Tom Kühnel


© Sebastian Hoppe
Geboren 4.4.1971 in Cottbus. Von 1992 bis 1996 Regiestudium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Bildet schon während des Studiums mit Robert Schuster ein Regieteam und arbeitet auch mit der Puppenspielerin Suse Wächter zusammen. 1994 bringen sie im Berliner Maxim Gorki Theater Aleksandr Vvendskijs „Weihnachten bei Iwanows“ auf die Bühne und erhalten den Friedrich-Luft-Preis. Ein Jahr später erhalten sie für die Inszenierung von Bertolt Brechts „Die Maßnahme“ den Max-Reinhardt-Preis.

Nach dem Studium inszeniert das Regieteam in Berlin und am Frankfurter Schauspielhaus. 1998 beginnen sie und der virtuelle Autor Soeren Voima Klassiker zu bearbeiten und eigene Stücke zu schreiben. Von 1999 bis 2002 hatten Kühnel und Schuster die künstlerische Leitung des Frankfurter Theaters am Turm (TAT). Seit 2000 inszeniert Tom Kühnel solo. Seit dem Weggang vom TAT arbeitet er als Regisseur an der Berliner Schaubühne, dem Theater Basel, dem Deutschen Theater Berlin und neuerdings auch am Theater Aachen, wo er als ersten Schritt in Richtung Opern-Regie Henry Purcells „Fairy Queen“ zusammen mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ inszeniert hat.

Inzwischen arbeitet er an vielen Theatern wie Hannover, Köln, Freiburg, Graz und entwickelt mit der Puppenspielerin Suse Wächter und dem Entertainer Jürgen Kuttner für einzelne Städte kommunale Erkundungen, in denen Stadtgeschichte als Show erfahrbar wird.

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Porträt: Tom Kühnel

Tom Kühnel trat schon während seines Studiums an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch zusammen mit Robert Schuster als Regieteam auf. Als regieführendes Gemeinschaftswesen entzogen sich die beiden einer Zuordnung und suchten nach einer Neubegründung des zeitgenössischen Theaters in Grenzbereichen der Camouflage und des Absurden. Das galt auch, als sie direkt nach dem Studium fest ans Schauspiel Frankfurt gingen und dort nicht nur als Regie-, sondern auch als Autorenteam unter dem Namen Soeren Voima in Erscheinung traten. In dieser Zeit bearbeiteten sie Klassiker und brachten die daraus resultierende Inszenierung jeweils als Uraufführung heraus. Unter anderem mit Henrik Ibsens „Peer Gynt“ zeigten Kühnel/Schuster, dass sie Stücke gerne wie in einer Laborsituation nachspielen, wobei sie in Zusammearbeit mit Suse Wächter Puppenspielelemente beimischten.

Als das Duo 1999 die künstlerische Leitung des Frankfurter Theaters am Turm (TAT) übernahm, ging es in seinem Spiel mit Identitäten und Theaterstoffen einen Schritt weiter. In einem Manifest wurde verkündet, das Theater müsse seine ästhetischen Mittel aufs Neue erforschen und bestimmen, wie der Wirklichkeit beizukommen sei. Das Credo: „Nur durch die affirmative Beobachtung bekommt die Wirklichkeit bestimmbare Konturen. Das Theater muss wieder als affirmative Kunst verstanden werden“. Die ersten beiden TAT-Produktionen hießen programmatisch „Deutsch für Ausländer“ und „Weltheater I“. Zwar galt bis dahin, dass Kühnel/Schusters Inszenierungen eine doppelte Identität haben und in allem ein Teil von beiden steckt. Man durfte aber annehmen, Tom Kühnels Anteil gehe eher in jene Richtung, in der gespielt naiv das Theater-ABC buchstabiert wird.

