She She Pop

She She Pop © She She Pop

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She She Pop wurde 1998 von Absolventinnen des Giessener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft gegründet. Die ständigen Mitglieder des ursprünglich rein weiblich besetzten Performance-Kollektivs Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou, Berit Stumpf und Sebastian Bark, leben in Berlin und Hamburg.

Die PerformerInnen von She She Pop arbeiten außerhalb der hierarchischen Strukturen des Repertoiretheaters; sie entwickeln und performen ihre Produktionen im Kollektiv. Markenzeichen der Truppe ist die starke Einbindung des Publikums als eine Kraft, die den Performanceverlauf mitgestaltet.


2010 erhalten sie den Preis "Wild-Card" des Festivals Favoriten für ihre Lear-Adaption "Testament" sowie 2011 den Preis des Goethe-Instituts beim Festival Impulse

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She She Pop: Portrait

Wer am deutschen Stadttheater etwas über den Konflikt zwischen Vätern und Töchtern erzählen will, greift gerne zu «King Lear». Nicht so die Mitglieder des Performance-Kollektivs She She Pop. Das heißt: Auch sie greifen in ihrer Produktion «Testament» (2010) zu Shakespeares Drama in Gestalt eines ordentlich durchgearbeiteten Reclamheftchens – eine für ihre Arbeitsweise eher ungewöhnliche Maßnahme. Doch schon sehr bald hat der Text, per Overhead-Projektor an die Bühnenwand geworfen, nur noch die Funktion eines Stichwortgebers. Tatsächlich schlüpfen vier Performerinnen (der insgesamt siebenköpfigen Gruppe) nicht in die Rollen der Königskinder, sondern treten als sie selbst ihren leibhaftigen Vätern gegenüber, um mit ihnen auf der Bühne den generationellen Tausch von Geld und Liebe zu verhandeln.
Da rechnet der kinderlose Sebastian Bark schon mal den Gegenwert für Zeit und Geschenke in Euro um, die seine Nichten und Neffen bereits in Anspruch genommen haben. Lisa Lucassen spielt am Pinboard durch, wie viel Platz noch in ihrer Wohnung bliebe, wenn dort ihr Vater mit seinen Bücherregalen einzöge – keiner. Und Fanni Halmburger listet die kommenden Pflegestufenstationen ihres Vaters auf – während dieser mit brüchiger Stimme «I will always love you» intoniert. Doch die Väter sagen auch deutlich, dass sie die bisweilen selbstentblößende Art ihrer Töchter, Theater zu machen, für problematisch halten. Und stehen doch – aus Liebe? – selbst bis auf die Unterhose nackt mit auf der Bühne.

Wie in «Testament» geht es bei She She Pop meistens ums Eingemachte. Um die Angst zu versagen, zu altern, bedeutungslos zu sein. Um Schamgefühle, die uns in der Kunst wie im Leben im Wege stehen. Und um die Schwierigkeit, inmitten von anderen Individuen eine eigene Identität oder Rolle zu finden. Komplexe Gefühlslagen und Seelenzustände also, für die sich die Truppe der Dramaturgien von Quizsendungen und Wettkämpfen, gruppentherapeutischen Gesprächskreisen und Familienfesten, von Blind Dates und Ballnächsten bedient und das Publikum gerne mit einbezieht.

Als sich 1998 Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou, Berit Stumpf und etwas später der einzige Mann der Truppe, Sebastian Bark, zu «She She Pop» zusammenschlossen, befand sich die freie Szene gerade in einer euphorischen Umbruchphase. Insbesondere am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft entstanden in der zweiten Hälfte der 90er Jahre – die sogenannte Spaßgesellschaft existierte noch – Regie-Kollektive, deren Namen cool und geheimnsivoll wie die von Popbands klangen: «Gob Squad», «Showcase Beat Le Mot» oder das «Madonna Hiphop Massaker», das im übrigen tatsächlich eine Band war. Wie She She Pop suchten sie, frei von den arbeitsteiligen Hierarchien und Professionalisierungszwängen des Stadttheaters, ihr künstlerisches Material in der Popkultur, im eigenen Alltag und in sozialen Ritualen mit hohem Wiedererkennungsfaktor.

