Boris Sieverts

Boris Sieverts © Marta Gendera
Boris Sieverts © Marta Gendera
Boris Sieverts © Marta Gendera


Boris Sieverts, geboren 1969, studierte Kunst an der Kunstakademie in Düsseldorf und arbeitete anschließend einige Jahre als Schäfer im französischen Zentralmassiv sowie in Architekturbüros in Köln und Bonn. Mit seinem „Büro für Städtereisen“ führt er seit 1997 Einheimische und Touristen in die Grauzonen städtischer Ballungsräume.
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Boris Sieverts: Porträt

Von Theater ist Boris Sieverts eigentlich meist eher „peinlich berührt“. Auch als Performer würde er sich nie bezeichnen. Er fühlt sich Architekten oder Stadtplanern viel näher. „Die Gegend, durch die ich führe, ist der Darsteller – auf keinen Fall ich selbst“, sagt er. Boris Sieverts organisiert Städtereisen an die diffusen Ränder der Zivilisation, jene Niemandsländer, die der Strukturwandel hinterlässt. Oder besser: recherchiert? Inszeniert? Analysiert? „Ich zeichne komplexe Bilder“, sagt er, „die Landschaft ist das Material“. In jenen abseitigen Industriebrachen, wo man kaum freiwillig hingeht, entdeckt er fremdartige Schönheiten und schenkt sie seiner Reisegruppe. „Das einzige, was ich inszeniere, ist die Tafel“, sagt er. Sieverts’ Führungen dauern selten kürzer als sechs Stunden, es gibt auch Zwei- und Dreitagestouren. Und weil sie vor allem Spaß machen sollen, ist es natürlich wichtig, dabei zu essen. Und so sucht er bei seinen Recherchen einen exponierten Ort mit schönem Blick, um den weiß gedeckten Tisch für seine rund zwanzig Mitwanderer zu platzieren, es gibt Grünkohleintopf, Krustenbraten oder Grillkost. „Viele haben mir schon gesagt, dass der Tag im Kölner Nordwesten ihr Sommerurlaub war“, erzählt Sieverts. Kaum zu glauben, zwischen Autobahnzubringern, Kiesgruben und Wegen, die ins Nichts führen. Zwischendurch macht Sieverts, selbst in voller Trekkingmontur, beiläufige Anmerkungen zu ästhetischen und soziologischen Besonderheiten der Landschaft, der Bebauung, die Bewegungsmuster seiner Bewohner.

Man wird durchs Unterholz geleitet, an Bahnschienen, wilden Müllkippen oder vergessenen Baracken vorbei, auch verschlafene und verbaute Vorstädte haben es ihm angetan: Nischen und Niemandsländer, die die Moderne produziert. Oder die Kölner Nord-Süd-Fahrt, jenes städtebauliche Verbrechen von 1957, das eine sechsspurige Autoschneise durch die Innenstadt schlägt.

Obwohl Sieverts im Ruhrgebiet, Paris und in Warschau gearbeitet hat, ist es wohl kein Zufall, dass er ausgerechnet in Köln sein Büro hat, in einem halb verfallenen Fabrikgelände im rechtsrheinischen Deutz, neben Medienbüros – aber auch so Bodenständigem wie Fahrradwerkstatt und Schreiner. Schon der Weg zu ihm wirkt wie eine seiner Stadtreisen: entlang des Auenwegs neben dem Mülheimer Hafen, endlos, groß, weit, dazwischen heruntergekommene Bootshäuser und verwitterte Toreinfahrten.

