Florian Fiedler

© Katrin Ribbe
Geboren 1977 und aufgewachsen in Hamburg. Den Versuch Germanistik zu studieren, bricht er nach zwei Tagen ab. Regieassistenzen bei Stefan Bachmann, Lars-Ole Walburg, Katharina Thalbach und Nicolas Stemann in Basel. Seine ersten Inszenierungen waren „Who loves you baby? The nearly Elvis Show“, „Planet Porno“ und „Norway today“ in Hamburg und Basel. Danach inszenierte Fiedler regelmäßig am Theater Basel, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, am Münchner Volkstheater und am Schauspiel Frankfurt, wo er auch die Nebenspielstätte in der Schmidtstraße leitete. Im Jahr 2003 wurde er von Theater heute zum Nachwuchsregisseur gewählt und erhält den Gertrud Eysolt Ring in der Sparte Nachwuchs für seine Inszenierung „Niederbayern“. Seit 2009 ist er Hausregisseur am Schauspiel Hannover.
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Porträt

Kein Regisseur der Generation, die in den letzten Jahren an den großen deutschen Schauspielhäusern angekommen ist, scheint einen so direkten Zugang zum Theater zu haben wie Florian Fiedler. Seine Aufführungen rühren an die Wurzel des Theaters, sie wirken in den besten Momenten, als seien sie entstanden aus der reinen Lust am Spiel und der Verwandlung. Das macht diese Inszenierungen auf erfrischende Weise belebend, direkt und klar. Fiedler fasst auch die großen Stoffe ganz unmittelbar an, wie wenn sie durch keine Vorgeschichte belastet wären. Er arbeitet sich nicht durch Schichten der Überlieferung, um an das Werk und seinen tieferen Sinn heranzukommen – wobei er nichts gegen Philologie hat. Dafür steuert er auch bei alten Texten direkt auf die Gefühle zu, die in dem Werk aufgehoben sind .

In Frankfurt inszenierte Fiedler Goethes Rokokoroman „Die Leiden des jungen Werther“ so, wie wenn die drei Protagonisten Lotte, Werther und auch Albert eine wilde Luftgitarrenband wären: im grenzenlosen Gefühlsrausch, besinnungslos lebenslustig. Es war die Wiedererfindung des Sturm und Drang aus dem Geist des Pop. Alle suhlten sich im Gefühlsüberschwang, auch Lotte, aber sie fand aus dem Liebessumpf wieder heraus, während Werther gefangen blieb in der Ekstase und das Glück mit Stagediving erzwingen wollte: mit dem Kopf durch die Kartonwand. Fiedlers großes Thema war bisher die Jugend, die prekären Gefühle an der Schwelle zum Erwachsensein. Es ging um die schwierige Abgrenzung gegen die Erwachsenenwelt. Er arbeitete an dem Widerspruch, ein Teil der Erwachsenenwelt werden zu müssen, und sich trotzdem nicht selbst aufzugeben. Seine Inszenierungen waren Selbstbehauptungen, in ihnen steckte das Wissen, dass die Erwachsenen oft viel mehr von den Kindern wollen als umgekehrt. „Das Erwachsenwerden wird durch die Distanzlosigkeit der Erwachsenen viel schwerer“, sagt Fiedler heute über das große Thema seiner ersten Jahre.

Diese Phase aber hat er seit der Inszenierung von Marius von Mayenburgs Stück „Feuergesicht“ in Düsseldorf hinter sich. Dann war Fiedler auf der Suche und heraus kam, dass sein Theater deutlich politischer wurde. Der Durchbruch war Ibsens „Volksfeind“ in Frankfurt am Main 2007. Die Aufführung sprach – und griff – das Publikum so direkt an, wie es immer noch selten im Theater ist. Fiedler und sein Hauptdarsteller Aljoscha Stadelmann stießen das Publikum mit Verve auf seine Widersprüche. Vor allem die fatale Neigung der Mehrheit, sich immer im Recht zu glauben, gingen sie aggressiv an. Popmusik ist jetzt affirmatives Wohlfühlgedudel.

