Mauer begegnet ist, Gebrochene, die sich vor dem Verzweifeln zu bewahren suchen. Mir gefiel die Schönheit dieser Menschen. Sie alle gingen zu der Mauer in der Hoffnung, dass diese etwas lösen würde, dass sie etwas finden, was sie verloren haben. Ruhe? Sehnsucht?

P: Die Redewendung “tegen de lamp lopen” (wörtlich: ‚in die Lampe laufen’) bedeutet, dass etwas auffliegt, eine versteckte Wahrheit ans Licht kommt. Es wäre gar nicht so übel, wenn zukünftig die Wendung “tegen de muur lopen” (wörtlich: ‚in die Mauer laufen’) darauf hinwiese, dass auch die Geschichten ans Licht kommen, all die verletzlichen, zerbrechlichen Fiktionen, in denen man sich erkennt, in denen man seine Wunden zu lecken versucht, in denen man sich neu zu finden versucht. Die Mauer wird zu einer Art „Verbandsplatz“, aber nicht in dem Sinne, dass dort Wundpflaster verteilt werden.

I: Ich sehe in der Mauer einen Ort, an dem ich als Person etwas mitnehmen kann. Ich habe mich schon oft gefragt, ob ich ein Bauwerk kenne, das diese Wirkung hat. Natürlich gibt es die Kultorte der Religionen: Mekka, die Klagemauer usw. Der Mensch braucht einen Ort, an dem er ausrastet, wo er sich eine Geschichte von der Seele reden kann. In dieser Hinsicht kann eine Mauer enorme Anziehungskraft ausstrahlen. Ich fände es sehr schön, wenn die Zuschauer nach der Vorstellung noch ein Weilchen dablieben, sich auf eine Bank neben der Mauer setzen oder einander sogar selbst eine Geschichte erzählen. Es ist gar nicht nötig, dass sie diese unbedingt verstehen.

P: Nein, das stimmt, und darin sehe ich eine gewisse Parallele zu „Nachtevening“. Medea erzählt die Geschichte eines Individuums, das eine unbegreifliche, eine absurde Tat begeht. „Nachtevening“ wäre gescheitert, wenn man begriffe, warum Medea so gehandelt hat, aber ebenso, wenn man es ganz und gar nicht begreifen könnte. Für „Muur“ gilt das Gleiche. Das Theater ist gescheitert, wenn man nach der Vorstellung meint, verstanden zu haben, wofür die Mauer steht. Wenn man freilich nicht die leiseste Ahnung hat, was die Mauer besagen will oder warum sich die Menschen dort versammeln, wäre das ebenfalls verkehrt. Die Anziehungskraft liegt ja genau in der Frage, warum sich Menschen dort versammeln. Ich könnte 101 Gründe dafür nennen, doch das wäre dann schon wieder der 102. Grund.

I: Was wirklich leicht zu verstehen ist und was jeder in der Geschichte erkennen kann, ist die Aussage, dass eine neue Generation die alte Generation ablöst. Die ältere Generation, das lebende Archiv der Geschichten, ging davon aus, dass mit ihrem Tod die Mauer verschwindet. Doch dann kommen junge Neuankömmlinge, die alles über die Mauer wissen und sich dazu entschließen, das Werk ihrer Vorgänger fortzusetzen. Aber die Alten sind überzeugt, dass die Mauer nicht zur Gedenkstätte werden darf. Sie sind überzeugt, dass die Mauer niemandem gehört. Und sie hielten sich selbst immer für diejenigen, die sicherstellen, dass die Mauer niemandem gehört. Also entspinnt sich daraus ein Generationenkonflikt, das versteht sich von selbst.

P: Sobald die Mauer zur Gedenkstätte wird, sie religiöse oder politische Bedeutung bekommt, verliert sie ihre Kraft. Solange die Mauer niemandem gehört, ist es eine schöne Sache, in ihrem Umfeld wild und gefährlich zu leben – und auch darin erkenne ich kaum einen Unterschied zu unserer Lebensweise, auch wenn wir meinen, wir seien mit unseren Versicherungspolicen und mit Kris Peeters (dem Ministerpräsidenten von Flandern) bestens abgesichert. Diese Mauer ist kein Gefängnis, im Gegenteil ist sie etwas, das uns dazu verurteilt, frei zu sein. Es handelt sich um keine Mauer, die Raum einnimmt, ganz im Gegenteil erschafft sie einen Raum, damit dort etwas anderes entstehen kann als die Gesetze, die wir längst kennen: die Möglichkeit eines Beginnens.

Aus dem Englischen von Gerd Burger.


Die Theateraufführung entstand mit der Unterstützung des Goethe-Instituts und ist Teil des europäischen Theaterprojekts „After the Fall“. Die Universität Gent veranstaltet als „Studium Generale #8“ rund um das Stück „Muur“ eine Reihe von Vorträgen zum Thema ‚Muren … en andere vrijheden’ (Mauern und andere Freiheiten).

Trailer zu „MUUR“