Herbordt/Mohren

Die Aufführung, 2013, (c) Mathias Rümmler
Die Aufführung, 2013, (c) Mathias Rümmler

Melanie Mohren wurde 1979 in Bonn, Bernhard Herbordt 1978 in Würzburg geboren. Beide absolvierten 2005 das Studium am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, dem Theaterinstitut in Deutschland, das Wissenschaft und Praxis mit einer großen Nähe zu alternativen Inszenierungsansätzen verbindet.

Seit 2000 entstehen gemeinsame interdisziplinäre Projekte. Ihre Raum- und Klanginstallationen, Performances, Ausstellungsprojekte, Hörstücke sowie Theater- und Musiktheaterarbeiten werden in unterschiedlichsten internationalen Kontexten präsentiert und sind mit etlichen Preisen ausgezeichnet. Herbordt/Mohren verstehen Theater als einen Ort, an dem sich Öffentlichkeit selbst beobachtend und reflektierend begegnet.

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Herbordt/Mohren: Porträt

Zuschauer sind mittlerweile längst auch Akteure, Mitspieler und Performer. An partizipatorischen Projekten nehmen sie auf ganz unterschiedliche Weise teil. Auch Melanie Mohren und Bernhard Herbordt beschäftigen sich intensiv mit dem Publikum und involvieren es in ihre Arbeiten. Doch vermeiden sie beharrlich, ihm Interaktivität oder eine Rolle aufzuzwingen. Seit ihrer ersten Arbeit im Jahr 2000 entwickelt das Künstlerduo begehbare, theatrale Raum-Installationen, in denen man als Zuschauer maximale Entscheidungsfreiheit behält, viel darf, aber nichts muss. In diesen Bühnenwelten werden einem beim Betreten selten die Regeln klar, oft bis zum Schluss nicht. Wenn aber eingeübte Regeln für gesellschaftliches Zusammensein wegfallen: Wer folgt dann auf der Bühne wem? Wie bilden sich Gemeinschaften? Wie löst sich eine Gruppe wieder auf? Das sind Fragen, um die es Herbordt/Mohren geht, und die sie in ihren Arbeiten äußerst subtil behandeln.

Angefangen haben sie mit kleinen, schachtel-artigen Räumen wie etwa in „world in a box“ im Jahr 2000. Ein Container wurde in eine Black Box verwandelt. Die Zuschauer wurden zu zweit hereingelassen, saßen an den Kopfenden eines Tisches, jeweils ausgestattet mit Kopfhörern, auf denen Erzählungen über den Ort zu hören waren. Konkrete Handlungsanweisungen gab es jedoch nicht. Alles konzentrierte sich auf das Gegenübersitzen, auf die reale Präsenz zweier Menschen, die sich in dieser Situation automatisch zu beobachten beginnen und ihr Handeln, sei es nur eine winzige Handbewegung, nach ihrem Gegenüber ausrichten.

Die systemtheoretische Erkenntnis, dass sich Beobachter stets beim Beobachten zuschauen, zieht sich wie ein roter Faden durch Herbordt/Mohrens Projekte. Und die sind immer komplexer und vielschichtiger geworden, mittlerweile bieten sie hundert Besuchern Platz. Für „Die Aufführung“ im Oktober 2013 wurde in den Berliner sophiensaelen eine Bühnenwohnlandschaft aufgebaut. Klebestreifen markierten darin imaginäre Räume, Sperrholzplatten bildeten provisorische Wände, aber es gab auch eine echte Küche, in der ein Koch Suppe zubereitete. Oder man konnte sich zu einer Gruppe diskutierender Wissenschaftler setzen. Ein hybriden Raum, zumal wie auf einer Baustelle an den Wänden geschoben, gewerkelt und gebaut wurde. Ständig passierte etwas. Und die Zuschauer? Wanderten durch den Raum, verharrten, gingen weiter; jeder zwar autonom, aber doch Teil einer Menge. Aus der Luftperspektive ähnelte das dem Gewimmel eines Ameisenhaufens, in dem unablässig Bewegung herrscht: Die visuelle Übersetzung davon, wie Menschen Gemeinschaften bilden und im Sinne der Schwarmintelligenz ihre Entscheidungen treffen.

