René Pollesch


© David Baltzer
Geboren 1962 in Friedberg, Hessen. 1983-1989 Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen, u.a. bei Heiner Müller, George Tabori, John Jesurun. Ab 1992 Projekte am Theater am Turm (TAT) in Frankfurt/Main unter dem damaligen Intendanten Tom Stromberg. 1996 erhält er ein Arbeitsstipendium am Royal Court Theatre London mit Seminaren bei Harold Pinter und Caryl Churchill.

Seit 1998 Inszenierungen an Stadttheatern in Berlin, Leipzig und Stuttgart. 1999/2000 Hausautor und Regisseur am Luzerner Theater, danach am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Sein dort entwickeltes Theater-Soap-Projekt „World Wide Web-Slums 1-10“ gewinnt 2001 den Mülheimer Dramatikerpreis.

Von der Spielzeit 2001/2002 bis 2006/2007 war Pollesch künstlerischer Leiter des Praters der Berliner Volksbühne (Intendant: Frank Castorf). 2002 wurde Pollesch in der Kritikerumfrage von „Theater heute“ zum besten deutschen Dramatiker gewählt. Er inszeniert in Berlin, Stuttgart, München, Hamburg, Frankfurt, Wien und Zürich.

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Porträt: Pollesch, René

Nur ganz wenigen Regisseuren gelingt es, eine wirklich neue Form von Theater zu finden, die komplex genug ist, um nicht schnell im Stil zu erstarren. Robert Wilson, Christoph Marthaler, Frank Castorf oder Christoph Schlingensief sind solche künstlerische Dominanten, die ihre Originalität über viele Jahre immer wieder vor der Erschöpfung bewahren konnten. Mittlerweile muss man zu diesem Kreis auch René Pollesch zählen, denn in der Treue zu einem von ihm erfundenen Theaterkonzept findet er immer wieder neue Spielweisen, Konstellationen und Themen.

Seit seinen Lehrjahren am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft, der einzigen Theaterschule in Deutschland, an der Theorie und Praxis im gegenseitigen Bezug gelehrt wird, verfolgt Pollesch eine Grundidee: die bühnentaugliche Verbindung von Fernsehunterhaltung und akademischen Diskursen. Mit der Kreuzung dieser Formate, die jedes für sich auf der Bühne verpönt sind, schuf Pollesch ein Theater der Hysterie, das in seiner Dynamik und Intensität singulär dasteht.

Gedankenspiele zu Begriffen wie Outsourcing, Stadtmarketing, Globalisierung oder Vernetzung, die Pollesch aus Sachbüchern zitiert und kombiniert, verwandelt er in einer Art satirischer Montage in Dialoge und Textschleifen. Seine Protagonisten sind Karikaturen überforderter Großstadtmenschen, wie sie die Schnellschuss-Unterhaltung kennt, die mit diesen Texten ihr emotionales Elend in wahnwitzigem Tempo sprechen und herausbrüllen. Das ergibt Desperate Housewives als linke Buchhandlung auf Speed.

Durch die Mischung von intellektuellen Phrasen, die wie banale Serieninhalte gesprochen werden, und naiven Selbstbefragungen, die mit akdemischen Pathos auftreten, erlangt Polleschs eigenwillige Sprache sowohl absurde wie sehr konkrete Qualitäten. So diskutieren die Schauspieler die Frage, ob Sehnsucht lediglich ein Instrument der kapitalistischen Verwertungskette ist, mit dem gleichen ungläubigen Ernst wie die Idee, dass die Selbstabschaffung des Kommunismus von seiner tatsächlichen Überlegenheit über den Kapitalismus zeugt – während die Schauspieler im Stil einer Boulevard-Komödie dazu Slapstick, Verwechslungen und rasante Auftritte hinlegen. Bewusst weckt Polleschs Kunstsprache das Unbehagen über die verwendeten Jargons aus Uni und TV, die sich in ihrer tatsächlichen Sinnleere oft gar nicht so unähnlich sind. Erst der groteske Humor, den dieser Zwitter aus überladenem und banalem Ausdruck entwickelt, erlaubt den großen Unterhaltungserfolg seiner Stücke bei einem vorwiegend jungen Publikum. Ein weiteres Kennzeichen des Pollesch-Theaters ist die hohe Aggressivität. Die drei Darsteller, die das Grundmodell seiner Bühnensituation bilden, verwandeln die Überhitzung mit Thesen und Assoziationen, die Pollesch ihnen diktiert, in einen dauernden Nervenzusammenbruch. Das Unterbewusste durchstößt permanent die kontrollierte Oberfläche von Kapitalismus-Sklaven und galoppiert wie wahnwitzig in brüllenden Wortkaskaden davon.

