Boris Nikitin

Produktion „F wie Fälschung“, 2009 © Boris Nikitin


Am 11. August 1979 wurde Boris Nikitin in Basel/Schweiz geboren. In seinem kosmopolitischen Elternhaus – der Vater halb Russe, halb Franzose, die Mutter Slowakin mit jüdischen Wurzeln – haben ihn unterschiedliche kulturelle Erfahrungsmuster geprägt. Nachhaltig beeinflusst durch die erste Spielzeit der Intendanz Stefan Bachmann am Theater Basel 1998/99, absolvierte er dort erste Hospitanzen und Assistenzen. 2001 hospitierte er bei der Zürcher Produktion „Berlin Alexanderplatz“ bei Frank Castorf. Anschließend vermittelte ihn Bert Neumann an die Nebenspielstätte der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz „Prater“, wo er mehrere Produktionen von René Pollesch als Regieassistent begleitete.

Von 2002 bis 2008 studierte Nikitin Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Dort realisierte er zuerst verschiedene künstlerische Projekte im Kollektiv. Seine erste eigenständige Regiearbeit „Woyzeck" (2007) gewann 2008 den Jury-Preis des Festivals 100° Berlin und war kurz darauf beim Körber Studio Junge Regie in Hamburg zu sehen. Zusammen mit seiner Gießener Folge- und Diplominszenierung "F wie Fälschung" wurde „Woyzeck“ 2009 in die Auswahl der besten zehn Off-Theater-Produktionen des Festivals "Impulse" eingeladen. Dort erhielt "F wie Fälschung" den Dietmar-N.-Schmidt-Preis.

Seit 2010 lebt Boris Nikitin wieder in Basel und produziert seine Theaterarbeiten an und mit freien Spielstätten wie der Kaserne Basel, dem HAU Berlin und der Gessnerallee Zürich. Seine Projekte touren oft mehrere Jahre lang international – zuletzt war „Imitation of Life“ (2009) u.a. in Johannesburg, Kapstadt, im Sakharow Center in Moskau, in Stamsund und Zagreb zu sehen. Gleichzeitig inszeniert Nikitin aber auch am Theater Freiburg und am Schauspielhaus Graz: Die Grazer Inszenierung „Der Fall Dorfrichter Adam“, Nikitins „Beitrag zum Kleistjahr“, wurde 2011 zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Als Kurator versammelte Nikitin im April 2013 u.a. Beiträge von Milo Rau, Gob Squad oder Gregor Gysi unter dem Motto "It's The Real Thing - Basler Dokumentartage 13" in der Kaserne Basel.

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Boris Nikitin: Porträt

Die Performerin Beatrice Fleischlin steht auf der leeren Bühne und erzählt uns ihr Leben. An der Schauspielschule habe sie damals eine Technik der Emotion gelernt, berichtet sie, die auf echter Erinnerungsarbeit beruhe. Immer, wenn sie auf der Bühne weinen solle, denke sie an ihren sterbenden Vater. Und während sie das alles erzählt, beginnt sie zu weinen.

Fast unmerklich hat sich an diesem Abend das Theater in die Wirklichkeit eingeschlichen. Bis zu dem Punkt, wo das echte Leben und seine Imitation ununterscheidbar ineinanderfallen. Das gelingt dem Basler Regisseur Boris Nikitin nicht nur bei „Imitation of Life“ (2009). Alle seine minimalistischen, präzise inszenierten Theaterräume hebeln die Koordinaten Wahrheit und Lüge, Wirklichkeit und Fiktion nachhaltig aus.