Die frühen Produktionen von She She Pop wirkten manchmal wie Kindergeburtstage im Endstadium des Flaschendrehens, wobei die Gastgeberinnen auffällig bewandert in Kapitalismuskritik und Gendertheorie schienen. In «Trust!» (1998) zum Beispiel forderten sie das Publikum im Rahmen einer Tabledance-Show dazu auf, mit ihnen Preise und Leistungen auszudiskutieren; in «Live!» traten die Performerinnen als Wettkämpferinnen gegeneinander an und ließen die Zuschauer über das Resultat weiblicher Konkurrenz abstimmen. Der gruppentherapeutische Stuhlkreis von «Bad» (2002), in dem She She Pop den sadomasochistischen Pakt reinszenieren wollte, geriet vor allem zu einer zähen Übung im Aushalten von Peinlichkeit. Aber ist Theater nicht immer ein Stückchen Fremdscham?

Zumindest birgt die Nacktheit der She-She-Pop-Frauen immer auch ein Kampfansage gegen genormte Frauenkörper – und spitzt das Verhältnis von Zuschauern und Akteuren treffend zu.
Es gibt nicht viele Ensembles, mit denen sich so gut altern lässt wie mit She She Pop. Die Truppe, deren Mitglieder in Berlin und Hamburg leben und meist noch in anderen Jobs tätig sind, produziert ihre Theaterabende immer auch an ihren biografischen Lebenszusammenhängen entlang. In «Lagerfeuer» (2005) versuchten sie, die mit allen ironischen Wassern gewaschene Haltung der kreativen Großstädterinnen abzulegen und nach einer gemeinsamen Utopie zu suchen. In einer Phase subventioneller Flaute entstand «Die Relevanz-Show» (2007), in der sich die Frauen-Combo auf ihre eigene Daseinsberechtigung hin befragte und selbstironisch bis verzweifelt im Friedrichstadtpalast-Look um Aufmerksamkeit rang. Mit Erfolg – die Produktion schaffte es zum Impulse-Festival. Und in ihren jüngsten, nicht mehr so aggressiv die Haltung des Publikums herausfordernden Arbeiten («Familienalbum», «Testament»), beschäftigen sich die mittlerweile Anfang 40-Jährigen folgerichtig mit der Keimzelle jedes emotionalen Chaos: der Familie. Schließlich altern auch im richtigen Leben die eigenen Eltern, haben einige Mitglieder Kinder bekommen, andere sich dagegen entschieden.

An «Testament» lässt sich ablesen, dass sich She She Pops langer Weg durch die Unterhaltungsformate und eigenen Seelenentblößungen gelohnt hat. Ihre bislang stärkste und berührendste Arbeit analysiert geschickt und unterhaltend die emotionalen Ambivalenzen im Generationenkonflikt – ohne Urteile zu fällen oder Menschen bloßzustellen. Jeder Sekunde dieses durchaus verspielten und verdichteten Abends ist anzumerken, dass er auf eigener Erfahrung gründet – und ist doch hunderprozentig anschlussfähig.
Im Falle von She She Pop kann man endlich mal sagen: Wir freuen uns auf Midlife-Crises und Menopause!

Eva Behrendt

She She Pop: Produktionen (Auswahl)

Ende
2013, Theater Hebbel am Ufer, Berlin
Forum Freies Theater, Düsseldorf

Nach David Foster Wallace Unendlicher Spaß-Fußnote 24
2012, Theater Hebbel am Ufer, Berlin

Schubladen
2012, Theater Hebbel am Ufer, Berlin
Kampnagel, Hamburg

She She Pop ist die Marquise von O. ...
2011, Maxim Gorki Theater, Berlin

7 Schwestern
2010, Theater Hebbel am Ufer, Berlin

Träumlabor
2010, Theater Hebbel am Ufer (HAU 3), Berlin

Testament
2010, Theater Hebbel am Ufer (HAU 2), Berlin
Preis "Wild-Card" des Festivals Favoriten 2010
Einladung zum Berliner Theatertreffen
Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost 2011
Preis des Goethe-Instituts beim Festival Impulse 2011

Die Welt, in der wir leben
2009, Theater Hebbel am Ufer (HAU 3), Berlin

Familienalbum
2008, Theater Hebbel am Ufer (HAU 3)

Heimatmuseum
2007, Festpielhaus Hellerau

Die Relevanz-Show
2007, Kampnagel, Hamburg

Für alle
2006, Theater Hebbel am Ufer, Berlin

Lagerfeuer
2005, Festival steirischer herbst, Graz

Warum tanzt ihr nicht ?
2004, Kampnagel, Hamburg

Homestory
2002, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (Prater), Berlin

Bad
2002, Kampnagel, Hamburg

Rules
2001, Festival reich & berühmt, Podewil, Berlin

Trust !
1998, Festival Junge Hunde, Kampnagel, Hamburg, festival reich & berühmt, Podewil, Berlin

Schlammbeißers Reisen
1997, Festival 12 Stunden, Gießen