Köln, diese mitgenommene, rasierte Stadt, die nach dem Krieg so wildwuchernd hässlich wieder aufgebaut wurde, passt gut zu ihm. Im Theaterbetrieb wurde man auf ihn aufmerksam, seitdem theatrale Stadtspaziergänge in Mode gekommen sind. Vor dem Festival „Politik im Freien Theater“ 2008 nahm Kurator Rainer Hoffmann im Kölner Kunstverein an einer Führung teil und engagierte ihn, danach folgte für das Festival Theater der Welt 2008 in Leipzig das Projekt „Aus Flug Hafen Sicht“. Am liebsten wäre Sieverts mit seiner Reisegruppe von Leipzig nach Paris geflogen, die Flugverbindung war gerade neu eingerichtet und die Flughäfen weisen erstaunliche Parallelen auf - doch die Flüge wurden nicht gesponsert. Also beschränkte er sich darauf, eine „Landpartie mit Flughafen“ in Leipzig anzubieten, zu Fuß, zu Rad und im Pferdewagen. Und zeigte, wie Flughäfen Landschaften zerreißen, Straßen unterbrechen, sich auf ihre Vorderseiten ausrichten – und ihre Rückseiten verkommen lassen. Dass sie in möglichst wenig wertvolle Böden gebaut werden. Dass diese Entwicklung parallel bei allen Flughäfen der Welt passiert. Und erweckt genau für diese Entwicklung einen ganz neuen Blick.

Für das Goethe-Institut in Warschau machte er im Rahmen des Projekts „The Promised city“ einen zweitägigen Gang  um die Neubaugebiete der Stadt, die „gated communities“ für Neureiche, die durch einen Zaun und Wachpersonal von den anderen getrennt sind und beim Draufblick wie die schwarzen Striche eines Barcodes aussehen – und ungehindert, aber geometrisch abgezirkelt aus dem Boden schießen. Übernachtet wurde in Zelten, den Schlafsack musste man mitbringen.

Rund zwei Wochen Recherche braucht Boris Sieverts, um eine Tour minutiös vorzubereiten – mit topografischen Karten macht er sich auf, sucht nach einer „inneren Logik“ und gleichzeitig möglichst mäandernden Wegen. Denn es ist wichtig, dass sich seine Wanderer fremd fühlen und die Orientierung verlieren, auch wenn sie nur wenige Kilometer von zu Hause entfernt sind – damit jener Urlaubs-Effekt eintritt: distanziert und mit neuem Blick auf gewohnte Lebenswelten. Rund zwölf Führungen bietet Sieverts im Jahr an, davon sind etwa die Hälfte Auftragswerke. Die öffentlichen, die er macht, brauchten seit 1997 eine Weile, bis sie sich herumsprachen, mittlerweile gibt es echte Fans. „Das Hauptproblem ist, dass man sich nicht vorstellen kann, zwischen Poll und Ossendorf einen guten Tag zu haben“, sagt Sieverts. Doch es ist ihm wichtig, dass zwei wichtige Grundsätze des Tourismus sich erfüllen: Erholung und Abstand vom Alltag. Nie würde er einem Journalisten gestatten, nur für eine Stunde mitzulaufen. Entweder ganz oder gar nicht: „Ich versuche, eine einzelne Führung so lang zu machen, dass das, was man zu Beginn als alternative Realität sehen konnte, auf einmal nur noch so sehen kann“. Ein bisschen Gehirnwäsche sei also auch dabei in der Art, wie er die Blicke seiner Reisegruppe lenkt. Obwohl man letztlich, findet er, der Wahrheit der Landschaft so viel näher kommt.

Dorothea Marcus

Boris Sieverts: Projekte

Residenz beim Recherche- , Residenz- und Ausstellungsprojekt Kirunatopia
2011, Kiruna, Schweden

Hamburg - Reise in ein unbekanntes Land
Seminar an der Hafencity Universität Hamburg, Studiengang Kultur der Metropole
2011, Hamburg

Offenbach Innenstadt
Im Rahmen des Offenbacher Architektursommers
2011, Offenbach

Für Ruhr 2010 „A 40 – Eine Reise“
Juni/Juli 2010

„The Promised City“
2010, Goethe-Institut Warschau

„Aus Flug Hafen Sicht“ mit raumlabor,
2008, Festival „Theater der Welt“, Halle

„Der Kölner Norden“ (Reise in die raue Stadt)
2008, Festival Politik im Freien Theater