Claudia Bosse

Claudia Bosse © Julia Stix
Claudia Bosse © Julia Stix
Claudia Bosse © Julia Stix


Claudia Bosse wurde 1969 im niedersächsischen Salzgitter-Bad geboren und studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin. 1996 gründete sie gemeinsam mit Dominik Duchnik, Heike Müller und Silke Rosenthal in Berlin das Künstlerkollektiv "theatercombinat", das seitdem experimentelle Produktionen im Grenzbereich von Installation, Performance, Choreographie und theoretischem Diskurs hervorbringt. Claudia Bosse hat sich mittlerweile als künstlerische Leiterin des "theatercombinats" etabliert, das seit 1999 in Wien angesiedelt ist und in wechselnden personellen Konstellationen arbeitet, u. a. mit Josef Szeiler, Christine Standfest, Doris Uhlich oder Gerald Singer.

Claudia Bosses Arbeiten, die sich häufig ungewöhnliche Spielorte erschließen, wurden von Theatern wie Kampnagel Hamburg, FFT Düsseldorf oder dem Théâtre du Grütli Genf, von Festivals wie Theater der Welt oder den Theaterformen Braunschweig sowie von Museen wie dem Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst (MAK) Wien koproduziert. Zu mehreren ihrer Inszenierungen gab Claudia Bosse umfassende begleitende Publikationen heraus. Ihre Produktion von Elfriede Jelineks "bambiland", dem letzten Teil der vierteiligen Serie "tragödienproduzenten", wurde 2009 als Beste Off-Produktion mit dem Nestroy-Preis der Stadt Wien ausgezeichnet.
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Claudia Bosse: Porträt

Wer im Theater den bildungsbürgerlichen Kunstgenuss sucht und sich bequem in den Sessel zurücklehnen möchte, der ist bei der Regisseurin – oder sollte man besser sagen: Raumchoreographin? – Claudia Bosse an der falschen Adresse. Schon die Begriffe, mit denen das von ihr 1996 mitbegründete und bis heute geleitete Performancekollektiv "theatercombinat" in seinen Selbsterläuterungen hantiert, deuten in eine andere Richtung: "Forschungsarbeit", "Versuchsanordnung", "theatrale Recherche" oder "theatraler Prozess" – hier gilt's nicht dem Schönen, hier geht es um Erkenntnis, um Erfahrung, um performative Wissensproduktion.

Entsprechend wird der Zuschauer bei Claudia Bosse aus der Passivität des Theatersessels förmlich herausgerissen: In den szenischen Experimenten, welche die seit einem guten Jahrzehnt von Wien aus operierende, in Berlin ausgebildete Künstlerin in Gang setzt, ist das Publikum stets aufgerufen, sich seine eigene, individuelle Perspektive auf die Arbeiten zu erschließen. Claudia Bosses Zuschauer sind immer auch Akteure: ob man sich einen Weg durch die vom "theatercombinat" bespielten Räumlichkeiten suchen muss, die ein Schlachthof, ein Rohbau oder eine Industrieruine sein können; ob man zum öffentlichen Schlafen eingeladen wird wie bei "SCHLAFgegen düsseldorf" bei Theater der Welt 2002; ob man sich selbst auf dem Präsentiertierteller befindet, weil das Publikum auf der Bühne steht und die Spieler auf den Zuschauertribünen sitzen wie zu Beginn der Hamburger Aufführung von Heiner Müllers "Mauser" 2004; ob man als einer von gerade einmal drei "Beobachtern" einen einzig einem selbst vorbehaltenen Blick eingeräumt bekommt wie in der Wiener Heiner Müller-Adaption "où est donc le tableau" von 2005; oder ob man sich, äußerlich ununterscheidbar, von riesigen Bürgerchören umgeben sieht wie 2006 und 2008 in den "Perser"-Inszenierungen in Genf und Braunschweig – die Zuschauer in Claudia Bosses Installationen sind deren Teil und verändern die theatralischen Räume und Prozesse.

"Das Schöne an diesen Anordnungen der gegenseitigen Beobachtung ist, dass man auch die Angst der Zuschauer sieht", hat Claudia Bosse einmal in einem Interview gesagt: "Man sieht die Angst aller." Doch es griffe zu kurz, wollte man die Erzeugung dieser Angst als Ziel ihrer Arbeit ausmachen. Eher noch geht es um die Erforschung dieser Angst. Noch allgemeiner gefasst, widmet sich das "theatercombinat" der Erforschung ganz grundlegender Komponenten des Theatralischen. Leitfragen könnten lauten: Was machen Räume mit Menschen, und wie strukturiert eine (Massen-)Choreographie einen Raum? Wie verändert der Einbruch des Inszenierten die Wirklichkeit, wie ist es im umgekehrten Fall? Was macht Sprache, was machen bestimmte Sprechtexte mit einem Körper?

