Hofmann&Lindholm

Hofmann & Lindholm © Verlag schaefersphilippen
Hofmann & Lindholm © Verlag schaefersphilippen
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Hannah Hofmann (geboren 1971) und Sven Lindholm (geboren 1968) haben in den 90er-Jahren am Institut für Angewandte Kulturvermittlung in Gießen studiert. Seit 1997 leben sie in Köln. Seit dem Jahr 2000 realisieren sie Projekte zwischen Theater, Film und Bildender Kunst. 2009 wurden sie mit einem Atelierstipendium des Kölnischen Kunstvereins ausgezeichnet und erhielten den Theaterpreis der Stadt Köln.

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Hofmann&Lindholm: Porträt

Wenn man in der Supermarktschlange vorgelassen wird, ist das nett. Wenn der Vorlasser aber die Einkäufe bezahlt und nach Hause trägt, ein Bad in seiner Wanne anbietet oder gar heimlich die Sportklamotten der Kinder flickt, wird es unheimlich. Grenzüberschreitung oder gute Tat? Das Unbehagen wächst schnell. „Séancen – Versuche zur Aufhebung der Schwerkraft” hieß das Projekt, mit dem Hofmann&Lindholm 2007 am Theater Essen Premiere hatten: eine Untersuchung über Moral, Macht und Machtmissbrauch.

Monatelang hatten Hannah Hofmann und Sven Lindholm mit fünf „Komplizen” gearbeitet, Menschen ohne Bühnenerfahrung, die in ihrem Auftrag als Feldforscher ausschwärmten und ihre zwielichtigen Werke für die Menschheit begingen. Danach erzählten sie davon und Hofmann&Lindholm gossen ihre Erfahrungen in Theatertexte. Auf der Bühne sieht man: Menschen in Alltagskleidung, die keine Schauspieler sind und sachlich einen auswendig gelernten Text sprechen, der von ihnen stammt und doch wieder nicht und poetische Nüchternheit entfaltet. Im Hintergrund läuft ein Film, der die Taten der Protagonisten „beweist“, aber nachträglich inszeniert ist – ein verwirrendes Spiel mit Medienwahrheit und vermeintlicher Realität.

Eine Arbeitsweise, die typisch für Hofmann&Lindholm ist und den Zuschauer ins Schleudern bringt. Hannah Hofmann und Sven Lindholm sind ein Künstlerpaar, das sich nicht ohne weiteres einordnen lässt: Konzeptualisten, die sich von bildender Kunst befruchten lassen, Theatermacher, die die Bedingungen von Theater hinterfragen, aber auch Hörspielautoren, Videokünstler und Filmemacher. Sie selbst nennen sich gerne „Interventionalisten”. Denn eins ihrer Grundthemen ist der winzige Eingriff ins alltägliche Bewusstsein.
Manchmal ist der Eingriff aber auch brachialer. So zum Beispiel in ihrer Auftragsarbeit für das Theater Basel im Mai 2010. Zu den „Basler Unruhen“ wurden sie inspiriert, weil ihnen Basel so auffällig ruhig vorkam. Daher fingierten sie einen Aufstand. Die „Komplizen“ sind quasi die Augenzeugen, so realitätsnah, dass sich manch einer die Augen reibt, wieso er nichts mitgekriegt hat.
Auf der Leinwand wird mitten in Basel ein Jaguar zertrümmert, eine Tram entführt, das Rathaus gestürmt.
Die „Basler Unruhen“ hatten so viel Erfolg, dass man am Theater gleich eine Fortsetzung wollte. Doch Hofmann&Lindholm hängen an ihrer Unabhängigkeit, die ihnen ermöglicht, mit dem HAU in Berlin oder dem FFT in Düsseldorf zu koproduzieren, mit dem Kunstverein Zürich oder als Gastdozenten an der Berliner Universität der Künste zu arbeiten. Gerade hat Sven Lindholm eine Gastprofessur an der Universität Bochum erhalten.

Dass sie nach Köln gezogen sind, nachdem sie an der Gießener Kaderschmiede für Regisseure Angewandte Theaterwissenschaften studiert hatten, war eher Zufall – aber beide schätzen das etwas Provinziellere, abseits von Berlin. „Uns interessieren mehr Schrebergärten als Twintowers. Köln hat nie etwas Kleinstädtisches, aber man hat die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen”, meint Sven Lindholm. Ihr „Büro für angewandte Kulturvermittlung“ liegt in einem gelben Haus im gutbürgerlichen Stadtteil Klettenberg, an der befahrenen Luxemburger Straße. Bis vor kurzem waren sie als eine der wichtigsten freien Gruppen von Köln jedoch wenig präsent in der Stadt.

