Andrea Breth


© Bernd Uhlig
Geboren am 31.10.1952 in Rieden / Füssen. Aufgewachsen in Darmstadt. 1971-1973 Literaturstudium in Heidelberg. Regieassistenz am Heidelberger Theater, danach wechselte sie mit Intendant Peter Stoltzenberg nach Bremen, dort Regieassistentin bei David Esrig und Christof Nel. Erste Inszenierung: „Die verzauberten Brüder“ von Jewgeni Schwarz (1975). Weitere Inszenierungen in Wiesbaden, Bochum, Hamburg und Berlin. Nach dem Misserfolg mit Lessings „Emilia Galotti“ 1981 an der Freien Volksbühne Berlin Rückzug nach Zürich, Arbeit mit Schauspielschülern.

Intendant Ulrich Brecht holte sie 1983 ans Freiburger Theater, wo sie mit García Lorcas „Bernarda Albas Haus“ einen überragenden Erfolg feierte. Sie wurde dafür in der Kritikerumfrage von „Theater heute“ zur Regisseurin des Jahres gewählt.
Nächste Stationen waren Bochum (1986-1989) und Wien (1990 und 1992). Von 1992 bis 1997 künstlerische Leiterin der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz. Nach Auseinandersetzungen mit dem Ensemble erklärte sie ihren Rücktritt und wechselte 1999 als Hausregisseurin ans Wiener Burgtheater.

Andrea Breth wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 1987 mit dem Fritz-Kortner-Preis und 2003 mit dem Nestroy-Preis für „Beste Regie“. Sie ist Mitglied der Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main und der Akademie der Künste Berlin.

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Porträt: Andrea Breth

Sie ist eine der großen Regiefiguren des deutschsprachigen Theaters der letzten zwanzig Jahre – und doch spiegelt ihre Arbeit nie die ästhetischen Konjunkturen und Moden dieses Zeitraums. Andrea Breth ist eine große, radikale Einzelgängerin; hartnäckig widersetzt sie sich den Trends des Zeitgeists und des Kulturbetriebs. Auch in ihren öffentlichen Äußerungen („Ich bin durch und durch altmodisch“) hat sie sich nie gescheut, dezidiert konservative Positionen zu beziehen: Sie betont den Bildungsauftrag des Theaters, wehrt sich gegen die Zumutungen der „Spaßgesellschaft“ und eines „aufgeregten Event-Denkens“, sieht in der Bühne weiterhin die „moralische Anstalt“ und weist ihr – gegen alle neueren Tendenzen, sie als autonomes Medium zu behaupten – eine dienende Funktion gegenüber Literatur und Text zu. Ihr Credo: „Theater ist Gedächtnis, davon bin ich zutiefst überzeugt.“

Mit dem Triumph, den ihre Freiburger Inszenierung von García Lorcas „Bernarda Albas Haus“ beim Berliner Theatertreffen 1985 feierte, begann ihre eigentliche Regiekarriere. Über Bochum und Wien kam sie an die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz, deren künstlerische Leitung sie von 1992 bis 1997 innehatte. Auch wenn diese Phase zuletzt unter heftigen Konflikten mit Teilen des Ensembles zu Ende ging, blieb ihre große Leistung unbestritten: Sie hatte, im Schatten der „Legende“ Peter Stein, die bedeutendste deutsche Bühne in der Krise übernommen und mit ihren Inszenierungen für etliche Jahre stabilisieren können. Dass damals eine solche Führungsposition von einer Frau eingenommen wurde, hat fraglos auch für die nachwachsende Generation jüngerer Regisseurinnen und Intendantinnen Beispielcharakter gehabt.

Andrea Breths Regiestil steht in der Tradition von Fritz Kortners und Peter Steins poetischem und psychologischem Realismus. Sie versteht sich als Menschenkundlerin, Seelenforscherin – aber nie nur in einem biografisch-gesellschaftlichen, sondern in einem universal-menschheitlichen Sinn. Sie scheut dabei nicht die mythische und metaphysische Dimension – so hat sie etwa Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ 1990 in Wien zur monumentalen Menschheitstragödie vom Sündenfall und Paradiesverlust verdüstert.

Auch „zeitgemäßes“ Theater hat für sie den Auftrag, die Frage nach Spiritualität und Religion zu stellen. „Wenn man nicht mehr nachvollziehen kann, dass der Mensch im Bündnis mit Gott steht, dann muss man die Finger von dem Stück lassen“, sagte sie über ihre Arbeit an Tschechows „Onkel Wanja“ an der Berliner Schaubühne (1998).

So obsessiv ein solcher Entwurf auch manchmal erscheinen mag, er versteinert auf der Bühne nie zur These: Immer geht es ihr um Menschen, um deren Träume und Sehnsüchte, um das Scheitern der Gefühle. Oft verdunkelten sich die Geschichten bei ihr zu Dramen der Ausweglosigkeit: Glück ist nur eine Hoffnung, keine Realität. Selbst wenn die Regisseurin, wie bei Goethes „Stella“ (1999), sich für die frühe Schlussvariante des Dichters, die heitere Utopie einer Liebe zu dritt, entschied, inszenierte sie ein Nachtstück, in dem die Menschen in Schmerz und Einsamkeit entrückten.

