geheimagentur

geheimagentur © geheimagentur
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Die Bank of Burning Money, die Wunder-Annahmestelle, die Alibi-Agentur, das Tourism-Art-Stipendienprogramm – die geheimagentur produziert Situationen und Einrichtungen, die wie Fiktionen erscheinen und dann doch die Realitätsprüfung bestehen. Die Performances der geheimagentur überschreiten die Grenzen symbolischer Politik in Richtung auf 'instant pleasure’: sie lassen eine andere Realität im Kleinen entstehen, statt in kritischer Geste die alte Welt zu bestätigen. Die geheimagentur ist ein freies Label, ein offenes Kollektiv und der Versuch einer praktischen “art of being many“.

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geheimagentur: Porträt

Wer steckt eigentlich hinter der geheimagentur? Das ist – selbstredend – geheim. Die geheimagentur, das kann jeder sein. Seit 2002 entwickelt die Hamburger Performancegruppe vorrangig partizipatorische Projekte. Und je mehr Menschen daran teilnehmen, desto besser. Schließlich ist die möglichst breite Sozialisierung des Szenarios eines der wichtigsten Anliegen der geheimagentur. Keiner und zugleich jeder ist nach einer geheimagentur-Performance Künstler. Ist Akteur, Performer und Produzent. Die Arbeit der geheimagentur will sich ausdrücklich nicht an einzelne Künstlerbiografien binden, selbst ihre Initiatoren wollen im Hintergrund bleiben. Die Performancegruppe funktioniert entsprechend dem Motto „The art of being many“. Und es ist ihr ein höchst willkommener Prozess, wenn andere ihre Arbeit fortsetzen. Grundregel dabei ist:  Derjenige, der an mindestens einer Performance oder einem Workshop der geheimagentur teilgenommen hat, darf ab sofort den Namen, die Marke, das Label für seine nächste Aktion verwenden, kann behaupten, die geheimagentur zu sein.

Die Gage verbrennen

In den Arbeiten geht es stets darum, mit Interventionen, neue Wege der Performancekunst zu finden und die bestehende Aufmerksamskeitsökonomie zwischen Akteur und Zuschauer umzuschichten. Es werden Kollektive zum Erscheinen gebracht, die es vorher in dieser Form nicht gab. Dabei löst sich die eindeutige Zuordnung Performer-Zuschauer mehr und mehr auf. Zunächst wird eine fiktive Institution geschaffen. So etwa in der Aktion „Asche zu Asche. Eine Show zu Theorie und Praxis des Geldverbrennens“ (2003). Im Rahmen der Reihe go create™ resistance) präsentierte die  geheimagentur am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg verschiedene Modelle des Geld Verbrennens: Geld wird verbrannt, um den Ahnen zu opfern, um den Fetisch der Ware anzugreifen, um sich Aufmerksamkeit zu erkaufen oder sogar um damit noch mehr Geld zu verdienen. Während der interaktiven Vortragsperformance wurde ein Teil der Gage in Form von 10-Euro-Scheinen an das Publikum verteilt. Dieses war aufgefordert, die Möglichkeiten des Geld Verbrennens noch am selben Abendwahrzunehmen. Mehr als 60 Prozent der Teilnehmer haben  den ihnen ausgehändigten Schein schließlich auf die ein oder andere Weise verbrannt.

Der Wunsch als Werkzeug

Alle Arbeiten der geheimagentur folgen und dienen der Logik des Wunsches. Erst wenn die Erweiterung der Wirklichkeit, die fiktive, temporäre Parallelwelt, die von der geheimagentur gestaltet wird, zugleich die Wunschproduktion anspricht, kann ein kollektiver Forschungsprozess lebendig werden. Nur aus der Logik des Wunsches ergibt sich jene Energie, mit der sich die Teilnehmer  an den Aktivitäten einer solchen Einrichtung beteiligen und die angebotenen Möglichkeiten des Handelns und Erlebens erkunden wollen. Dabei ist der Wunsch als Instrument, als Prozess und der mehr oder weniger kollektive Wunsch als Resultat der jeweiligen Arbeit zu verstehen. Der Wunsch ist Werkzeug der Kollektivierung, lockt das Individuum geschickt ins Kollektiv. Sei es zum Tricksen und Betrügen im „Casino of Tricks“ (2007), zur individuellen Orakel- und Zukunftsbefragung in „China ist unsere Zukunft“ (2008) zur spontanen Flucht aus dem Alltag in der „Get-Away-Gala“ (2009) oder zum Erwerb der perfekten Kopie eines der berühmtesten Gemälde der Welt in „The Most Wanted Works of Art“ (2010).

Auf der Suche nach Antworten

Eine Mischung aus kluger Theorie, offenem Spiel und elementarer Forschung zeichnet die Arbeiten der Performancegruppe aus. Dabei ist der Begriff der Forschung ganz wörtlich zu verstehen: als eine möglichst publikumsnahe Antwortensuche, die als „Work in Progress“ stattfindet. Die geheimagentur sorgt lediglich für die Anregung, gibt den gedanklichen Anstoß, indem sie den jeweiligen Abend in einem kunstvollen Setting mit virtuosen Gastvorträgen und interaktiven Aktionen bereitet. Spielerisch forschen, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge hinterfragen und fremde Kulturen miteinander in Verbindung bringen: Die geheimagentur ist ständig aktiv. Sichtbar und unsichtbar. Ob es bei dieser Produktionsweise eine Lieblingsarbeit gibt? Eine, die besonders gelungen scheint? „Immer die nächste Arbeit ist die schönste“ lautet die Antwort. Produktiver geht‘s nicht.

Katrin Ullmann

geheimagentur: Produktionen

Parlez! Echte Piraten
2011, Kampnagel, Internationales Sommerfestival
Produktion zusammen mit dem FUNDUS Theater, dem Internationalen Sommerfestival Hamburg, in Koproduktion mit den Wiener Festwochen

Molotovs Magische Laterne
2011, Deutsches Theater Berlin

Akademie der Trickster (Casino, Workshop, Konferenz)
Steirischer Herbst Graz 2010

The Most Wanted Works of Art
2010, Kampnagel Hamburg/Wiener Festwochen

Get-Away-Gala
2009, Phu Quoc/Vietnam / Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Anleitung zur Wundersuche
2009, (in Kooperation mit dem Forschungstheater) FUNDUS THEATER

Die Abendschule der Verschwendung
2009, Thalia-Theater Hamburg

Die Alibi-Agentur
2008, Thalia-Theater Hamburg

China ist unsere Zukunft
2008, Peking/Kampnagel Hamburg 2008, Theater Hebbel am Ufer (HAU), Berlin (Prognosen über Bewegungen)

Casino of Tricks
2007, Urban Festival Zagreb

Club der Autonomen Astronauten
2006, (in Kooperation mit dem Forschungstheater) FUNDUS THEATER Hamburg

Die Wunder von Bochum
2005, Ruhrtriennale Bochum

Freiheit trainieren!
2005, Schillerfestival Weimar

Bank of Burning Money
2005, Schauspiel Frankfurt (Im Rahmen von Schöner wär's, wenn's schöner wär)

Asche zu Asche. Eine Show zu Theorie und Praxis des Geldverbrennens
2003, Schauspielhaus Hamburg  (Im Rahmen der Veranstaltung „go create™ resistance“)

Respekt: geben was man nicht hat
2002, Schauspielhaus Hamburg (go create™ resistance)

Partitur für Polizei und Sirenen
2002, Grenzcamp Hamburg