Um Antworten auf solche und andere Fragen zu finden, scheuen Claudia Bosse und ihre Mitstreiter keinen Aufwand. Die Vorarbeiten und Probenzeiten für Projekte wie die 36-stündige Performance "massakermykene" (2000 im ehemaligen Wiener Schlachthof St. Marx) oder "anatomie sade/wittgenstein" (Wien 2002) nahmen jeweils nahezu zwei Jahre in Anspruch. Claudia Bosse legt Wert darauf, dass nicht ein fertiges Inszenierungskonzept die Ergebnisse vorgibt, sondern dass sich während des Arbeitsprozesses die sprachlichen und räumlichen Gegebenheiten gewissermaßen in die Aufführung bzw. in die szenische Installation einschreiben. So strebte sie etwa bei "anatomie sade/wittgenstein" an, dass erkennbar werde, "wie diese texte [von Sade und Wittgenstein] auf den unterschiedlichen physiognomien und anatomien spuren hinterlassen oder verschwinden hinter den muskulären und sozialen gravuren des jeweiligen körpers". Kritische Anmerkungen, ob denn solche Ansprüche und die exzessive Vorbereitung auch vom Uneingeweihten am ästhetischen Ergebnis abzulesen seien, blieben in der Folge nicht aus. Zugleich aber errang sich Claudia Bosse mit der Radikalität ihrer Ansätze bei Kritikern und Theaterwissenschaftlern höchsten Respekt.

In den letzten Jahren ist Claudia Bosse von vornehmlich choreographisch-installativ geprägten Arbeiten zu im Grundsatz ganz traditionell textbasierten Inszenierungen zurückgekehrt. In einer "tragödienproduzenten" betitelten Serie erarbeitete sie Tragödien aus vier Epochen: Antike, Renaissance, Barock und Moderne. In der Art der Aneignung blieb sich Claudia Bosse jedoch treu: In den "Persern" des Aischylos etwa ergriff der fremde Rhythmus der antiken Vorlage regelrecht Besitz von 164 bzw. 300 Choreuten (in Genf bzw. Braunschweig), die zugleich durch ihre pure Masse den Bühnenraum, den sie mit den zahlenmäßig unterlegenen Zuschauern teilten, beliebig verengten oder auch durchlässig machten. Oder die Regisseurin ließ in sogenannten Stadtinterventionen verschiedene öffentliche Plätze mit Elfriede Jelineks "Bambiland" beschallen, während ein stummer Bewegungschor zur sprachlichen eine körperliche Präsenz hinzutreten ließ.

Für "Bambiland" erhielt Claudia Bosse 2009 den Nestroy-Preis der Stadt Wien. Im Mainstream ist sie damit freilich noch lange nicht angekommen. Und den bequemen Theatersessel darf man wohl auch künftig nicht von ihr erwarten.

Wolfgang Behrens

Claudia Bosse: Produktionen (Auswahl)

(alle Produktionen mit dem theatercombinat)

"designed desires"
2012, Zollamtskantine, Wien

"dominant powers. was also tun ?"
2011, theatercombinat, Wien

"the tears of stalin"
eine dreiteilige stadtintervention
2011, im Rahmen der Quadriennale, Prag

"vampires of the 21st century oder was also tun?"
2010, Forum Freies Theater, Düsseldorf, Kartographisches Institut, Wien

„2481 desaster zone“
2009, ehemalige Ankerbrotfabrik Wien

Elfriede Jelinek „Bambiland“
2008, verschiedene Spielorte in Wien

Aischylos „Die Perser“
2008, Theaterformen Braunschweig

Racine/Seneca „ Phèdre“
2008, Maison de Faubourg Genf

William Shakespeare „Coriolan“
2007, thepalace, Wien

Aischylos „Les perses“
2006, Théâtre du Grütli Genf

nach Heiner Müller und Michel Foucault „Où est donc le tableau ?“
2005, Nestroysäle Wien

Heiner Müller „Mauser“
2003/04, Nationaltheater Montenegro/Kampnagel Hamburg

„anatomie sade/wittgenstein“
2002, verschiedene Spielorte in Wien

„SCHLAFgegen düsseldorf“
2002, Forum Freies Theater  Düsseldorf/Theater der Welt

Nach Aischylos und Bertolt Brecht „massakermykene“
2000, Schlachthof St. Marx Wien

Bertolt Brecht „fatzer-fragment“
1998, Théâtre du Grütli Genf

Sylviane Dupuis „Moi, Maude ou la malvivante“
1996/97, Théâtre du Grütli Genf/Podewil Berlin