Herbert Fritsch


© Barbara Braun
Geboren am 20. Januar 1951 in Augsburg, absolviert Herbert Fritsch an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule seine Schauspielausbildung und spielt anschließend an diversen in- und ausländischen Bühnen. Von 1993 bis 2007 gehört er zu den prägendsten Akteuren der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz unter Frank Castorf.

Obwohl Fritsch bereits 56 Jahre alt ist, als er 2007 am Theater Luzern mit Molières „Der Geizige“ seine erste abendfüllende Stadttheater-Regiearbeit vorstellt, kommt der Wechsel von der Bühne ans Regiepult nicht überraschend. Schon während seiner aktiven Schauspieler-Zeit hatte Fritsch etwa 1993 zwei kleinere Regieprojekte zu einem Theaterspektakel der Berliner Volksbühne beigesteuert. Darüber hinaus zeigte er immer wieder Ausstellungen mit eigenen Fotografien bzw. Computeranimationen und entwickelte ab dem Jahr 2000 das serielle, intermediale Kunstprojekt „hamlet_X“.

Auf den „Geizigen“ in Luzern folgten zwischen 2007 und 2011 weitere Regiearbeiten unter anderem am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, dem Theater Oberhausen, dem neuen theater Halle oder dem Hessischen Staatstheater Wiesbaden.

 

    Porträt: Herbert Fritsch

    In der eher diskursgeprägten deutschsprachigen Theaterlandschaft ist Herbert Fritsch ein Regisseur des lustvollen Gegentrends. „Das fünffach vermittelte, um drei Ecken gedachte politische Theater interessiert mich nicht“, ruft er immer wieder mit Grandezza von Podien herab. „Das Grundmoment des Theaters ist Unterhaltung, auch, wenn es traurig zugeht!“ 

    Tatsächlich befindet sich die Komödie in einem ungeahnten Aufwind, seit Herbert Fritsch im Jahr 2007 – mit 56 Jahren – als Stadttheater-Regisseur auf der Bildfläche erschien. Sein Zugang zu diesem Beruf erfolgte nicht über Studien und Assistenzen, sondern direkt aus der Spielpraxis heraus: Vierzehn Jahre lang – von 1993 bis 2007 – gehörte er zu den prägenden Darstellern an Frank Castorfs Berliner Volksbühne, wo nicht nur Ausnahme-Kolleg/innen wie Sophie Rois oder Henry Hübchen, sondern gelegentlich auch mal lebendige Riesenschlangen zu seinen Slapstick-Partnern zählten. Fritschs Markenzeichen als Schauspieler - eine extrem körperbetonte Spielweise und die hemmungslose Lust an der Übertreibung – charakterisieren auch seine Inszenierungen.

    Kurzum: Der typische Fritsch-Abend kommt grell, hoch stilisiert, hyperformal und sehr lustig daher. Nur eines ist er garantiert nicht: realistisch. Egal, ob Fritsch ins klassische Komödienfach greift wie bei Goldonis „Diener zweier Herren“ 2011 in Schwerin oder ob er sich mit Lessings „Emilia Galotti“ das bürgerliche Trauerspiel par excellence vornimmt wie im selben Jahr in Oberhausen: Stets stecken die Schauspieler in farbenfrohen Reifröcken, Hosen oder Jacketts und lassen in schrill überschminkten Gesichtern die Augen rollen. Und wenn sie die Körper in Hochgeschwindigkeitsslapsticks verbiegen, schwingen turmhohe Perücken auf ihren Köpfen nach. Ein Kritiker hat das Erscheinungsbild der klassischen Fritsch-Inszenierung einmal in die Formulierung „Robert Wilson auf Speed“ gegossen.

    Stilistisch pflegt Herbert Fritsch einen bewussten Eklektizismus: Beim Vaudeville oder der Commedia dell`arte bedient er sich ebenso hemmungslos wie beim Comic. Aus der cineastischen Sparte grüßen nicht nur Buster Keaton und der expressionistische Stummfilm, sondern gelegentlich auch Alfred Hitchcock. Dabei wirken Fritschs Bühnenwerke, die im Übrigen niemals abrupt enden, sondern das Spiel grundsätzlich bis in formal streng durchgearbeitete Applausordnungen hinein fortsetzen, allerdings tatsächlich bizarrer, zeitgemäßer und überdrehter als diese Vorbilder. Denn Fritsch gelingt das Kunststück, jedes Genre-Zitat im Moment seines Aufrufens immer schon ein Stückweit zu parodieren.

