Sebastian Baumgarten


© Sebastian Hoppe
Geboren am 31.1.1969 in Ostberlin. Die Mutter ist Sängerin, der Vater Arzt, der Großvater Intendant der Staatsoper unter den Linden. Drei Jahre nach der Einschulung wechselt er auf das Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium, das den Schwerpunkt auf die musikalische Ausbildung legt. 1989, nach Abitur und Dienst in der Volksarmee, Beginn des Regiestudiums an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“.

Ab 1990 arbeitet er als Assistent von Ruth Berghaus, Einar Schleef und Robert Wilson unter anderem in Hamburg, Wien, Berlin und Zürich. Ab 1992 erste eigene Regiearbeiten. Von 1999 bis 2002 ist er Oberspielleiter und stellvertretender Operndirektor am Staatstheater Kassel, von 2003 bis 2005 Chefregisseur in der Oper und im Schauspiel am Theater Meiningen. 2002 erhält Sebastian Baumgarten für seine Inszenierung von Puccinis „Tosca“ am Staatstheater Kassel den Götz-Friedrich-Preis. 2006 wird er zum Opernregisseur des Jahres gewählt.
2006 wird er zum Opernregisseur des Jahres gewählt und experimentiert in der Folge zunehmend im Grenzbereich von Schauspiel und Oper, bevor er sich 2006 schwerpunktmäßig mit bislang eher unbekannten Stücken des russischen Surrealisten Michail Bulgakow beschäftigt.
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Porträt: Sebastian Baumgarten

Wer als Regieassistent bei Ruth Berghaus, Einar Schleef und Robert Wilson gearbeitet hat, wird entweder Opern- oder Schauspielregisseur. Er wurde beides, startete allerdings anders als Kollegen wie Jossi Wieler oder Sebastian Nübling. Sebastian Baumgarten inszenierte zuerst an der Oper, was insofern naheliegend war, als seine gesamte Ausbildung in Richtung Musiktheater zielte und aus ihm ein bekennender Opernregisseur hätte werden müssen. Aber genauso außergewöhnlich wie sein Weg zum Schauspiel ist seine Haltung zum Musiktheater. Baumgarten stellt bis heute die traditionelle Opernästhetik in Frage und sucht im Schauspiel die Freiheiten, die die Oper verweigert. Auch das ist aus heutiger Sicht nahe liegend. Immerhin gehört Baumgarten zu den Intellektuellen unter den Regisseuren und ist stark daran interessiert, bei der Umsetzung von Inszenierungsideen, politische und historische Bedingungen zu thematisieren.

Als er zum Beispiel in Mannheim Goethes "Egmont" inszenierte, reduzierte er das Historiendrama auf den Handlungsstrang und erläuterte historische Zusammenhänge anhand lexikalischer Einschübe. Das gab dem Goethe-Text Schärfe. Vollends in der Gegenwart kam Baumgarten an, indem er die Geschichte der niederländischen Glaubenskriege des 16. Jahrhunderts mit Texten von Giorgio Agamben unterfütterte und den bedenklichen Zustand demokratischer Machtapparate thematisierte. Baumgarten vertritt einen avancierten Regie-Begriff, steht aber nicht für ein Theater der Dekonstruktion. Er sucht die geschichtlich-politische Reflexion auf der Bühne und setzt auf ein Publikum, das sich zum Denken verführen lässt. Damit handelt er sich auch scharfe Kritik ein. Als er Ende 2007 am Düsseldorfer Schauspielhaus Lars von Triers "Europa" für die Bühne adaptierte, wurde ihm vorgeworfen, er habe die dramatischen Potentiale der Vorlage nicht genutzt und lediglich "politisch kritisches Fußnotentheater" inszeniert.

