Tilmann Köhler


© Matthias Horn
Geboren 1979 in Weimar, aufgewachsen in Gera. 1996 bis 2001 Mitarbeit an der TheaterFABRIK des Theaters Altenburg/Gera. Von 2001 bis 2005 Regiestudium an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Ab 2005 Hausregisseur am Deutschen Nationaltheater Weimar, seit 2009 am Staatsschauspiel Dresden. Einladung mit Ferdinand Bruckners „Krankheit der Jungend“ zum Berliner Theatertreffen 2007 und mit Shakespeares „Othello“ zum Münchner Festival Radikal Jung 2007. Auszeichnung seiner Dresdner Inszenierung von Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ (2009) mit dem Kurt-Hübner-Preis für junge Regie 2009. Weitere Regiearbeiten unter anderem am Schauspiel Hannover, am Maxim Gorki Theater Berlin sowie mehrere Projekte in Brasilien. Derzeit außerdem zusammen mit dem Dramaturgen Jens Groß Leitung des Schauspielstudios Dresden, das Studenten der Leipziger Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" in der Praxis ausbildet.
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Porträt: Tilmann Köhler

Tilmann Köhler ist ein Freund der klaren Bilder und unverkünstelten Metaphern, je näher sie liegen, desto stärker und verstörender sind sie. In seiner Dresdner „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ zum Beispiel, da rennen Chicagos konkurrierende Fleischhändler und -Fabrikanten wie die Kinder um die Wette. Es geht um Börsenhandel und Gewinnmaximierung, jeder will mit der flachen Hand noch schneller und höher als der andere hinauf schlagen auf die Mauer aus Alu-Fleisch-Wannen. Nur einer, alt und langsamer, als er sein müsste, kommt stets als letzter an und schlägt irgendwohin. Das ist Lennox, der die anderen Fleischkönige unterboten hat und jetzt pleite ist. Deshalb machen sie ihn fertig, ziehen ihm die Hose runter und klatschen lustvoll das schlaffe Konkurrentenfleisch. Einem anderen Regisseur könnte eine solche Szene platt und penetrant geraten. Aber bei Köhler und seinen sprachlich und körperlich hochbewussten Schauspielern wird sie groß, in ihrer Einfachheit abstrakt und in ihrer Dynamik vielschichtig.

Tilmann Köhler ist in vieler Hinsicht ein ungewöhnlicher Regisseur. Er war 17, als er sich an der TheaterFABRIK des Theaters Altenburg/Gera als Schauspieler und Regieassistent ausprobierte. War 20, als er für seine erste eigene Inszenierung „summer.Neid.dreams“ 1999 den Thüringer Jugendtheaterpreis und im Jahr darauf ein zweites Mal für „Lila dit ça – Sagt Lila“ erhielt. Seine Diplominszenierung „Penthesilea“ an der Berliner Ernst-Busch-Schule war für Intendant Stephan Märki Grund genug, ihn als Hausregisseur ans Deutsche Nationaltheater Weimar zu holen. Seine Kerntruppe aus fünf Schauspiel-Kommilitonen durfte Köhler gleich mitbringen. In Dresden, wo er wiederum fest engagiert ist, weil er die Bindung an ein Haus dem freien Arbeiten vorzieht, sind immer noch vier von ihnen dabei.

Ungewöhnlich war auch, dass Köhler 2007 mit gerade einmal 27 Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen war: An seiner Weimarer Interpretation von Ferdinand Bruckners „Krankheit der Jugend“ faszinierte der nüchtern beobachtende Blick auf das gefährlich heißblütige, anrührende Spiel einer Gruppe verunsicherter Medizinstudenten. Nicht ganz unkalkuliert setzen sie einander seelischen Menschenversuchen aus, bis eine von ihnen sich tötet und in Unterwäsche auf dem blanken Seziertisch landet, dem einzigen Requisit in einem kahlen Becken zwischen den Zuschauern. Mit Liedern von Tocotronic verstärkten die Schauspieler noch die verlockend bedrohliche Suche dieser jungen Leute nach ihrem Platz in der Welt.