    Als exemplarische Arbeit ist „Die (s)panische Fliege“ zu nennen, die der Regisseur 2011 an seiner ehemaligen schauspielerischen Wirkungsstätte – der Berliner Volksbühne – inszenierte und die 2012 zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist. Im Mittelpunkt dieser 1913 uraufgeführten Klamotte von Franz Arnold und Ernst Bach steht der Senffabrikant Ludwig Klinke, der mit allen komödienüblichen Mitteln zu verhindern sucht, dass sein 25 Jahre zurückliegender One-Night-Stand mit einer Tänzerin auffliegt. Fritsch, der die Bühnenbilder für seine Inszenierungen oft selbst entwirft, nimmt diese Vertuschungsanstrengungen wörtlich und entrollt auf dem Szenario ein riesiges Teppich-Imitat, das sich in mehreren knie- bis hüfthohen Bodenwellen bis zur Rampe ergießt und somit hervorragend zum buchstäblichen Unter-den-Teppich-Kehren belastender Indizien eignet.

    In einer dieser Teppichfalten ist ein Trampolin versteckt. Wenn die Schauspieler dort wie Stehaufmännchen immer wieder vom Rücken auf den Bauch und zurück fallen, dabei hochnotkomisch mit kompromittierenden Aktenordnern jonglieren oder ihre Körper sich bei eigentlich konventionellen Begrüßungsritualen plötzlich hoffnungslos ineinander verknoten, ist das nicht einfach nur lustig. Sondern Fritsch stülpt hier gleichsam alle inneren Verdrängungen und Verklemmungen, aus denen das bürgerliche Lachtheater seinen Humor bezieht, konsequent nach außen und erschließt dem Genre so eine radikal zugespitzte, überaus originelle Lesart: Der Extrem-Slapstick kehrt gleichsam den bösartigen, alles andere als schmerzfreien Bodensatz der bürgerlichen Doppelmoral unter dem Teppich hervor und entstellt das Komödienpersonal so bis zur Kenntlichkeit.

    „Ich will, dass die Körper die Wörter sind“: In seiner zweiten Inszenierung an der Berliner Volksbühne – Dieter Roths „Murmel Murmel“ (2012) – folgte Herbert Fritsch diesem Credo sogar noch einen Schritt radikaler und bestritt einen kompletten Theaterabend mit einem Text der konkreten Poesie, der tatsächlich nur aus einer einzigen Vokabel bestand: „Murmel“. Das Wort wurde geflüstert, geschrieen, gesungen, in Endlosschleifen zerdehnt, wiederholt und förmlich ausgekaut.

    Dass sich Herbert Fritschs Regiearbeiten bei aller oberflächlichen Ähnlichkeit in der Tiefenstruktur stark voneinander unterscheiden, trat bereits in den beiden beim Berliner Theatertreffen 2011 präsentierten Aufführungen „Der Biberpelz“ und „Nora oder Ein Puppenhaus“ deutlich hervor. Die Doppeleinladung bescherte Fritsch nach nur vierjähriger Regieberufspraxis abseits der großen Metropolen – in Luzern, Halle, Schwerin, Magdeburg oder Oberhausen – den Durchbruch.

    Gerhart Hauptmanns naturalistischen Klassiker „Der Biberpelz“ hatte der Regisseur am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin zu einem dezidiert anti-realistischen, oft chorischen und streng durchchoreografierten Tableau vivant sämtlicher Todsünden geformt: Selbst vom Autor positiv gezeichnete Figuren begruben hier alle annähernd menschlichen Restreflexe unter comic-haft zugespitzten Gier-, Neid- und Suchthandlungen.

    Henrik Ibsens „Nora“ hingegen – Fritschs zweiter Beitrag zum Berliner Theatertreffen 2011 vom Theater Oberhausen – sah wie eine künstlerische Allianz zwischen Friedrich Wilhelm Murnau und Alfred Hitchcock aus. Indem der Regisseur den verdienstvollen, mittlerweile jedoch deutlich in die Jahre gekommenen Emanzipationsklassiker drei Stufen unterhalb der Bewusstseinsebene ansiedelte – in einem alptraumhaften Horrorkabinett der frei schwebenden, mithin politisch unkorrekten Begierden - rettete er seinen Kern auf eine ebenso originelle wie verblüffend stimmige Weise für die Gegenwart.