In „Deutsch für Ausländer“ waren Text und Inszenierung im gemeinsamen Diskussions- und Probenprozess entstanden. Für „Welttheater I“ hatten Marius von Mayenburg, Albert Ostermeier und Roland Schimmelpfennig kleine Texte beigesteuert. Die Bühnenumsetzung war in beiden Fällen ein nicht gerade überzeugendes work-in-progress. Einen ersten TAT-Erfolg konnten Kühnel/Schuster mit „Das Kontingent“ verbuchen. Sie gingen von Bertolt Brechts „Die Maßnahme“ aus. Wie im Lehrstück wurde ein idealistischer „Revolutionär“, dessen Idealismus angeblich die gemeinsame Sache gefährdet, von vier Kameraden ermordet. Im Unterschied zur Vorlage ereignete sich das Ganze allerdings im Rahmen eines UNO-Einsatzes zum Schutz der Menschenrechte. Die Inszenierung stellte die Frage, ob der humanitäre Zweck jedes Mittel heiligt.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten das Regieduo und der virtuelle Autor Soeren Voima deutlich gemacht, dass sie zu theatralen Laborsituationen und postdramatisch durchgespielten Stoffen neigen. Als ihre Zusammenarbeit im Jahr 2000 endete, machte Tom Kühnel mit einer Solo-Inszenierung von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ deutlich, dass es für ihn ein Regieleben jenseits des Theaterlabors gibt. Er hatte die zündende Idee, das Libretto der Wagner-Tetralogie als Vorlage fürs Sprechtheater zu nehmen, es als Vorläufer des absurden Theater zu interpretieren und als Kleinbürgerfarce zu inszenieren.

Seit dem Ende des TAT inszeniert Tom Kühnel am Theater Basel und im Team von Thomas Ostermeier an der Schaubühne Berlin, wo er mit Falk Richters „Electronic City“ eine überzeugende Regiearbeit vorgelegt hat. Das Stück spielt mit der Vorstellung, dem globalisierten Individuum komme zwischen Terminal und Desktop, Meeting und Lounge die Wirklichkeit abhanden. Dann allerdings wird der Global Player doch vom Leben eingeholt. Die auflackernde Liebe zwischen den Protagonisten Tom und Joy bringt Tom Kühnel mit Mitteln eines auf Schaupieler konzentrierten Erzähltheaters auf die Bühne. Um die Lovestory arrangiert er ein Spiel mit verschiedenen medialen Ebenen.

In Basel wurde Tom Kühnel zu einem der wichtigsten Regisseure in Lars Ole-Walburgs Zeit als Schauspielchef und inszenierte unter anderem Aischylos' „Orestie“ sowie eine Bühnenadaption von Harun Farockis »Die Schöpfer der Einkaufswelten«. Mit seiner Bearbeitung von Farockis Dokumentarfilm brachte er eine wohltuend unangestrengte Auseinandersetzung mit der Miami Vice-Ästhetisierung heutiger Einkaufszentren auf die Bühne, brach die Inszenierung ironisch mit Stilmitteln der Peking-Oper und arbeitete mit dem philosophischen Zeitgeist-Moderator Jürgen Kuttner zusammen.

Zur Eröffnung der Spielzeit 2006/2007 inszenierte er am Theater Aachen eine Verzahnung von Henry Purcells „Fairy Queen“ und Shakespeares „Sommernachtstraum“. Da gelang ihm nicht nur eine leichthändige Umsetzung der Liebeswirren im Athener Wald und ein souveräner Schritt in Richtung Opern-Regie. Er hatte auch einmal mehr die Puppenbauerin Suse Wächter an seiner Seite und zeigte, zu welch überzeugenden Ergebnissen er mit künstlerischen Weggefährten kommen kann. Zusammen mit Suse Wächter brachte er in der Spielzeit 2006/2007 am Schauspiel Graz auch Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ auf die Bühne.

Seit Lars-Ole Walburg nicht mehr das Basler Schauspiel leitet, arbeitet Tom Kühnel an ganz unterschiedlichen Theatern. In Freiburg zum Beispiel brachte er im Mai 2009 eine Adaption von „1984“ auf die Bühne und entwickelt George Orwells apokalyptisches Zukunftsszenarium weiter. Geht es Orwell noch um den totalitären Staat und die Unterdrückung authentischen Lebens mittels eines Überwachungssystems, lässt Tom Kühnel die Figuren aus „1984“ sich selbst überwachen und darunter leiden, dass Gefühle nur noch als Simulacrum zu haben sind.

Ansonsten inszeniert er unterschiedliche Stoffe wie Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ am Schauspielhaus Graz oder einen „Parsifal“ nach Chrétien de Troyes am Kölner Schauspiel. Und er arbeitet weiterhin eng mit Suse Wächter und Jürgen Kuttner zusammen und entwickelt mit der Puppenspielerin und dem Entertainer auf einzelne Städte zugeschnittene kommunale Erkundungen. In Mannheim umrundeten die drei zum 400-jährigen Jubiläum die Stadt mit Helden „Helden Mannheims – Eine Mannheimverbesserung“ in Form eines Quiz, während sie in Hannover in „Götter, Kekse, Philosophen“ so wesensfremde Elemente wie den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibnitz und den Bahlsen-Keks aufeinander trafen. Das war im Herbst 2009 zum Auftakt der neuen Intendanz von Lars-Ole Walburg am Schauspiel Hannover. Man trifft sich immer wieder.

