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| © Arno Declair |
Ab 1972 erste Inszenierungen in Bulgarien und der DDR, die er im Zusammenhang mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1979 verlässt. Danach bis 1985 Inszenierungen in Bulgarien, darunter 1983 eine berühmte „Philoktet“-Inszenierung in Sofia.
1985 Einladung vom Intendanten des Kölner Schauspiels Klaus Pierwoß zu einer Gastinszenierung von Heiner Müllers „Quartett“. Gotscheff zieht nach Köln und arbeitet fortan nur noch im deutschsprachigen Theater. 1991 erhält er den Preis vom Verband der Kritiker der Berliner Akademie der Künste und wird in der Kritikerumfrage von „Theater heute“ zum Regisseur des Jahres gewählt. Für seine „Iwanow“-Inszenierung erhält er 2005 ein zweites Mal diese Ehrung.
1993 bis 1996 fester Hausregisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus. Von 1995 bis 2000 Leitungsmitglied am Schauspielhaus Bochum während der Intendanz von Leander Haußmann. Seither regelmäßiger Gast in Wien, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und Hamburg.
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Porträt: Dimiter Gotscheff
Dimiter Gotscheff ist ein einsames Phänomen im deutschsprachigen Regietheater. Zwar gehört er altersmäßig in die Generation der berühmten Intendanten-Regisseure wie Peymann, Stein, Zadek oder Flimm, aber im Gegensatz zu diesem Kollegium ist Gotscheff bis heute ein gern gesehener Gast an allen deutschsprachigen Theatern, die sich dem Zeitgenössischen verschrieben haben. Und dort ist er auch keineswegs eingeladen für den zurechtgezupften Klassiker, der als das Ausgleichsprogramm für zu viel Modernes das Abo-Publikum versöhnen soll. Gotscheff ist vielmehr bis heute selbst auf der Suche nach dieser diffusen Qualität, die in der Denktradition, aus der er stammt, Avantgarde heißt.
Der in Bulgarien geborene Regisseur, der in den Siebzigern in Ostberlin zum Theater und zu Heiner Müller fand, bevor er seine eigentliche Regiekarriere wiederum in Sofia startete, hat seit seiner Übersiedlung nach Deutschland 1986 den ganzen dramatischen Kosmos durchmessen. Von Sophokles bis Dea Loher, von Shakespeare bis Koltès entwickelt er seine Sprache immer aus einer klaren Dualität: Der leere Raum fordert den ganzen Schauspieler.
Wie kaum ein anderer aktueller Regisseur verfolgt Gotscheff die Philosophie des armen Theaters, die auf den atmosphärischen Rettungsdienst toller Ausstattung verzichtet. Er will die nackte Menschenseele in ihrer Widersprüchlichkeit finden,ohne sie mit dem Mitteln des psychologischen Theaters als stimmig hinzudrapieren. Mit eher abstrakten Vorstellungen von der Bühnensituation bringt er Darsteller mit Themen und Ideen in Konflikt und versucht so aus dem symbolischen und sperrigen Spiel Geschichten mit neuer Perspektive zu erzählen. Für dieses durchaus pathetische Unterfangen benötigt er die Qualitäten einer freien Theatergruppe im Rahmen des Stadttheaters. Seit den ersten Jahren, als Gotscheff überwiegend in Köln und Düsseldorf arbeitete, bevor er mit Leander Haußmann und Jürgen Kruse 1995 die unglücklich verlaufende Leitung des Bochumer Theaters übernahm, bemühte er sich um die Kontinuität eines wandernden Ensembles. Schauspieler wie Samuel Fintzi oder Almut Zilcher begleiteten ihn dann auch nach Hamburg oder Berlin und gelten als gleichberechtigte Inspirationsquellen seiner Inszenierungen. Die gegenseitige Aufgehobenheit dieser Arbeitsform hat der Schauspieler Dieter Prochnow mal in den Satz gegossen, Gotscheff sei der einzige Regisseur, der seine Schauspieler wirklich liebe.
Die künstlerische Harmonie, die aus diesen familiären Verhältnissen entsteht, ist aber keineswegs konfliktmüde. In guten Produktionen wie seinen Heiner Müller-Bearbeitungen - etwa Müllers version von "Ödipus" am hamburger Thalia Theater 2009 - oder der brillanten Neuerzählung von Koltès „Kampf des Negers und der Hunde“, seiner zweiten Inszenierung dieses Stoffes, die er in der Spielzeit 2003/04 an der Berliner Volksbühne herausbrachte, werden tragische Entwicklungen ätzend und pointiert durchgespielt. In misslungenen Inszenierungen wirkt sein fragiles Schauspielertheater dann allerdings auch gerne wie unfertige Improvisationen aus dem Avantgardemuseum.