Herbordt/Mohren haben sich während des Studiums am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen kennengelernt, dem Theaterinstitut, das Wissenschaft und Praxis mit alternativen Inszenierungsansätzen verbindet. Eine ganze Generation junger Performance-Kollektive wie She She Pop, Gob Squad oder Rimini Protokoll wurde dort geprägt. Auch Herbordt/Mohren haben sich mit ihren Bühnen-Installationen weit vom klassischen Guckkastentheater entfernt, doch ihr inhaltlicher Anspruch lässt sich bei dessen Uridee verorten: gesellschaftliche Verhältnisse aufzeigen, das Verhalten vom Menschen zum Thema machen. Gleichzeitig geht es darum, die Bedingungen von Theater zu hinterfragen, neue Ästhetiken und Spielsituationen zu entwickeln.

Typisch für die Arbeit von Herbordt/Mohren ist die Vermischung unterschiedlicher Medien. Anfangs produzierten sie Hörspiele, in denen sie Motive aus Theater, Film, Radio und Fernsehen aufgriffen. Die Hörspiele übertrugen sie im nächsten Schritt in einen begehbaren Theaterraum. Dann beschäftigten sie sich mehr und mehr mit den Bewegungen der Zuschauer im Raum als visuelles Gestaltungselement. „Mediensprünge“ nennen sie solche Übertragungen.

Ihre Abende laufen an freien Theaterhäusern wie den Berliner sophiensaelen, dem Mousonturm Frankfurt oder Kampnagel Hamburg. Seit 2013 haben sie einen festen Wohn- und Arbeitssitz in Stuttgart. Statt in einzelnen Premieren-Abschnitten zu denken, entspricht ihre Arbeitsweise mittlerweile eher der Bildenden Kunst mit längeren Prozessen, aus denen einzelne Projekte ausgekoppelt werden. Ihrer kollektiv geprägten Arbeitsweise kommt das entgegen. Immer wieder arbeiten sie mit den Bühnenbildnern Leonie Mohr und Hannes Hartmann zusammen, die für die assoziativen Raumkonstruktionen verantwortlich sind. Und längst gibt es auch wiederkehrende Bühnenelemente und Inhalte, Archivmaterialien etwa wie Frage- und Antwortkarten zu existenziellen Themen. In „Die Aufführung“ konnte man sich auch einfach an einen Tisch setzen, wenn man wollte, und neunzig Minuten lang diese Materialien durchschauen.

Bei aller Theorielastigkeit ist ein Theaterbesuch bei Herbordt/Mohren ein sehr atmosphärisches Erlebnis, das zeichnet ihre Arbeiten aus. Stets erschaffen sie einen Kosmos aus Geräuschen, Visionen und Wünschen. Oft ähnelt das begehbaren Akustik-Hörspielen, die einen wie Dolby-Surround umhüllen und zu denen jeder Besucher seine eigene Geräuschkulisse beiträgt. So schärfen einem Herbordt/Mohren die Sinne, Teil einer Gemeinschaft zu sein, ohne vorzuschreiben, wie man sich zu verhalten hat.

Simone Kaempf

Herbordt/Mohren: Inszenierungen – Eine Auswahl

„Die Aufführung“
2013, sophiensaele Berlin

"Die Institution" (Durational Performance)
2013, Stuttgart, Römerstraße 2, Stuttgart-Süd

„Das Stueck“
2012, Akademie Schloss Solitude Stuttgart

„Alles was ich habe #5: Zuschauen“
2011, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt

„Alles was ich habe #4: Reden“
2011, sophiensaele Berlin/Zeitraumexit Mannheim

„Alles was ich habe #3: Handbuch für alles“
2011, Galerie Matica Srpska Novi Sad

„Alles was ich habe #2: Dear Visitor“
2010, Württembergischer Kunstverein, Akademie Schloss Solitude Stuttgart

„Alles was ich habe #1: Theater-Installation“
2010, sophiensaele Berlin

„Wie man ein Loch in den Himmel macht“
2008, sophiensaele Berlin/Kampnagel Hamburg

„Von Mücken, Elefanten und der Macht in den Händen“ (Musiktheater)
2008, Theater Bonn/Kampnagel Hamburg

“for sale(untitled)”
2006, Schauspiel Stuttgart

„Patent: Night Flight“
2004, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt/Main

„world in a box“ (Audio-Theater für zwei Zuschauer)
2001, Festival Diskurs Gießen

“Looking for a Small Story” (Szenische Klang-Installation)
2000, Festival Diskurs Gießen

Hörspiele

„Babels Bau“
2009, Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk

„Niemandsland“
2007, Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk, WDR und Schweizer Radio DRS 2

“City Levels“
2005, WDR, SWR und Schweizer Radio DRS 2

“Looking for a Small Story”
2000, Hessischer Rundfunk