Ligna

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Die Gruppe LIGNA existiert seit 1997. Sie besteht aus den Medientheoretikern, Radio-, Theater- und Performancekünstlern Ole Frahm, Michael Hueners und Torsten Michaelsen.

In Shows, performativen Interventionen und Installationen erforschen sie die Handlungsmöglichkeiten sich zerstreut und temporär assoziierender Kollektive. Bevorzugter Ort der Interventionen ist der zunehmend kontrollierte öffentliche Raum, für den die Form des Radioballetts entwickelt wurde: Das Radio strahlt eine Choreografie der verbotenen und ausgeschlossenen Gesten aus, die durch die RadiohörerInnen massenhaft und unkontrollierbar an den Ort zurückgebracht werden. Wählt die Signale - Ein Radiokonzert für 144 Mobiltelefone dagegen engagierte die RadiohörerInnen in eine kollektive zwölfstündige Musikkomposition, während das Theaterstück Der Neue Mensch das Publikum dazu aufforderte, sich den Bühnenraum in einer komplexen gestischen Interaktion anzueignen und das Theater als Ort der Repräsentation in Frage zu stellen.

Ihre Arbeiten wurden mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnet.
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Ligna: Porträt

Sie arbeiten schon lange zusammen. Zunächst beim Radio, genauer: beim Freien Sender Kombinat in Hamburg. Immer wieder experimentierten Ole Frahm, Michael Hueners und Torsten Michaelsen in diesem Rahmen mit neuen Formen dieses Mediums. Elementarer Ausgangspunkt ihrer anschließenden Arbeiten als Performancegruppe LIGNA ist Brechts Radiotheorie aus den späten zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. In einer Sammlung verschiedener Texte setzt sich Bertolt Brecht darin mit dem damals noch jungen Massenmedium auseinander und plädiert für eine Veränderung des Mediums von einem „Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat“. Das Radio solle nicht nur senden, sondern auch empfangen. Der Hörer solle die Rolle des Sendenden einnehmen und aktiv mitarbeiten. Nur so würde das Medium tatsächlich demokratisch genutzt und der Rezensent zum Produzenten.

Ballett am Bahngleis

Den Performancekünstlern geht es um die „Erforschung der Rezeptionssituation als Quelle für Produktion“. Exemplarisch dafür steht das „Radioballett“, das erstmals 2002 realisiert wurde. Am Hamburger Hauptbahnhof versammelten sich Hunderte von Menschen, ausgestattet mit tragbaren Radios samt Kopfhörern. Die Mobilisierung war über mehrere interne Verteiler organisiert worden. Doch natürlich konnte sich auch derjenige, der sein Radio auf die FSK-Frequenz geschaltet hatte, an der Performance beteiligen. Auf freundliche Ansagen hin waren die Personen aufgefordert, bestimmte Gesten auszuführen. Sie setzten sich etwa auf den Bahnsteig, streckten ihre Hand zum Betteln aus oder zogen ihre Schuhe aus. Die Regieanweisungen kamen aus dem Kopfhörer – aus dem Äther. Sie ermöglichten nicht nur eine ungefähre Synchronisierung der Beteiligten, sondern auch eine zunehmenden Aneignung des öffentlichen Raums. Die Privatisierung des öffentlichen Raums als zentrales Thema dieser Arbeit war so brisant, dass deren Realisierung zunächst per Gerichtsentscheid von der Deutschen Bahn AG untersagt worden war. Die nicht angemeldete und doch unvorgesehen im Vorfeld an die Öffentlichkeit geratene Aktion war als „Fremdversammlung im öffentlichen Raum Bahnhof“ Inhalt des Streitpunkts. Der Rechtsstreit ging durch zwei Instanzen, in dem LIGNA das „Radioballett“ – im Gegensatz zur Versammlung – als kollektive Form der Zerstreuung verargumentierte und gewann.

Das Spiel ist eröffnet

„Wir selbst versuchen, unsichtbar zu sein“, kommentieren die Künstler ihre Haltung während der Performances. Sie entwickeln die Konzepte und Texte, schaffen den Rahmen, das Spielfeld – sei es auf der Theaterbühne oder im urbanen, öffentlichen Raum – und überlassen die Situation den Besuchern, übergeben ihnen die Verantwortung. Dann ist das Spiel eröffnet mitsamt seiner Unkontrollierbarkeit. Der Hörer wird zum Akteur und bewegt sich in der so spannenden wie fragilen Balance zwischen Vereinzelung und Kollektiv. Während er die jeweilige Radiosendung per Kopfhörer rezipiert scheint er vereinzelt, durch seine Engagement im Raum jedoch wird er Teil eines Kollektivs, Teil der (Performance)-Produktion. So entwickelt sich aus einer zunächst zufälligen Konstellation von Teilnehmern die gezielte Assoziation von Produzenten.