Pollesch arbeitet aber nicht nur als Regisseur und Autor (wofür er u.a. den Mülheimer Dramatikerpreis gewann), sondern hat mit der Bühnenbildnerin Janina Audick auch eine zeichenüberladene Trash-Ästhetik aus Popmüll, Plüsch, Karaoke, Parolen und Western-Utensilien entwickelt, die nicht weniger die Aufmerksamkeit strapaziert als Text und Tempo. Inszenierungen anderer Regisseure, etwa Stefan Puchers Versuch mit dem Pollesch-Text „Bei Banküberfällen wird mit wahrer Liebe gehandelt“, wirken gegen diese manische Kulturorgie eher kraftlos.

Der Gedanke der Serie als Metapher für Wiederholungszwang und Beschleunigung führt dabei nicht nur zu Serieninszenierungen („Heidi Hoh“ in Berlin oder „www-slums 1-10“ am Hamburger Schauspielhaus), sondern auch zum ständigen Recycling von Text-Fragmenten für neue Inszenierungen. Unter immer neuen absurden Titeln wie "Häuser gegen Etuis", „Das Purpurne Muttermal“ oder „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!“ werden Themen, Ideen oder ganze Textpasssagen mit neuen Versatzstücken kombiniert. So wanderte die Kunstfigur Hedley Lamarr (entwickelt aus der amerikanischen Film-Diva und Erfinderin Hedi Laamarr) durch mehrere Produktionen oder die bizarre Situation, dass Schauspieler auf der Bühne eine Komödie spielen und hinter der Bühne gleichzeitig einen Film drehen, wird wiederholt zum Setting eines theatralischen Laborratten-Experiments. Der kommunikative Irrsinn der Welt wird mit irrsinningen Mitteln auf die Spitze getrieben.