Seine Regie-Vita zeigt, dass er nach Stoffen sucht, die inszenatorische Freiheit gewähren. Dabei adaptiert er gerne Filme, denen moralphilosophische Fragestellungen zugrunde liegen und die, wie er sagt, "die dunklen Seiten der Aufklärung" verhandeln. Neben Lars von Triers "epidemic" und Europa widmete er sich vor allem Kristof Kieslowskis drittem Dekalog-Teil "Du sollst Vater und Mutter ehren". Bemerkenswert ist auch, dass Sebastian Baumgarten Uraufführungen zeitgenössischer Theatertexte meidet, sich dafür aber umso intensiver der Klassik zuwendet und dabei immer wieder mit Goethe auseinander setzt - wie Anfang der Spielzeit 2007/2008, als er am Schauspiel Hannover den "Faust" inszenierte, den Text als bekannt voraus setzte und eine Recherche-Revue daraus machte. Das Ergebnis war ein "frei assoziierender 'Faust'-Diskurs", der dennoch "sinnliche Sogkraft" hatte (Süddeutsche).

Er sei erst zufrieden, sobald das szenische Material sich vom zugrunde liegenden Text emanzipiert habe, sagte Sebastian Baumgarten einmal in einem Gespräch. Auch da sprach der Schauspielregisseur, der gelegentlich mit den engen Grenzen der Oper hadert und in einer seiner letzten Regiearbeiten die beiden Gleise seiner Arbeit insofern zusammen führte, als er an der Berliner Volksbühne eine musikalische Sprechtheaterfassung der "Tosca" inszenierte. Er griff nicht nur auf das Libretto der Puccini-Oper zurück, sondern auch auf Victorien Sardous Theaterstück "La Tosca", während er gleichzeitig die Grenze zwischen Schauspiel und Oper verwischte.

Diesen Weg ging er weiter, als er Wolfgang Amadeus Mozarts "Requiem" mit Armin Petras und Jan Kauenhowen "In der Schlangengrube. Sechs Lebenslinien" kreuzte, das Ganze allerdings nicht in einem Schauspielhaus, sondern an der Komischen Oper, Berlin inszenierte. Damit etablierte Baumgarten sich einmal mehr als intellektueller Flaneur im Grenzgebiet von Oper und Schauspiel, experimentierte im Sprechtheater aber auch weiter mit einem Crossover der Mittel und Formen. 2008 gelang ihm am Frankfurter Schauspiel eine beeindruckende Dramatisierung von Albert Camus' „Der Fremde“. Er legte den Roman als Bühneninstallation an und entfaltete um die Geschichte von Meursault, dem Mörder aus Gelegenheit, ein Camus-Essay mit Textteilen, Videobilder und Tönen.

Das Jahr 2009 sollte dann Baumgartens Bulgakow-Jahr werden. Er inszenierte kurz hintereinander zwei eher unbekannte Stücke des russischen Surrealisten: Zum Auftakt der Saison am Düsseldorfer Schauspielhaus die Premiere von "Sojas Wohnung" und kurz darauf mit „Die Flucht“ am Stuttgarter Staatsschauspiel eine Reaktion Bulgakows auf die Oktoberrevolution und die Fluchtbewegungen „antisowjetischer Emigranten“. In der historischen Konstellation entdeckte Baumgarten eine Parabel auf heutige Migrationsbewegungen, versuchte das langatmige Stück allerdings auch insofern zu beleben, als er es als trashiges Containertheater inszenierte. Das gelang nur teilweise und es zeigte sich, dass Sebastian Baumgarten derzeit zwar zu den experimentierfreudigsten Regisseuren zählt, für seine geschichtlich, soziologisch und philosophisch aufgeladenen Bühnenessays aber die passenden Stoffe benötigt.