Schon in seinem Debüt 2007 verwandelte Nikitin Woyzecks berühmte Frage „Was spricht da?“ in eine abendfüllende Publikumsverunsicherung. Lange Zeit changiert der Alleinunterhalter Malte Scholz zwischen Privatheit und Figur auf der Bühne. Dass das lakonische Sprechen über „Woyzeck“ nicht die Einführungsveranstaltung, sondern die Inszenierung ist, dürften einige Zuschauer erst realisiert haben, als Scholz nach 45 Minuten charmant zum Publikumsgespräch auffordert. In seinem Meta-Kommentar zur Vielstimmigkeit des Dramenfragments und der Figur problematisiert Boris Nikitin nicht nur die „Zurechnungsfähigkeit“ Woyzecks – inklusive Diskurstrip zum Ursprung einer Tat, Formen der Ich-Abgrenzung, Identität und Fremdbestimmtheit. Er bezieht die Frage „Was spricht da?“ auch auf die historische Erfindung der „Autorschaft“ Georg Büchners im Verhältnis zu den juristischen Dokumenten und Krankenakten des historischen Falls. Dass die Arbeit an „Woyzeck“ damals mit der Suche nach einer eigenen Arbeitsweise zusammenfiel, die sich am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft vom „Kollektiv“ erst emanzipieren musste, ist kein Zufall. In der deutschsprachigen Theaterlandschaft ist Nikitin ein Einzelgänger, der sich ebenso deutlich vom klassischen Repräsentationstheater absetzt wie vom Zeitgeist dokumentarischer Theaterformen. Außerdem ist er ein notorischer Tiefstapler. „Natürlich kann man Theaterabende auch ganz anders beginnen“, gibt er lachend zu. „Gleich mit der großen Geste: Kunst und Kraft, und eine Grenze etablieren, damit man als Zuschauer weiß: Ich bin das bürgerliche Würstchen und oben tobt das Spektakel. – Aber das ist einfach nicht meine Haltung.“ Stattdessen schafft er beobachtungsintensive Denk- und Versuchsräume voller Mehrdeutigkeiten, die ihre Suggestivmittel offen ausstellen. „Theater ist ein Guckkasten, von dem der Zuschauer nie abgetrennt ist. Er funktioniert wie eine Erweiterung der Wahrnehmung.“

Deren Zuverlässigkeit stellt Boris Nikitin in seiner zweiten Regiearbeit „F – wie Fälschung“ noch grundlegender in Frage. Inspiriert vom titelgebenden Fälschungsverdacht und dem filmischen Essay von Orson Welles (1972), demontiert ein diesmal in virtuoser Bandbreite ausgeleuchteter Malte Scholz die Kategorien von Selbst, Wahrheit und Kunst durch die Offenlegung aller Manipulationsstrategien. Im vielleicht schönsten Moment der Inszenierung verselbständigt sich das Bühnen-Bild und kommentiert den bis zur „Authentizität“ gesteigerten emotionalen Ausbruch des Performers, indem es sein Neonröhren-Ensemble zur „Schönen Blauen Donau“ tanzen lässt. Als professionellem Lügner geht es Boris Nikitin natürlich weniger um Täuschung als Ent-Täuschung: Der Glaube an das „Authentische“ oder „Biografische“ auf der Bühne ist nicht der „Einbruch des Realen“, sondern eine gelungene Fiktion. Ob Boris Nikitin gleich aus mehreren Perspektiven den Allgemeingültigkeitsanspruch des deutschen „Grundgesetzes“ hinterfragt, unter dem Motto „Sei nicht Du selbst“ professionelle Strategien der Verstellung vorführen lässt, die dem grassierenden Terror des Privaten Widerstand bieten, oder auf grandiose Weise den religiösen Diskurs in einer Freiburger Mormonen-Kirche aufgreift, auf dass jedem überzeugten Atheisten seine verdrängten Glaubensgrundsätze um die Ohren fliegen – eine Nikitin-Inszenierung hinterlässt immer Spuren, die sich am Theater-Ausgang nicht verlieren. Vor einiger Zeit hat er sich auch eingehend mit der Anziehungskraft der vielleicht höflichsten Verweigerungsformel des passiven Widerstands beschäftigt: “I would prefer not to.” Doch während Hermann Melvilles kauziger Schreibertypus „Bartleby“ jeglicher Form von Weltgestaltung abgeschworen hat, sucht Boris Nikitin nach Möglichkeitsräumen: „Das Gefühl von Alternativlosigkeit ist für mich ein Zustand, den ich nicht akzeptieren kann. Letztlich geht es mir um einen Begriff von Freiheit.“

Anja Quickert

Boris Nikitin: Inszenierungen - Eine Auswahl

Sei Nicht Du Selbst
2013, Steirischer Herbst/Schauspielhaus Graz

It's The Real Thing - Basler Dokumentartage 13
2013 (Kurator), Kaserne Basel

How to win friends & influence people
2013, Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage/Theater Freiburg

Bartleby oder Sicherheit ist ein Gefühl
2012, Schauspielhaus Graz

Das Grundgesetz
2011, HAU Berlin

Diese Kinder sind in Ordnung
2011, Theater Freiburg

Universal Export
2011 Kaserne Basel

Der Fall Dorfrichter Adam
2010, Schauspielhaus Graz

Die Zeitmaschine 1980-2010
2010 Kaserne Basel

Imitation of Life
2009, Kaserne Basel

Talking Car
2008, Kaserne Basel

F wie Fälschung
2008, Probebühne ATW Gießen

Woyzeck
2007, Probebühne ATW Gießen