    Es gibt allerdings auch weniger gelungene Fritsch-Abende, an denen sich zeigt, dass die Methode des Regisseurs nicht gefährdungsfrei ist. Dies ist der Fall, wenn der Aufführung gewissermaßen der Unterbau fehlt und die Schauspieler – statt die inneren Deformationen ihrer Figuren in individuelle äußere Extrem-Aktionen zu übersetzen – gleichsam wirken, als hätten sie die herausgestreckten Zungen, rollenden Augen und infantilen Stolperer, die das Fritsch-Theater ausmachen, in einem Materialkoffer neben sich stehen, aus dem sie sich je nach Szene das passende Teil herausgreifen und rasch überwerfen. Unter diesen Umständen entstehen statt der zwingenden Veräußerlichung innerer Vorgänge lediglich uniforme Muster einer komplett unverbindlichen Komik.

    Christine Wahl

    Inszenierungen - Eine Auswahl

    • Wolfgang Amadeus Mozart/Lorenzo da Ponte (Deutsche Fassung Sabrina Zwach) "Don Giovanni"
      2014, Komische Oper, Berlin
    • Carlo Goldoni "Trilogie der Sommerfrische"
      2014, Residenztheater, München
    • Molière "Die Schule der Frauen"
      2014, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg
    • Herbert Fritsch "Ohne Titel Nr. 1"
      Eine Oper

      2014, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
      Einladung zum Berliner Theatertreffen
    • Friedrich Dürrenmatt "Die Physiker"
      2013, Schauspielhaus, Zürich
    • Heinz Bolten-Baeckers/Paul Lincke "Frau Luna"
      2013, Volksbuehne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
    • Jacques Offenbach "Die Banditen"
      2012, Theater Bremen
    • Dieter Roth "Murmel Murmel"
      2012, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
      Einladung zum Berliner Theatertreffen
    • Bertolt Brecht "Puntila und sein Knecht Matti"
      2012, Schauspiel Köln
    • Franz und Paul von Schönthan/Curt Goetz "Der Raub der Sabinerinnen"
      2011, Thalia Theater, Hamburg
    • Gotthold Ephraim Lessing „Emilia Galotti“
      2011, Theater Oberhausen
    • Franz Arnold und Ernst Bach "Die (S)Panische Fliege"
      2011, Volksbühne Berlin
      Einladung zum Berliner Theatertreffen
    • Carlo Goldoni "Diener zweier Herren"
      2011, Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin
    • Christian Friedrich Hebbel "Die Nibelungen"
      2011, Theater Bremen
    • Henrik Ibsen „Nora“
      2010, Theater Oberhausen
      Einladung zum Berliner Theatertreffen
    • Gerhart Hauptmann "Der Biberpelz"
      2010,  Mecklenburgisches Staatstheater, Schwerin
      Einladung zum Berliner Theatertreffen
    • Claude Magnier "Oscar – Ein Missverständnis in drei Akten"
      2010, Centraltheater, Leipzig
    • Eugène Labiche "Die Affäre in der Rue de Lourcine“
      2010, Theater Magdeburg
    • William Shakespeare „Macbeth“
      2010, neues theater Halle
    • Nach Ben Jonson „Herr Fuchs oder einfach VOLPONE“(i.e. „Mr. Fox or just VOLPONE“)
      2009, Hessisches Staatstheater Wiesbaden
    • Eugène Labiche "Pferd frißt Hut"
      2009, Theater Oberhausen
    • Joe Orton „Pray“
      2009, Theater Oberhausen
    • Knut Hamsun „Hunger“
      2009, Oslo (Norwegen)
    • Franz und Paul von Schönthan "Der Raub der Sabinerinnen"
      2009, neues theater Halle
    • Molière "Tartuffe"
      2008, Theater Oberhausen
    • Herbert Fritsch & Sabrina Zwach „Spielbank“ (i.e. „Casino“)
      2008, Hessisches Staatstheater Wiesbaden
    • Curt Goetz "Das haus in Montevideo"
      2008, neues theater Halle
    • Moliére "Der Misanthrop"
      2008, Luzerner Theater