Doch dann verpflichtete sie die Intendantin Karin Beier im Herbst 2009 erstmals für eine Arbeit am Kölner Schauspiel. In „Noch nicht – Desinformationsabend für inoffizielle Mitarbeiter“ wurden wieder große Themen wie „Überwachung“ an kleinsten Beispielen verhandelt. Fünf „Komplizen“ schwärmten wie Terrorzellen aus, um ihr Intimstes unbemerkt der Öffentlichkeit preiszugeben und dabei einen Abend über Voyeurismus, Privatsphäre und Durchleuchtung zu kreieren. Einer versteckte private Briefe in toten Briefkästen. Ein anderer ließ seinen Führerschein im Bus spazieren fahren. Eine dritte verzierte mit ihren Familienbildern eine Fotoecke bei Kaufhof. Als die beiden damit im Dezember 2009 den Kölner Theaterpreis gewannen, der eigentlich freien Gruppen vorbehalten ist, gab es Proteste in der Szene – da die Premiere im Stadttheater war. Trotzdem fühlen sie sich auf jeden Fall als freie Gruppe: „Wir haben uns danach lange mit der Frage beschäftigt, wie definieren wir uns“, sagt Sven Lindholm, „wir möchten nicht fest zu einem Haus gehören. Wir arbeiten gerne dort, aber nur auf unsere Weise“.

Hofmann&Lindholm waren 2003 die ersten, die eine spezielle Form von nachgestellter und verfremdeter Wirklichkeit auf dem Theater erfunden haben. Zwar gab es auch damals schon die Pioniere des Authentischen wie die Gruppe Rimini-Protokoll, aber damit ist ihre Arbeit nur bedingt vergleichbar. Während jene auf die realen Lebensgeschichten von „Experten“ wie Bestattern, Börsenmaklern oder Karl-Marx-Liebhabern zurückgreifen, kreieren Hofmann & Lindholm mit ihren „Komplizen“ eigene Geschichten und verändern den Alltag,
so dass er tiefer, doppelbödiger und komischer wirkt.

Sie begreifen sich als politisch, aber ohne aufklärerischen Impuls. So wie bei der Videoinstallation „Serie Deutschland“ für das Festival „Politik im freien Theater“ 2008. Mit normalen Bürgern, gefunden über Annoncen, stellten sie Bilder aus dem kollektiven Alltagsbewusstsein der Deutschen aus dem Rheinland nach – auf langsamen, lautlosen und faszinierenden Videos, in die man sich stundenlang versenken konnte. Momentan erweitern sie die Videoinstallation mit dem Goethe-Institut in Warschau um den Kniefall von Willy Brandt – und greifen so letztlich nicht nur in den Alltag, sondern auch in unser historisches Unterbewusstsein ein.

Dorothea Marcus

Hofmann&Lindholm: Projekte

RADIOORTUNG
2011, Schauspiel Köln/Deutschlandradio Kultur

Heile Welt
2010 HAU3 - Hebbel am Ufer in Berlin

Basler Unruhen (Theater)
2010 Theater Basel

Serie Deutschland (Videoinstallation)
2010 HAU3, Berlin. Shedhalle, Zürich
2009 Goethe Institut Warschau
2008 Festival Politik im Freien Theater.

Noch nicht. Desinformationsabend für informelle Mitarbeiter (Theater)
2009 Schauspiel Köln

faites vos jeux! Revoltainment (Theater & Hörstück)
2008 Forum Freies Theater, Düsseldorf. HAU, Berlin. PACT Zollverein, Essen
2009 Deutschlandradio Kultur

Notiz/Wunderblock (Film)
2008 Schauspiel Köln
2009 short film festival, Hamburg. Filmfestival, Münster

Séancen. Versuch zur Aufhebung der Schwerkraft (Theater)
2007 Schauspiel Essen

Aspiranten (Theater)
2003 Forum Freies Theater, Düsseldorf. HAU, Berlin. Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt, Theater im Depot, Dortmund
2004 Impulse Festival

Provisorische Gesellschaft (Installation)
2000 Freiwild-Festival, Halle / Saale