Jürgen Berger

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Tom Kühnel und Jürgen Kuttner nach Ayn Rand ("The Fountainhead") "Capitalista, Baby !"
    2011, Deutsches Theater, Berlin
  • Nach Hans Fallada "Bauern, Bonzen, Bomben"
    2011, Staatsschauspiel Hannover
  • Nach Peter Hacks "Die Sorgen und die Macht. Ein Stück über die Zukunft von gestern" (Regie zusammen mit Jürgen Kuttner)
    2010, Deutsches Theater, Berlin (Kammerspiele)
  • Alan Ayckbourn "Ab jetzt"
    2010, Staatsschauspiel Hannover
  • Nach Harun Farocki "Die Schöpfer der Einkaufswelten. Ein quasi-maoistisches Lehrstück"
    2010, Staatsschauspiel Hannover
  • Euripides "Alkestis"
    2010, Staatsschauspiel Hannover
  • Tom Kühnel, Jürgen Kuttner, Suse Wächter, Datenstrudel "Götter, Kekse, Philosophen"
    2009, Schauspiel Hannover
  • Nach George Orwell "1984"
    2009, Theater Freiburg
  • Saša Stanišic "Go West - Eine Familie wandert aus"
    2008, Schauspiel Graz
  • Tom Kühnel, Jürgen Kuttner "Parsifal"
    2008, Schauspiel Köln
  • Edward Albee "Wer hat Angst vor Virgina Woolf ?"
    2008, Schauspiel Graz
  • "fordlandia" (Zusammen mit Suse Wächter und Jürgen Kuttner)
    2007, Schauspiel Köln (Halle Kalk)
  • William Shakespeare/Henry Purcell "Ein Sommernachtstraum/The Fairy Queen"
    2006, Theater Aachen
  • Nach Bertolt Brecht "Jasagen und Neinsagen" (Zusammen mit Suse Wächter und Jürgen Kuttner)
    2006, Thalia Theater in der Gaußstraße
  • "Helden des 20 Jahrhunderts" (Zusammen mit Suse Wächter und Jürgen Kuttner)
    2005, Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz, Berlin
  • Henrik Ibsen "Gespenster"
    2004, Theater Basel
  • Heinrich von Kleist "Die Hermannsschlacht"
    2004, Deutsches Theater Berlin
  • Falk Richter "Electronic City"
    2004, Schaubühne Berlin
  • Aischylos „Die Orestie“
    2004, Theater Basel
  • Falk Richter „Electronic City“
    2003, Schaubühne Berlin
  • Kühnel / Kutter / Schwarz / Wächter „Helden des 20. Jahrhunderts“
    UA 2003, Theater Basel
  • Ingmar Bergmann „Szenen einer Ehe“
    2003, Theater Basel
  • Nicolai Erdmann „Der Selbstmörder“
    2002, TAT Frankfurt
  • Richard Wagner „Ring des Nibelungen“
    2001, TAT Frankfurt
  • Soeren Voima nach Sophokles / Euripides „Europa“
    UA 2000, TAT Frankfurt
  • Soeren Voima „Das Kontingent“
    UA 2000, Schaubühne Berlin / TAT Frankfurt
  • Soeren Voima / Marius von Mayenburg / Albert Ostermeier / Roland Schimmelpfennig „Welttheater I“
    UA 2000, TAT Frankfurt
  • Soeren Voima „Deutsch für Ausländer“
    UA 1999, TAT Frankfurt
  • Soeren Voima nach William Shakespeare „Titus Andronicus“
    UA 1998, Schauspiel Frankfurt
  • Soeren Voima nach Henrik Ibsen „Peer Gynt“
    UA 1998, Schauspiel Frankfurt
  • Soeren Voima nach Lewis Caroll „Alice im Wunderland“
    UA 1998, Schaupiel Frankfurt
  • Samuel Beckett „Warten auf Godot“
    1997, Schauspiel Frankfurt
  • Sophokles „Antigone“
    1996, BAT Hochschule für Schaupielkunst Ernst Busch Berlin
  • Bertolt Brecht „Die Maßnahme“
    1995, BAT Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin
  • Aleksandr Vvendskij „Weihnachten bei Iwanows“
    1994, Maxim Gorki Theater Berlin