Exemplarisch lässt sich hier ablesen, was die meisten von Köhlers Inszenierungen, von Jewgeni Schwarz’ bösem Polit-Märchenspiel „Der Drache“ bis zu Horváths Gesellschaftsanalyse „Italienische Nacht“, eint: Musik, die aus der Inszenierung heraus entsteht und nicht einfach eingespielt wird. Eine Spielfläche von Karoly Risz, möglichst leer, vielseitig und doch charakteristisch. Die Betonung des Ensembles, das häufig als Gruppe auftritt und von den jeweils heraustretenden Figuren eine Positionierung verlangt. Die Beschränkung der Requisiten auf das Allernötigste. Schließlich das unerschütterliche Vertrauen auf die Sprache des Textes und die Körper der Schauspieler, wodurch die kühle Analyse mit ungeheurer Spielenergie aufgeladen wird. Aber Köhler stülpt den Stücken mit diesen Elementen kein immergleiches Konzept über, vielmehr gebraucht er sie wie Werkzeuge, um sich tief in den Gehalt der Dramen hineinzuarbeiten und möglichst viel aus ihnen herauszuholen. Wenn er nicht sogar, wie in der Zusammenarbeit mit dem Autor Thomas Freyer, die Uraufführung besorgt und dabei die Relevanz des Stücks selbst manifestiert.

Köhler und seine Mitstreiter haben einmal ihren künstlerischen Standpunkt schriftlich festgehalten. Unter dem Titel „Wo ist die Herdplatte — wir suchen einen Platz, um uns zu verbrennen!“ heißt es da: „Wir wollen kein ironisches Theater!“ und „Der Text ist der Mittelpunkt.“ Köhler scheint zu brennen für diese Ideale, dafür, dass Sprache und Körper, Energie und Analyse sich gegenseitig befeuern und in ihrer Wirkung verstärken. Nur manchmal, wenn Köhler kompromisslos allen Elementen gerecht werden will wie etwa im zweiten Teil seiner „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ oder auch in der „Italienischen Nacht“ mit ihrem Betroffenheits-Gestus, wenn er nicht kürzen und verdichten will, dann lähmen sich die Gegensätze, verlieren seine Inszenierungen kurzzeitig an Schärfe, Wucht und Brillanz. Dann verbrennt sich Köhler ein wenig. Aber das wollte er ja so, und das Publikum will es offensichtlich auch.
Christine Diller

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • William Shakespeare "Macbeth"
    2015, Deutsches Theater, Berlin
  • Nach Christa Wolf "Der geteilte Himmel"
    2013, Staatsschauspiel Dresden
  • Wajdi Mouawad "Verbrennungen"
    2012, Deutsches Theater, Berlin
  • William Shakespeare "Der Kaufmann von Venedig"
    2011, Staatsschauspiel Dresden
  • Sophokles "König Oedipus"
    2010, Staatsschauspiel Dresden
  • Anton Tschechow „Der Kirschgarten“
    2010 Staatsschauspiel Dresden
  • Ödön von Horváth „Italienische Nacht“
    2010 Staatsschauspiel Dresden
  • Bertolt Brecht „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“
    2009 Staatsschauspiel Dresden
  • Georg Büchner „Woyzeck“
    2009 Maxim Gorki Theater Berlin
  • Alexandre Dal Farra/Tine Rahel Völcker „Haut aus Gold“
    2009 Maxim Gorki Theater Berlin (2008 São Paulo)
  • William Shakespeare „Hamlet“
    2008 Maxim Gorki Theater Berlin
  • Johann Wolfgang Goethe „Faust. Der Tragödie erster Teil“
    2008 Deutsches Nationaltheater Weimar
  • Thomas Freyer „Und in den Nächten liegen wir stumm“ (UA)
    2008 Schauspielhaus Hannover
  • Tine Rahel Völcker „Die Höhle vor der Stadt in einem Land mit Nazis und Bäumen“ (UA)
    2007 Deutsches Nationaltheater Weimar/Maxim Gorki Theater Berlin
  • Thomas Freyer „Separatisten“ (UA)
    2007 Maxim Gorki Theater Berlin
  • William Shakespeare „Othello“
    2006 Deutsches Nationaltheater Weimar
  • Ferdinand Bruckner „Krankheit der Jugend“
    2006 Deutsches Nationaltheater Weimar
  • Thomas Freyer „Amoklauf mein Kinderspiel“ (UA)
    2006 Deutsches Nationaltheater Weimar/Theater an der Parkaue Berlin
  • Jewgeni Schwarz „Der Drache“
    2006 Deutsches Nationaltheater Weimar
  • Fritz Kater „Mach die Augen zu und fliege oder Krieg, böse 5“
    2005 Campinas, São Paulo/Goethe-Institut São Paulo
  • Heinrich von Kleist „Penthesilea“
    2005 bat-Studiotheater Berlin/Deutsches Nationaltheater Weimar
  • Aischylos „Choephoren“
    2005 bat-Studiotheater Berlin
  • Chimo „Lila dit ça – Sagt Lila“
    2000 TheaterFABRIK des Theaters Altenburg/Gera
  • frei nach William Shakespeare "summer.Neid.dreams
    1999 TheaterFABRIK des Theaters Altenburg/Gera