Die Kritik hat, bei allem Respekt vor der handwerklichen Könnerschaft der Regisseurin, manchen ihrer Arbeiten nicht mehr folgen wollen: Die Hermetik der Gefühlssprache, gepaart mit einem perfektionsverliebten Detaillismus, hat manche Inszenierung, zumal in den letzten Jahren an der Berliner Schaubühne, an den Rand der Kunsterstarrung gebracht. Um so auffälliger, dass Breth in ihrer jetzigen Position als Hausregisseurin am Wiener Burgtheater offenkundig auch neue Wege für sich entdeckte. Sie interessiert sich, mehr als früher, für Texte zeitgenössischer Autoren, und sie hat auch im Umgang mit Klassikern eine überraschende Leichtigkeit gefunden.

Lessings „Emilia Galotti“ (2002) verlegte sie in ein heutiges Mafia-Italien; sie inszenierte das bürgerliche Trauerspiel, frei von historischer Bedeutungslast, als ein Stück der nervösen Gefühle zwischen narzisstischer Verliebtheit und tödlichem Ernst, mit einer für sie ganz untypischen Rasanz.
Die Aufführung wurde zum Theatertreffen 2003 eingeladen. Es war ihre siebte Nominierung für Berlin – auch das verdeutlicht den außerordentlichen Rang dieser Regisseurin im deutschsprachigen Theater.

Gerhard Jörder

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Harold Pinter "Der Hausmeister"
    2014, Residenztheater, München
  • William Shakespeare "Hamlet"
    2013, Burgtheater, Wien
  • Heinrich von Kleist "Prinz Friedrich von Homburg"
    2012, Salzburger Festspiele, Koproduktion mit dem Burgtheater Wien
  • Alban Berg "Lulu"
    2012, Staatsoper Unter den Linden, Berlin
  • Isaak Babel "Marija"
    2011, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Alban Berg "Wozzeck"
    2011, Staatsoper Unter den Linden, Berlin
  • Szenen von Cami, Charms und Courteline "Zwischenfälle"
    2011, Burgtheater (Akademietheater), Wien
  • Bernard-Marie Koltès "Quai West"
    2010, Burgtheater, Wien
  • Heinrich von Kleist "Der zerbrochene Krug"
    2009, Salzlager, Kokerei Zollverein, Essen, Ruhrtriennale 2009
  • Nach Fjodor M. Dostojewski (Bühnenfassung Andrea Breth) "Schuld und Sühne"
    2008, Salzburger Festspiele
  • Gotthold Ephraim Lessing „Minna von Barnhelm“
    2006, Burgtheater, Wien
  • Anton Tschechow „Der Kirschgarten“
    2005, Burgtheater, Wien
  • Albert Ostermaier "Nach den Klippen"
    2005, Burgtheater Wien
  • Tennessee Williams "Die Katze auf dem heißen Blechdach"
    2005, Burgtheater Wien
  • Friedrich Schiller „Don Carlos“
    2004, Burgtheater Wien
  • Edward Albee „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“
    2004, Burgtheater Wien
  • Gotthold Ephraim Lessing „Emilia Galotti“
    2002, Burgtheater Wien, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Arthur Schnitzler „Das weite Land“
    2002, Salzburger Festspiele
  • Albert Ostermaier „Letzter Aufruf“
    UA 2002, Burgtheater Wien
  • Friedrich Schiller „Maria Stuart“
    2001, Burgtheater Wien
  • Heinrich von Kleist „Das Käthchen von Heilbronn“
    2001, Burgtheater Wien
  • Edward Bond „Die See“
    2000, Burgtheater Wien
  • Christoph Willibald Gluck „Orfeo ed Euridice“
    2000, Oper Leipzig
  • Johann Wolfgang von Goethe „Stella“
    1999, Berliner Schaubühne
  • Anton Tschechow „Onkel Wanja“
    1998, Berliner Schaubühne, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Heinrich von Kleist „Die Familie Schroffenstein“
    1997, Berliner Schaubühne
  • Farid Uddin Attar „Die Sprache der Vögel“
    1996, Berliner Schaubühne
  • Henrik Ibsen „Hedda Gabler“
    1993, Berliner Schaubühne), Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Georg Kaiser „Von morgens bis mitternachts“
    1993, Berliner Schaubühne
  • Alexander Wampilow „Letzten Sommer in Tschulimsk“
    1992, Berliner Schaubühne, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Maxim Gorki „Nachtasyl“
    1992, Berliner Schaubühne
  • Sean O´Casey „Das Ende vom Anfang“
    1992, Burgtheater Wien), Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Arthur Schnitzler „Der einsame Weg“
    1991, Berliner Schaubühne
  • Heinrich von Kleist „Der zerbrochne Krug“
    1990, Burgtheater Wien
  • Maxim Gorki „Die Letzten“
    1989, Schauspielhaus Bochum, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Edward Bond „Sommer“
    1987, Schauspielhaus Bochum
  • Julien Green „Süden“1987, Schauspielhaus Bochum, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Federico García Lorca „Bernarda Albas Haus“
    1985, Städtische Bühnen Freiburg, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Gerlind Reinshagen „Eisenherz“
    UA 1982, Schauspielhaus Bochum
  • Gotthold Ephraim Lessing „Emilia Galotti“
    1981, Freie Volksbühne Berlin