Jürgen Berger

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Heiner Müller "Zement"
    2015, Maxim Gorki Theater, Berlin
  • Leo Tolstoi "Die Macht der Finsternis"
    2012, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Richard Wagner "Tannhäuser"
    2011, Bayreuther Festspiele
  • Ralph Benatzky "Im Weißen Rössl"
    2010, Komische Oper, Berlin
  • Nach Jacques Offenbach "Die Banditen"
    2010, Theater am Neumarkt, Zürich
  • Michail Bulgakow"Die Flucht"
    2009, Staatstheater Stuttgart
  • Michail Bulgakow "Sojas Wohnung"
    2009, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Heinrich Mann "Professor Unrat"
    2009, Maxim Gorki Theater, Berlin
  • Albert Camus "Der Fremde"
    2008 Schauspiel Frankfurt
  • Wolfgang Amadeus Mozart "Requiem"/Armin Petras und Jan Kauenhowen "In der Schlangengrube. Sechs Lebenslinien"
    2008 Komische Oper Berlin
  • Nach Michail Afanasjewitsch Bulgakow "Der Meister und Margarita"
    2008, Schauspiel Düsseldorf
  • Nach Sardou/Puccini/Tarwater "Tosca"
    2008 Volksbühne Berlin
  • Nach Lars von Trier "Europa"
    UA 2007 Schauspiel Düsseldorf
  • Johann Wolfgang von Goethe "Faust"
    2007, Schauspiel Hannover
  • Benjamin Britten "Peter Grimes"
    2007, Semper Oper Dresden
  • Einar Schleef "Berlin - ein Meer des Friedens"
    2006 Maxim Gorki-Theater Berlin
  • Nach Barry Gifford „Perdita Durango“
    2006, Schauspiel Frankfurt
  • Jean Paul Sartre „Die schmutzigen Hände“
    2006, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • "Wagner Hörschule"
    2006 HAU Berlin
  • Georg Friedrich Händel "Orest"
    2006 Komische Oper Berlin
  • Arthur Miller "Hexenjagd"
    2006 Schauspiel Köln
  • William Shakespeare "Richard III"
    2005 Staatsschauspiel Hannover
  • Nach Schiller "Geisterseher"
    2005 Theater Meiningen
  • Sophokles "Ajas"
    2005 Theater Meiningen
  • Johann Wolfgang von Goethe "Egmont"
    2005, Staatstheater Mannheim
  • Anton Cechov "Onkel Wanja"
    2004 Theater Freiburg
  • nach Lars von Trier "epidemic"
    2004, HAU Berlin
  • "X-Wohnungen"
    2004, HAU Berlin
  • Alban Berg "Wozzeck"
    2004, Semperoper Dresden
  • Hector Berlioz "Les Troyens"
    2003, Staatstheater Mannheim
  • Oscar Wilde "Salome"
    2003, Theater Luzern
  • Moritz Rinke "Kriemhilds Traum"
    UA 2002, Theater Freiburg
  • Jules Massenet "Werther"
    2002, Deutsche Oper Berlin
  • Volker Braun "Limes. Marc Aurel"
    UA 2002, Staatstheater Kassel
  • Nach Kristof Kieslowski "Du sollst Vater und Mutter ehren", Dekalog III
    2001, Staatstheater Kassel
  • Giacomo Puccini "Tosca"
    2001, Staatstheater Kassel, 2002 Götz-Friedrich-Preis
  • Nach Johann Wolfgang Goethe "Stella"
    2000, Staatstheater Kassel
  • Richard Strauss, "Der Rosenkavalier"
    2000, Staatstheater Kassel
  • "4.00pm", nach Chris Marker "La Jetee"
    1999, Staatstheater Kassel
  • Wolfgang Amadeus Mozart "Die Entführung aus dem Serail"
    1999, Staatstheater Cottbus
  • David Harrower "Messer in Hennen"
    1999 Elisabeth-Bühne Salzburg
  • Bertolt Brecht/Paul Dessau "Die Verurteilung des Lukullus"
    1998, Staatstheater Mainz
  • Bertolt Brecht "Der Jasager und der Neinsager"
    1998, Thalia-Theater Halle
  • Harald Weiß "Amandas Traum"
    1997, Staatstheater Cottbus
  • Friedrich Dürrenmatt "Der Besuch der alten Dame"
    1996, Landestheater Neuss
  • Georg Friedrich Händel "Xerxes"
    1996 Königlich Oper Kopenhagen/Goethe Institut Kopenhagen
  • Igor Strawinsky "Die Geschichte vom Soldaten"
    1995, Semper-Oper Dresden
  • Nach Mahler und Janacek "Andere Räume"
    1994, Hans-Otto-Theater Potsdam
  • Darius Milhaud "Die Befreiung des Theseus"
    1992, Hochschule "Hanns Eisler" Berlin