Helena Waldmann

'revolver besorgen' © Sebastian Bolesch
"revolver besorgen" © Sebastian Bolesch

Helena Waldmann, Tanzregisseurin und Theaterwissenschaftlerin (Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen), lebt in Berlin. Ihre radikalen Stücke feiern seit 1993 internationale Erfolge. Die politische Kraft ihrer Choreografien ist unverkennbar, so in ihrem in Teheran produzierten »Letters from Tentland« für sechs iranische Frauen, in ihrem in Palästina gedrehten Kurzfilm »emotional rescue«, in ihren von iranischen Exilantinnen formulierten Antworten auf die europäische Asylpolitik in »Return to Sender«, sowie in »feierabend! – das gegengift«, ein Fest gegen die moderne Arbeitsdiktatur. In »BurkaBondage« setzte sie den islamischen Schleier und das japanische Bondage in Beziehung, in »revolver besorgen« zeigte sie die sozial geächtete Rolle des Vergessens und entzündete in ihrem »GlückStück« ein Pulverfass des Tanzes. Derzeit arbeitet sie für »Made in Bangladesh« in Bangladesh, einem Zentrum der Ausbeutung von menschlichen Ressourcen.

Links zum Thema

Helena Waldmann: Porträt

Raucht irgendwo ein Krisenherd? Brennt national oder international, politisch oder gesellschaftlich die Luft? Explodiert gerade ein soziales Pulverfass? Dann ist das in der deutschen Kultur-Task Force, Abteilung Tanz, ein Fall von: »Frau Waldmann, übernehmen Sie!« An Helena Waldmanns Werkverzeichnis lässt sich ablesen, wo die Lunte verdächtig kokelt. Den Islam hat sie via »Letters from Tentland« / »Return to Sender« (2005/06) inspiziert, mit »revolver besorgen« (2010) stürzte sie die Demenz vom Mitleidssockel, und zuletzt zerlegte ihr »GlückStück« (2011) den happy go lucky-Zirkus unseres konsumbeseelten Daseins. Dabei zwingt Waldmann ihre Sujets nicht in apokalyptische Bilder. Vielmehr besteht ihre Meisterschaft im allmählichen Anziehen der dramaturgischen Schraube. Geradezu indianisch schleichen sich ihre Botschaften an, um zuletzt einen Erkenntnisblitz durchs Hirn des Zuschauers zu jagen.

Ordentlich Sprengstoff liegt auch auf dem nächsten Waldmann-Schauplatz herum. Wer bei H&M einkauft oder am liebsten Puma-Sneakers an seine Füße lässt (um nur zwei von sehr vielen Garderobiers zu nennen…), dem könnte »Made in Bangladesh« durchaus die Kauflaune verhageln: Akkordarbeit, Feuersbrünste, einstürzende Fabrikbauten – und trotzdem dampft der textilproduzierende Moloch weiter. Weil der Kunde im wellness wonderland Germany unbedingt sparen muss. Dass andere dafür mit dem Leben bezahlen, mindert sein Wühltisch-Wohlgefühl nicht. Deshalb gilt einmal mehr: »Frau Waldmann, übernehmen Sie!«
Dorion Weickmann


Wenn die Stadttheater noch immer nach frühkapitalistischer Manier geführt werden und die freie Szene ihr Geld wie Almosen empfängt, sollte ich den Kulturpolitikern und den In-Auftrag-Gebern dann nicht vorschlagen, demnächst unter denselben Maßgaben produzieren zu lassen, wie in Bangladesh die Billigklamotten hergestellt werden?
Helena Waldmann

Helena Waldmann: Produktionen

»Made in Bangladesh« (2014)
12 Performer/Tänzer/Musiker, Bühne variabel

»revolver besorgen / get a revolver« (2010)
solo, Bühne variabel, 60 min