Performatives Hörspiel

Die Performance „Der neue Mensch. Vier Übungen in utopischen Bewegungen“ (2008) ist eine Versuchsanordnung, die in vier Kapiteln Visionen eines „neuen Menschen“ nicht nur vorstellt, sondern erlebbar macht. Es sind Positionen von Bertolt Brecht, Wsewolod Meyerhold und Rudolf von Laban, über die der Zeitgenosse Charles Chaplin stolpert. Mit Kopfhörern ausgestattet, bewegen sich bereits nach kurzer Zeit alle Teilnehmer über die (zuschauerlose) Bühne. Sie gehen, schreiten und gleiten. Sie wirbeln ihre Gliedmaßen durch die Luft, jagen einander, tragen Stühle, springen, kauern, sitzen und rufen. Sie alle hören dasselbe „performative Hörspiel“ – nur in unterschiedlicher Reihenfolge. Sie alle nehmen die vorgestellten Positionen einmal ein, sind Kollektiv und Individuum, vereinzelt und zerstreut. Ganz ohne Kollektiv wiederum funktioniert die Arbeit „Eiland“, die im Rahmen des diesjährigen Sommerfestival auf Kampnagel stattfinden wird. Je ein Teilnehmer wird auf eine künstliche Insel auf der Alster gerudert, auf der er 25 Minuten lang – mit Kopfhörern – verweilen darf, ohne dass sichtlich etwas für ihn inszeniert wird. Umgeben von Wind, Wellen und Wasser lauscht er einem Text über Wasser als Ware, der nach und nach die idyllisch-plätschernder Kulisse des Ortes bröckeln lässt. Ohne Schauspieler, Bühne oder Publikum – und in diesem Fall auch ohne Kollektiv – wird ein Stück produziert. Es ist Theater ohne Theater, eine Performance, die fast ausschließlich in den Köpfen der Teilnehmer stattfindet. Und deren Imagination wird zum essentiellen Bestandteil einer höchst individuellen Performance.

Katrin Ullmann

Ligna: Produktionen/Projekte (Auswahl)

The First International of Shopping Malls. Im Rahmen von Ciudades Paralelas (kuratiert von Stefan Kaegi und Lola Arias)
2010, Theater Hebbel am Ufer, Berlin; Buenos Aires

Das Rätsel des Wassers. Performative Rundgänge in der Alsterschwimmhalle.
2010, Im Rahmen der Deutsche Masters 2010. Kampnagel, Hamburg

What we can´t hear II. Performative Raumerkundungen. Im Rahmen von X-Moradias
2009, Goethe Institut Sao Paulo/ X-Moradias (Sao Paulo, Brasilien)

Es fährt! Übungen nach der Schreber-Methode. Eine performative Fahrschule für ein anderes Autofahren
2009, Im Rahmen des Programmes Shared Space. Einstellungsraum, Hamburg

Große Freiheit Landungsbrücken.
Fünf Theaterkurse Hamburger Schulen begeben sich auf die Suche nach der Freiheit vergangener und zukünftiger Zeiten an den Hamburger Landungsbrücken
2009, Theater macht Schule, Kampnagel, Hamburg

Die Verschwörung der Flaneure. Eine performative Flanerie in den kontrollierten Passagen des Konsums.
2009, In der Frankfurter Einkaufspassage MyZeil. Im Rahmen von FLANEUR – Der Kongress. Schauspiel Frankfurt am Main

Das Labor für unkontrollierbare Situationen. Eine performative Erkundung der Kontrollmechanismen und subliminalen Handlungsmöglichkeiten in Shopping Malls am Beispiel der Europa Passage.
Im Rahmen des Symposiums Virtualität und Kontrolle.
2008, Hochschule für Bildende Künste/Thalia Theater, Hamburg

Der neue Mensch.
Vier verschiedene Entwürfe zur Konzeption eines „neuen Menschen“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Brecht, Chaplin, Laban, Meyerhold) werden in utopische Übungen, Bewegungen und Gesten übersetzt und performativ mit dem Publikum erprobt.
2008, Kampnagel, Hamburg

Em busca da Revolução Perdida
Eine performative Suche nach den Spuren der Revolution vom 25. April 1974.
2008, Radio Antena 2/Rádio e Televisão de Portugal RTP (Lissabon, Portugal).