Obwohl er mit seinem ewig grimmigen Blick aussieht wie der Inbegriff des Mannes, der zum Lachen in den Keller geht, und die Stimmung seiner Inszenierungen generell eher düster, karg und pessimistisch ist, steckt in seinen Arbeiten doch auch häufig feiner Humor und eine Öffnung zu kulturellen Phänomenen, die man bei einem fast Siebzigjährigen nicht zwingend erwarten muss. In seiner Koltés-Inszenierung an der Berliner Volksbühne, die sich sehr ironisch mit Stereotypen von schwarzem und weißem Rassismus auseinandersetzt, parodiert Finzi etwa die Stammesriten der HipHop-Gemeinde. Und im Konfettiregen seiner Bühnenbildnerin Katrin Brack stachelte er 2006 das Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters für „Tartuffe“ so überzeugend zur grotesken Überzeichnung einer blödelnden Krisengesellschaft an, dass Judith Rosmair als bulgarisch zotelnde Zofe dafür sogar zur Schauspielerin des jahres gewählt wurde. Mit dieser Wachheit für die Ausdrucksformen der Gegenwart fand Gotscheff großen Respekt bei einer jüngeren Kritiker- und Zuschauergeneration und wurde in seinen Sechzigern endlich mehrmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen, was ihm vorher nur einmal gelungen war (1992).
Trotz dieser Anerkennung einer neuen, popgeschulten Generation bleiben Ernst und Konzentration die vorherrschenden Charakteristika dieses spartanischen Theaters. So gesehen bilden Gotscheffs Inszenierungen doch einen Kontrast zu dem jungen Umfeld, in dem er gerne arbeitet. Mit der Reduktion auf das Wesentliche, den Schauspieler, unterscheidet er sich sehr von der wild-ironischen Poesie, die heute im Theater gängig ist. Sein Blick auf den Mensch entkleidet ihn vielmehr von der Dekoration. In unserem modischen Zeitalter ist diese Haltung vielleicht die wahre Avantgarde.
Inszenierungen - Eine Auswahl

- Ivan Panteleev nach William Shakespeare "Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige"
2012, Deutsches Theater, Berlin - Heiner Müller "Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten/Mommsens Block"
2011,Deutsches Theater, Berlin - Peter Handke "Immer noch Sturm"
2011, Salzburger Festspiele - Bertolt Brecht "Die Antigone des Sophokles"
2011, Thalia Theater, Hamburg - Aki Kaurismäki "Der Mann ohne Vergangenheit"
2010, Deutsches Theater, Berlin - Anton Tschechow "Krankenzimmer Nr. 6"
2010, Deutsches Theater, Berlin - Dejan Dukowski "Das Pulverfass"
2008, Koproduktion Deutsches Theater und Berliner Festspiele - Alfred Jarry "UBUKOENIG"
2008, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - Heiner Müller "Anatomie Titus Fall of Rome Ein Shakespearekommentar"
2007, Deutsches Theater Berlin - Heiner Müller "Die Hamletmaschine"
2007, Deutsches Theater Berlin - Nicolai Erdmann "Der Selbstmörder"
2007, Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz, Berlin - Aischylos "Die Perser"
2006, Deutsches Theater Berlin - Molière "Der Tartuffe"
2006, Salzburger Festspiele/Thalia Theater Hamburg
Einladung zum Berliner Theatertreffen - Nach Marco Ferreri „Das große Fressen“
2006, Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz, Berlin - Ben Jonson „Volpone“
2006, Deutsches Theater Berlin - Ödön von Horvath „Geschichten aus dem Wienerwald“
2005, Deutsches Theater Berlin - Anton Tschechow „Iwanow“
(Einladung zum Berliner Theatertreffen, 3sat Theaterpreis)
2005, Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz, Berlin - Heiner Müller "Philoktet"
2005, Volksbühne Berlin - Heiner Müller "Germania. Sücke"
2004, Deutsches Theater Berlin - Oscar Wilde „Salome“
2004, Akademietheater Wien - Bernard-Marie Koltès „Kampf des Negers und der Hunde“
2003, Volksbühne Berlin, Einladung zum Berliner Theatertreffen - Antonin Artaud „Die Cenci“
2002, Schauspiel Frankfurt - Dejan Dukovski „Das Pulverfass“
2001, steirischer herbst Graz - Lothar Trolle „Hermes in der Stadt“
1998, Deutsches Schauspielhaus Hamburg - Samuel Beckett „Glückliche Tage“
1997, Schauspielhaus Bochum - Heiner Müller „Germania 3 – Gespenster am Toten Mann“
1997, Deutsches Schauspielhaus Hamburg - Hans Henny Jahn „Die Straßenecke“
1995, Thalia Theater Hamburg - Wladimir Sorokin „Ein Monat in Dachau“
1995, Düsseldorfer Schauspielhaus - Heinrich von Kleist „Amphitryon“
1995, Schauspielhaus Bochum - Georg Büchner „Woyzeck“
1993, Düsseldorfer Schauspielhaus - Klaus Pohl „Die schöne Fremde“
1992, Düsseldorfer Schauspielhaus - August Strindberg „Fräulein Julie“
1991, Bühnen der Stadt Köln, Einladung zum Berliner Theatertreffen - Sophokles / Heiner Müller „Ödipus“
1988, Theater Basel - Heiner Müller „Quartett“
1986, Bühnen der Stadt Köln - Heiner Müller „Philoktet”
1983, Theater Sofia