Till Briegleb

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • René Pollesch "Herein ! Herein ! Ich atme euch ein !
    2014, Schauspielhaus Zürich
  • René Pollesch "Cavalcade or Being a holy Motor"
    2013, Burgtheater, Wien
  • René Pollesch "Gasoline Bill"
    2013, Münchner Kammerspiele
  • René Pollesch "Cavalcade"
    2013, Burgtheater (Akademietheater), Wien
  • René Pollesch nach Honoré de Balzac "Glanz und Elend der Kurtisanen"
    2013, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
  • René Pollesch "Macht es für euch ! "
    2012, Schauspielhaus, Zürich
  • René Pollesch "Neues vom Dauerzustand"
    2012, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg
  • René Pollesch "Eure ganz großen Themen sind weg !"
    2012, Münchner Kammerspiele
  • René Pollesch "Wir sind schon gut genug"
    2012, Schauspiel Frankfurt
  • René Pollesch "Kill Your Darlings ! - Streets of Berladelphia"
    2012, Volksbühne-am-Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
    Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • René Pollesch "Die Liebe zum Nochniedagewesenen"
    2011, Akademietheater, Wien
  • René Pollesch "Die Kunst war viel populärer, als ihr noch keine Künstler wart"
    2011, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
  • René Pollesch "Was immer du machst, mach es nicht selbst"
    2011, Theater Freiburg
  • René Pollesch "Schmeiss dein Ego weg !"
    2011, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
  • René Pollesch "XY Beat"
    2010, Münchner Kammerspiele
  • René Pollesch "Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen"
    2010, Schauspiel Frankfurt
  • René Pollesch "Drei Western"
    2010, Staatstheater Stuttgart
  • René Pollesch "Der perfekte Tag. Ruhrtrilogie 3"
    2010, Ringlokschuppen, Mülheim, Koproduktion mit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
  • René Pollesch "Peking Opel"
    2010, Burgtheater, Wien
  • René Pollesch nach Christa Winsloe "Mädchen in Uniform"
    2010, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg
  • René Pollesch "Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang"
    2010, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
  • René Pollesch "Calvinismus Klein"
    2009, Schauspielhaus Zürich
  • René Pollesch "Cinecittà Aperta"
    2009, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Prater)
  • René Pollesch "JFK"
    2009, Thalia Theater, Hamburg
  • René Pollesch "Wenn die Schauspieler mal einen freien Abend haben wollen, übernimmt Hedley Lamarr"
    2008, Staatstheater Stuttgart
  • René Pollesch "Ein Chor irrt sich gewaltig"
    2009, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Prater)
  • René Pollesch "Ping Pong d'amour"
    2009, Münchner Kammerspiele
  • René Pollesch "Du hast mir die Pfanne versaut, du Spiegelei des Terrors"
    2009, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
  • René Pollesch "Fantasma"
    2008, Burgtheater, Wien
    Einladung Mülheimer Theatertage
  • René Pollesch "Tal der fliegenden Messer"
    2008, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
  • René Pollesch "Hallo Hotel Nachtportier"
    2007, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
  • René Pollesch "Die Welt zu Gast bei reichen Eltern"
    2007, Thalia Theater, Hamburg
  • René Pollesch "Diktatorengattinnen"
    2007, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
  • René Pollesch "Liebe ist kälter als das Kapital"
    2007, Staatstheater Stuttgart
  • René Pollesch "Solidarität ist Selbstmord"
    2007, Münchner Kammerspiele
  • René Pollesch "Wann kann ich endlich in einen Supermarkt gehn und kaufen was ich brauche allein mit meinem guten Aussehen ?"
    2006, Staatsschauspiel Stuttgart
  • René Pollesch "Strepitolino"
    2006, Prater (Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz), Berlin
  • René Pollesch "Cappuccetto Rosso"
    (Eingeladen zu den Mülheimer Theatertagen „Stücke 2006“)
    2005, Volksbühne Berlin (Prater)/Salzburger Festspiele
  • René Pollesch „Notti senza cuore“
    2005, Prater (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz), Berlin
  • René Pollesch „Schändet eure neoliberalen Biograpien !“
    2005, Kammerspiele, München
  • René Pollesch "Häuser gegen Etuis"
    2005, Burgtheater (Kasino), Vienna
  • René Pollesch "Die Magie der Verzweiflung (Prater-Saga 5)
    2005, Prater (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz), Berlin
  • René Pollesch "Der okkulte Charme der Bourgeoisie bei der Erzeugung von Reichtum"
    2005, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg
  • René Pollesch "Stadt ohne Eigenschaften"
    2005, Staatsschauspiel Stuttgart
  • René Pollesch "1000 Dämonen wünschen dir den Tod"
    2004, Volksbühne Berlin /Prater
  • René Pollesch "Hallo Hotel..."
    2004, Festival Theaterformen (Koproduktion des Burgtheaters Wien, des Theaters Braunschweig und des Staatsschauspiels Hannover)
  • René Pollesch "Pablo in der Plusfiliale"
    2004, Ruhrfestspiele
  • René Pollesch „Svetlana in a favela“
    2004 Theater Luzern
  • René Pollesch „LSD“
    2003 Staatstheater Stuttgart
  • René Pollesch „Splatterboulevard“
    2003, Deutschen Schauspielhaus Hamburg
  • René Pollesch „24 Stunden sind kein Tag. Escape from New York“
    2002, Volksbühne Berlin
  • René Pollesch „Der Kandidat (1980). Sie leben!“
    2002, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • René Pollesch „Prater Trilogie. Stadt als Beute / Insourcing des Zuhause – Menschen in Scheiß-Hotels / Sex“
    2001/2002 Volksbühne Berlin im Prater), Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • René Pollesch „Heidi Hoh 3 – die Interessen der Firma können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat“
    2001, Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt a.M. / Wiener Festwochen
  • René Pollesch „Smarthouse 1+2“
    2001, Staatstheater Stuttgart
  • René Pollesch „World Wide Web-Slums 1-10“
    2000-2001, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • René Pollesch „Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr“
    2000, Podewil Berlin
  • René Pollesch „Java In A Box“
    1999, Theater Luzern
  • René Pollesch „Globalisierung und Verbrechen“
    1998, Schauspiel Leipzig
  • René Pollesch „Heidi Hoh“
    1998, Podewil Berlin
  • René Pollesch „Superblock“
    1998, Berliner Ensemble
  • René Pollesch „Drei hysterische Frauen“
    1998, Berliner Volksbühne im Prater
  • René Pollesch „Ich schneide schneller / Version 4“
    1993, Theater am Turm Frankfurt
  • René Pollesch „Splatterboulevard“
    1992, Theater am Turm Frankfurt