Das Unbewusste der Sterne
Eine Demonstration zur Zukunft politischer Bewegungen auf dem Kurfürstendamm in Berlin. Im Rahmen von Prognosen der Bewegungen.
2008, Zentrum für Bewegungsforschung/Theater Hebbel am Ufer, Berlin

The porloined voices
Radio-Performance
2007, Im Rahmen des Festivals Break 2.4: Potemkin village, Ljubljana

Schatzsuchen in Wilhelmsburg I-III.
Performative Zerstreung im öffentlichen Raum. Im Rahmen des Kunst & Kultursommer 2007.
2007, IBA Hamburg

The Transient Radio Laboratory II
Performances in verschiedenen Shopping Malls der Innenstadt von Dublin
2007, Festival Out of Site, Dublin

Karneval der Tiere
Ein performativer Radioparcours zur Frage nach der „Bestie Mensch“ in der Mannheimer Innenstadt. Im Rahmen der 14. Internationalen Schillertage.
2007, Nationaltheater Mannheim

Vive l’association. Ein Radioballett zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Pariser Platzes und des Brandenburger Tors
2007, Eröffnungsprogramm der Woche des Hörspiels an der Akademie der Künste, Berlin

Odyssee N&K.
Ein performativer Radioparcours auf den Spuren eines historischen Streiks in der ehemaligen Maschinenfabrik Nagel & Kaemp.
2007, Kampnagel, Hamburg

Normierte Räume – Abweichende Gesten.
Ein Radioballett zu Fragen kollektiver Gesten auf dem Leipziger Augustusplatz. Im Rahmen der Ausstellung Eine Frage (nach) der Geste.
2007, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig

Radiotelephonie
2006, Performance und Ausstellung im Rahmen des Festivals RadioREVOLTEN, Halle

Love is in the Air. Eine performative Liebesgeschichte in der Grazer St. Andräkirche
In Zusammenarbeit mit der Autorin Bernadette Schiefer im Rahmen des Projektes Writing Acts
2006, Steirischer Herbst, Graz

Nacht. Stimme. Zerstreuung.
Ein Monolog für einen Sprecher
2006, Kunstradio/ORF (Wien, Österreich)

RADIO MAMUTICA
Temporäres Radio und Performances im Rahmen des Urban-Festivals
2006, Zagreb

I Am[not]sterdam. 10 Exercises to get the City out of your Body
Eine performative Radiointervention in der Amsterdamer Innenstadt.
2006, Im Rahmen von Het publieke verlangen. De Balie, Amsterdam

Die Zukunft der Radiokunst
Eine akustische Intervention im öffentlichen Raum. Im Rahmen der Ausstellung Stile der Stadt
2006, Kunst und Konsumarchitektur, Hamburg

Lustpark Turbinenplatz
Performance für 40 Teilnehmer als Teil von Re / location I: Sanatorium
2006, Schauspielhaus, Zürich

Die Summe der einzelnen Teile – Übungen in abweichendem Glauben
Performance in der Liebfrauenkirche in Duisburg
2006, Im Rahmen von PubliCity – Constructing the Truth und Akzente. Kulturfestival des Landes Nordrhein-Westfalen, Duisburg

Die ursprüngliche Zerstreuung. Eine kollektive Produktion
Eine performative Installation im Rahmen von If I can't dance, I don't want to be part of your revolution!
2005, Veenfabrik (Leiden, Niederlande)

Glücklich durch Radiowellen
Eine performative Radioexpedition zur Suche nach dem Glück als Teil des Eröffnungsprogramms der Ruhrtriennale
2005, Ruhrtriennale, Bochum

Das Gespenst der Freiheit
Eine mitternächtliche Radiointervention in der Weimarer Innenstadt auf den Spuren Friedrich Schillers
2005, Deutsches Nationaltheater, Weimar

Institute for Driving Experience: ID drives!
Performance und Verteilung einer CD mit performativen Übungen für Autofahrer im Parkhaus für das Messe- und Konferenzzentrum MECC in Maastricht.
2005, Im Rahmen des Projektes Trichtlinnburg, Jan van Eyck-Akademie, Maastricht

Dispersed Tourists. Ein Radioballett über Tourismus in der Salzburger Innenstadt
2005, Im Rahmen des Projektes Trichtlinnburg vom Salzburger Kunstverein (Salzburg)

