Zidul

Theaterintendant Lucian Sabados über „Zidul“ und das rumänische Theaterde

Eines der mutigsten Stücke der letzten 18 Jahre

Das Gespräch führte Harald Olkus

Ich war ziemlich überrascht, dass ein Stück wie „Zidul“ (Die Mauer) nicht in Bukarest aufgeführt wird, sondern in einer Stadt wie Ploiesti. Was ist das Besondere an Ihrer Stadt und Ihrem Theater?

Die interessantesten Stücke in Rumänien werden heutzutage außerhalb Bukarests gezeigt. Das ist zwar keine Regel und es gibt selbstverständlich auch einige interessante Stücke in Bukarest, aber in der Hauptstadt sind die Schauspieler sehr stark beschäftigt mit allen möglichen Produktionen – für das Fernsehen, für das Kino, die Werbung, für alle möglichen Unternehmungen. So ist es schwierig, dort eine einheitliche „Theaterszene“ zu schaffen. Und außerhalb Bukarests herrscht ein größerer Wettbewerb, auch für die Schauspieler. Selbst die großen Regisseure ziehen es vor, außerhalb Bukarests zu arbeiten. Das hat auch mit den niedrigen Honoraren zu tun, die von den staatlichen Theatern bezahlt werden. Hier in Ploiesti haben wir mit Unterstützung der Stadtverwaltung in den vergangenen acht, neun Jahren eine interessante Alternative aufgebaut. Wir haben hier gute Bedingungen: ein neues Theater, eine gute Technik und eine lange Theatertradition. Ploiesti war schon immer interessant für Schauspieler aus Bukarest, mehr als 75 Prozent unserer Akteure kommen von dort. Ploiesti ist zusammen mit den Theatern in Cluj, Sibiu, Sfântu Gheorghe und Craiova zu wichtigen Theaterstandorten außerhalb Bukarests geworden.

Was für Stücke spielen Sie hier in Ploiesti?

Ich bin vor allem an zwei Richtungen interessiert. Zum einen will ich zeitgenössische Stücke vorstellen. Im vergangenen Jahr habe ich eine ganze Saison dem hier in Rumänien weniger bekannten Theater aus Ländern wie Irland, Island oder Norwegen gewidmet. Das war nicht ohne Risiko, aber es kam sehr gut an. Zum anderen haben wir klassische Werke, zum Beispiel von Tschechow, Molière und Shakespeare im Repertoire. Vergangenen Monat spielten wir Shakespeares „Der Sturm“. Wir wollen diese berühmten Texte adaptieren und auf eine neue Art präsentieren, sprichwörtlich in neuen Kleidern.

Die Autorin und Regisseurin des Stücks sagte, es sei mutig von Ihnen, „Zidul“ aufzuführen. Was denken Sie, wie wird das Publikum reagieren?

Obwohl ich glaube, mein Publikum zu kennen, kann ich Ihnen das nicht genau sagen. Es gehört tatsächlich zu den mutigsten und provokantesten Stücken, die ich in den 18 Jahren als Theatermanager produziert habe. Ich schätze, die jungen Zuschauer werden es genießen. Sie werden von der Interaktivität des Spiels, dem Bühnenbild, der Provokation und der theatralischen Zeichenhaftigkeit förmlich in das Stück hineingezogen werden. Meine Generation zwischen 35 und 55 Jahren wird vermutlich zurückhaltender sein, weil wir im Kommunismus gelebt haben. Es macht aber die Qualität des Stückes aus, dass Theodora, die erst vierzig Jahre alt ist, es geschaft hat, die die Atmosphäre zu evozieren, in der sich die etwas verlorene mittlere Generation befindet. Die rumänische Gesellschaft ist, wie alle früheren sozialistischen Gesellschaften, eine geteilte Gesellschaft. Es gibt die Gesellschaft der Jungen, die Gesellschaft meiner Generation und die nostalgische, komische und groteske Gesellschaft der Alten, die von der heutigen Welt nicht mehr viel verstehen, die in ihrer Vergangenheit leben. Das sieht man auch im Stück: es gibt drei verschiedene Rumänien.

Welchen Einfluss hat Theater in Rumänien heute?

Das rumänische Theater war und steht an der Spitze der Kultur. Weil Schauspieler und Zuschauer zur selben Zeit am selben Ort sind, kommt es zu einem energetischen Austausch. Das ist der Vorteil des Theaters generell, auf der ganzen Welt. Aber in Rumänien ist das Theater die Avantgarde der Künste. Der Einfluss ist zahlenmäßig nicht sehr groß, das zu sagen wäre falsch. Diese Rolle nimmt das Fernsehen ein. Aber schon durch seine Unmittelbarkeit ist das Theater die wichtigste Kunst in unserer Kultur. Sie hat deshalb auch die größte Verantwortung. Denn wir können manipulieren, wir können die Kultur wirklich beeinflussen und die Gesellschaft erziehen. Das ist auch die Verantwortung gegenüber unserem Publikum

INTERVIEW

Theodora Herghelegiu
about her play „Zidul“
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INTERVIEW

Lucian Sabados about "Zidul" und the romanian theatre
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