Zazděná

Zazděná (Mauerschau)
von Barbora Vaculová

Konzept: Authentizität und „Blick von zwei Seiten“

Der Text entsteht in enger Zusammenarbeit zwischen der jungen Dramatikerin Barbora Vaculová und dem Inszenierungsteam des Theaters Letí. Diese Entscheidung rührte nicht zuletzt daher, dass die Autorin die authentischen Familiengeschichten der anderen Teammitglieder in ihrem Stück verarbeitet.

Bei der Zusammenstellung des Inszenierungsteams ist darauf geachtet worden, dass alle Mitglieder einen persönlichen biografischen Bezug zum Thema der deutsch-tschechischen Beziehungen haben. Dabei ging es nicht darum, das Kriterium der „Internationalität“ zu erfüllen. Dass Theatermacher aus Tschechien und Deutschland gemeinsam an der Inszenierung arbeiten, ist Grundstein unseres Konzepts: um eben jenen „Blick von zwei Seiten“ geht es uns. Wir haben ein Regietandem zusammengestellt, das dieses Konzept ideal widerspiegelt: Die Regisseurin Martina Schlegelová wurde in Tschechien geboren und lebt auch dort, ihre Familie aber stammt aus Deutschland. Die Regisseurin Susanne Chrudina wurde in Deutschland als Tochter einer tschechischen Emigrantenfamilie geboren. Auch andere Mitglieder des Inszenierungsteams kommen aus Familien, deren Eltern nicht von der gleichen Seite der „Mauer“ stammen. Es sind ihre persönlichen Familiengeschichten, die die Autorin Barbora Vaculová in ihrem Stück thematisiert.

Kabarett

Da das Stück aus einer Reihe von Episoden besteht, haben wir uns für die Form des Kabaretts als Inszenierungsmodell entschieden. Der bekannte zeitgenössische tschechische Komponist Aleš Březina schreibt die Musik für unsere Inszenierung – sie soll als Live-Musik ein wichtiger Bestandteil jeder Vorstellung werden.

Das Kabarett ist für uns ein Mittel, hat aber auch symbolischen Wert. Ein Mittel, um sich frei in Zeit und Raum bewegen und eine stark stilisierte Musik und Bewegungsarbeit einsetzen zu können, was vor allem für den Kontakt mit einem internationalen Publikum wichtig ist. Als Symbol sehen wir das Kabarett, weil es oft die Zeitgeschichte reflektiert und die Zeitgeschichte ihrerseits oft an Kabarett erinnert. Im Kabarett treffen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sprache, unterschiedlichen Schicksals. Das Kabarett ist frei und gleichzeitig grausam, witzig und gleichzeitig traurig. Die Frauen im Kabarett sind jung, schön und hoffnungslos verlassen – ähnlich wie in den Grenzstädten, mitten im Krieg oder in einer durch eine Mauer geteilten Stadt…

Synopse

Die Handlung des Stücks beginnt und endet in der Gegenwart, kurz vor dem Eintritt der tschechischen Republik in die Schengenstaaten – in einem kleinen Dorf im Sudetenland namens Himmlisches Ribnei, das gleich an der ehemaligen Grenze liegt. Es ist Allerheiligen, auf dem Friedhof brennen tausende Kerzen: eine Nacht, in der die Toten wiederauferstehen und die Vergangenheit lebendig wird. Die unheimliche Atmosphäre steht im Kontrast zu dem pragmatischen Gespräch, das drei Mädchen auf dem Friedhof miteinander führen – es handelt sich um Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr, die gerade einen Brand gelöscht haben, der von einer umgefallenen Kerze ausgelöst worden war. Eines der Mädchen stammt aus dem Dorf, sie ist die Tochter eines ehemaligen Grenzsoldaten, die anderen beiden sind ins Dorf gezogen, um beim Zoll zu arbeiten. In dem verlassenen Dorf sind ansonsten nur alte Menschen geblieben; es gibt keine jungen Männer, nur diese drei Mädchen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind.

Plötzlich taucht eine geheimnisvolle junge Frau namens Eva am Grenzübergang auf, anscheinend eine Deutsche. Sie steht neben einem seltsamen alten Autobus, den niemand kommen hörte und will über die Grenze fahren. Die Mädchen sind überrascht. Sie fragen Eva, was sie über die Grenze bringt und sie antwortet: „Heute Abend fahre ich euch über die Grenze!“ Eva verspricht den Mädchen, dass sie in dieser Nacht sein können, was sie wollen, Schauspielerinnen, Sängerinnen, dass sie jede Identität annehmen können, die sie wollen.

Damit beginnt das Kabarett. Eva verwandelt sich in einen Kabarettier, der uns durch die Zeit begleitet. Es gibt drei große Stationen: den Krieg, das Jahr 1968 und den Fall der Berliner Mauer. Am Ende sind wir wieder zurück in dem Dorf im Sudetenland – es ist früh am Morgen und die Mädchen stellen fest, dass sie die ganze Nacht lang an der Friedhofsmauer entlang gefahren sind. Eva enthüllt ihr letztes Geheimnis, die letzte Geschichte: Sie hat einen guten Grund, in genau dieses Dorf zu kommen. Sie wollte die Stelle sehen, an der ihr Vater von Grenzpolizisten erschossen wurde. Auf einmal beginnen die Geschichten, sich zu verbinden…

Die einzelnen Kabarettauftritte enthalten immer eine Geschichte und ein Lied. Der gemeinsame Nenner ist jedes Mal ein Augenblick, in dem historische Ereignisse in die Schicksale konkreter junger Frauen einbrechen.

Barbora Vaculová arbeitet viel mit Textkollagen aus Dialogen ihrer Figuren und Zeitdokumenten. So entsteht ein starker Kontrast zwischen „persönlicher“ und „öffentlicher“ Erfahrung von Geschichte. Die Lieder („Songs“) dienen einer Art emotionaler Zusammenfassung beziehungsweise stehen bei manchen Episoden am Anfang und treiben das Geschehen weiter.

Prinzip der Zweisprachigkeit

Da wir mit einem internationalen Publikum rechnen, wird die Inszenierung auf deutsch und auf tschechisch gespielt werden, was auch die Form des Texts beeinflusst. Das Regiekonzept konzentriert sich auf dieses Sprachexperiment und seine möglichen Umsetzungen (Susanne Chrudina hat in der Vergangenheit schon an einer deutsch-rumänischen Inszenierung gearbeitet). Hier möchten wir das Prinzip des „Blicks von zwei Seiten“ im Rahmen des Regietandems zur Geltung lassen kommen. Hier ein Beispiel aus unserer Arbeitspraxis: Eine Situation wird zweimal durchgespielt. Einmal in Regie der einen, einmal in Regie der anderen Regisseurin. Einmal wird die Situation aus dem Blickwinkel der einen Figur gezeigt, einmal aus dem Blickwinkel der anderen – die Perspektive und auch die Deutung der Situation ändern sich, der Text bleibt derselbe.

Eine der Schauspielerinnen spricht immer tschechisch, die andere deutsch. Wenn die Situation sich wiederholt, wechseln sie die Sprachen. Jeder Zuschauer versteht so nach und nach beide Figuren und erst am Ende werden ihm alle Zusammenhänge klar. Das Erzählen funktioniert nicht linear – der Zuschauer kennt den gesamten Text und sieht die Situationen zweimal in unterschiedlicher Interpretation – es liegt danach an ihm, sich seine Version der Wahrheit auszusuchen.