Fiedler probiert sich immer noch aus. Es gab von ihm in den letzten Jahren langsame, melancholische Aufführungen wie Aki Kaurismäkis „I hired a contract killer“. Oder er brachte Kleists göttliches Kammerspiel „Amphitryon“ in einer grellen, lässigen Schaumgummiversion auf die große Bühne des Frankfurter Schauspielhauses. Bei einer Podiumsdiskussion zu der Inszenierung überraschte er – der doch eher als Popregisseur gilt – mit dem Bekenntnis, dass er Mircoports schrecklich findet.

Seit der Spielzeit 2009/2010 ist Fiedler Hausregisseur in Hannover. Dort hat er zum Auftakt eine Bearbeitung von Grimmelshausens „Simplicissismus“ gezeigt. Es ist ein düsteres Kriegsspiel voller schrecklicher postapokalyptischer Monster. Eine Industriewüste, bevölkert von einem Heer von Fabelwesen aus den Fieberphantasien von Hieronymus Bosch.

Das Theater hat Florian Fiedler entdeckt, als er als Souffleur gearbeitet hat. Da wunderte er sich vor allem: Dass der Regisseur nicht merkt, was da Schönes entstanden ist. Das ist eine der Qualitäten von Fiedler: Er nimmt in freundlich-zugewandter Art auf, was kommt, er scheint die Schauspieler zu lieben. In den letzten Jahren ist allerdings auch eine gehörige Wut sichtbar geworden, vor allem auf die weltzerstörerischen Lebenslügen, mit denen es sich unsere Gesellschaft gut eingerichtet hat.

Peter Michalzik

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Nach Thomas Ahrens "Durst"
    2013, Grips Theater, Berlin
  • Soeren Voima "Melodien für Milliarden"
    2012, Staatsschauspiel Hannover
  • Friedrich Hebbel "Die Nibelungen"
    2011, Staatsschauspiel Hannover
  • Johann Wolfgang Goethe "Clavigo"
    2011, Staatsschauspiel Hannover
  • Nach Erich Kästner "Das doppelte Lottchen"
    2010, Staatsschauspiel Hannover
  • The Beatles "Das weisse Album" (ins Deutsche übertragen von Roland Schimmelpfennig)
    2010, Schauspiel Frankfurt
  • Thomas Vinterberg/Mogens Rukov "Das Fest"
    2009, Staatsschauspiel Hannover
  • Fritz Kater "zeit zu lieben zeit zu sterben"
    2009, Schauspiel Frankfurt (Schmidtstraße)
  • Heinrich von Kleist nach Molière "Amhitryon"
    2008, Schauspiel Frankfurt (Schmidtstraße)
  • Christoph Nussbaumeder "Mörder-Variationen"
    2008, Schauspiel Köln
  • Henrik Ibsen "Ein Volksfeind"
    2007, Schauspiel Frankfurt
  • Arthur Miller "Tod eines Handlungsreisenden"
    2006, Schauspiel Frankfurt (Kleines Haus)
  • Ray Bradbury "Fahrenheit 451"
    2006, Schauspiel Frankfurt (Schmidtstraße)
  • Henrik Ibsen "Peer Gynt"
    2006, Theater Basel
  • Nach Aki Kaurismäki "I hired a contract killer"
    2005 Schauspiel Frankfurt (Schmidtstraße)
  • Marius von Mayenburg "Feuergesicht"
    2005, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Nach Johann Wolfgang Goethe "Die Leiden des jungen Werther"
    2005, Schauspiel Frankfurt (Schmidtstraße)
  • Nach Michael Ende "Jim Knopf"
    2004, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Ödön von Horvath "Kasimir und Karoline"
    2004, Volkstheater München
  • Peter Stamm "Der Kuss des Kohaku"
    (UA) 2004, Deutsches Schauspielhaus Hamburg (Malersaal)
  • Nach Vladimir Nabokov "Lolita"
    2003 schauspiel frankfurt (Schmidtstraße)
  • Nach Martin Sperr "Nieder Bayern"
    2003, Volkstheater München
  • Henrik Ibsen "Klein Eyolf"
    2003, Volkstheater München
  • Wassilij Sigarew "Plastilin"
    2002, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Igor Bauersima "Norway. Today"
    2002, Theater Basel
  • "Planet Porno"
    2001, Deutsches Schauspielhaus Hamburg (Cinema)
  • "Who loves you baby? The nearly Elvis show"(Zusammen mit Vincent Crowley)
    2000, Theater Basel
  • "Alles was Männern Spaß macht" (Zusammen mit Lars-Ole Walburg)
    1999, Theater Basel