Auf zur zerstreuten Barrikade! Ein Radioballett zu Fragen von Widerstandspraktiken in der Frankfurter Innenstadt („Fressgass“)
2005, Im Rahmen von „Schöner wär’s, wenn’s schöner wär“ – Der Kongress am Schauspiel Frankfurt, Frankfurt/Main

Kult der Zerstreuung. Übungen in abweichendem Verhalten
Ein Radioballett gegen den Kult des Warenfetischs in der Mönckebergstraße in Hamburg. Im Rahmen von Go Create Resistance 7
2004, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg

Ordnung muss sein! Fünf Schritte in das Unbekannte einer globalisierten Welt
Eine Radiointervention im Rahmen von „Globalisierung für Fortgeschrittene # 2“
2004, museum kunst palast, Düsseldorf

Der Palast ist in Gefahr!
Eine performative Zerstreuung in utopischem Raum
2004, Im Rahmen von „Fun Palace Berlin 200X. Urbane Kommunikationsräume für das 21. Jahrhundert.“, Berlin

Wer sucht, der findet... Eine Schnitzel- und Rätseljagd durch die Bremer Innenstadt
2004, Im Rahmen von „freiRäumen“ vom Jungen Theater Bremen

Wir brechen das Glas. Eine „radiointerventionistische Einfühlung in die Warenform“ in der Wiener Innenstadt
2004, In der Reihe GEFÜHLSATHLETIK des Tanzquartiers Wien

Versiegelt die Stadt! Eine Radiointervention zur „Durchkreuzung kontrollierter Oberflächen“ in der Frankfurter Innenstadt
2004, Im Rahmen der 5. Internationalen Sommerakademie, Frankfurt am Main

Es gibt keine Situation, die ausweglos wäre.
Eine Radioperformance anlässlich der Wiedereröffnung des Palastes der Republik (Berlin) 2004, Palast der Republik, Berlin

Dinge, die wir nicht tun dürfen – Übungen im performativen Kunstgebrauch
Eine Intervention für die Ausstellungsräume des Museums für Angewandte Künste
2004, MAK, Wien

Das Brüllwunder von Meiningen
Unsichtbares Theater im Öffentlichen Raum anlässlich des Theaterfestivals Junge Hunde. Meininger Theater, Meiningen

Anormalisierung des Alltagslebens
Ein Interventionistisches Radioballett in der Hannoveraner Innenstadt im Rahmen von REpublicACTION/THEATERFORMEN (Hannover)
2004, Festival Theaterformen, Hannover

____________ Die Schachtel des Nichts
Radio-Performance anlässlich der Ausstellungseröffnung von Portal II in der Kunsthalle Fridericianum (Kassel)
2003, Fridericianum, Kassel

Sternental. Eine Straßenoper in 5 Akten
Performative Radioexpedition im Rahmen von Go Create Resistance 5
2003, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg

Radioballett: Übung in nichtbestimmungsgemäßem Verweilen
Öffentliches performatives Radiohören im Leipziger Hauptbahnhof im Rahmen der Veranstaltungsreihe Entsicherung der Schaubühne Lindenfels (Leipzig)
2003, Schaubühne Lindenfels

Labyrinthe und Interferenzen I. Ein nächtlicher Gang durch eine sterbende Stadt.
Radioexpedition durch die Hamburger Innenstadt im Rahmen von Go Create Resistance 4.
2003, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg

Wählt die Signale – ein Radiokonzert für 144 Handys
12-stündiges interaktives Radiokonzert aus dem Lichthof der Galerie der Gegenwart
2003, Hamburger Kunsthalle, Hamburg

Mental Radio Show
Radio- und Bühnenshow in Zusammenarbeit mit 10 KünstlerInnen aus dem Ostseeraum im Rahmen der ArtGenda 2002.
2002, Neues Cinema/Deutsches Schauspielhaus, Hamburg

Radioballett: Übung in unnötigem Aufenthalt
Öffentliches, performatives Radiohören im Hamburger Hauptbahnhof. Im Rahmen von Formierte Öffentlichkeit – Zerstreute Öffentlichkeit.
2002, Hamburger Kunsthalle, Hamburg

Lignas Music Box live aus dem „Mobile Home“
2001, Kunsthalle Hamburg, im Rahmen der Ausstellung ein/räumen

Dead Cowboys Radio Show
Radioshow und Feldkongress zusammen mit der Theatergruppe Mass und Fieber (Zürich) im Rahmen des Ausstellungsprojektes RE_public
2000, Grazer Kunstvereins auf der Expo 2000, Hannover , Steirischer Herbst, Graz