Johan Simons

© Ben van Duin

Geboren 1946 in Holland. Begann mit 14 Jahren eine Tanzausbildung in Rotterdam und studierte Schauspiel an der Theaterakademie Maastricht. 1976 schloss er sich als Schauspieler der Haagschen Comedie an, wo er sein erstes Stück inszenierte. 1979 war er Mitbegründer des Wespetheaters, einem Schauspielerkollektiv, das im Sommer mit Zelten durch die Provinz Nord-Holland tourte und dort regionale und historische Stücke aufführte, die aus Improvisationen entstanden. Die Truppe bemühte sich um einen expressiven, körperlichen Spielstil, inspiriert von der Commedia dell´arte. 1982 gründete er sein eigenes Theater, das Het Regiotheater. Arbeitsweise und Spielstil ähnelten dem Wespetheater, die Stücke entstanden jedoch nicht mehr aus Improvisationen, sondern wurden speziell für das Ensemble von erfahrenen Autoren geschrieben. 1985 fusionierte das Het Regiotheater mit dem ähnlich strukturierten Ensemble Acht Oktober zur Theatergroep Hollandia. Aufführungen in leer stehenden Fabrikhallen, Ställen oder Kirchen auf dem Land; enge Zusammenarbeit mit dem Schlagzeuger und Komponisten Paul Koek, der zu Simons´ Koregisseur und zweiten künstlerischen Leiter wurde. 2001 Fusion der Gruppe mit dem „Het Zuidelijk Toneel“ aus Eindhoven zum „ZT Hollandia“. Das Theater wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und mit Erfolgsproduktionen wie „Zwei Stimmen“ oder „Der Fall der Götter“ zu internationalen Festivals eingeladen. 2000 erhielten Simons und Koek in Taormina den Europäischen Preis für Innovation im Theater. Seither ist Simons ein gefragter Gastregisseur an deutschsprachigen Theatern, u.a. am Schauspielhaus Zürich, an den Münchner Kammerspielen und bei den Wiener Festwochen. 2004 wurde er in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zum Regisseur des Jahres gewählt (für seine Inszenierung „Anatomie Titus Fall of Rome“ an den Münchner Kammerspielen). Seit September 2005 ist Simons künstlerischer Leiter des Publiekstheater in Gent, das jetzt NTGent heißt. Neben den Werken junger Theatermacher sind Koproduktionen mit der Toneelgroep Amsterdam, der Volksbühne Berlin und der Opéra de Bastille in Paris geplant. Seit der Spielzeit 2010/2011 ist Simons Intendant der Münchner Kammerspiele.
2014 erhält er den Berliner Theaterpreis.
Ab der Spielzeit 2015/2016 übernimmt Johan Simons die Leitung der Ruhrtriennale. Sein Nachfolger an den Münchner Kammerspielen ist Matthias Lilienthal.

Links zum Thema

Porträt

Johan Simons ist einer der wichtigsten und prägnantesten Regisseure nicht nur des niederländischen, sondern inzwischen auch des europäischen Theaters. Mit seiner Theatergruppe Hollandia verfolgte er ab 1985 jenen Weg, den er zuvor bereits mit dem Wespetheater und danach mit seinem Regiotheater beschritten hatte, nämlich: Theater in der Provinz zu machen – „für Leute, die normalerweise nicht ins Theater gehen“. Also arbeitete die Gruppe auf dem Land, spielte in leer stehenden Fabriken, Kirchen und Hühnerställen, auf Bauernhöfen und in einem Fußballstadion. Die Wirklichkeit wurde ganz konkret und unmittelbar ins Theater geholt. Für Aischylos´ „Prometheus“ diente als Schauplatz ein Autofriedhof. „Wer seinen Stall nicht kennt, kennt die Welt nicht“, lautete von Anfang an Simons´ Maxime.

Ab 1988 bildete er einen festen Schauspielerstamm, zu dem u.a. Elsie de Brauw, Bert Luppes, Betty Schuurman und Jeroen Willems gehörten. Mit ihnen entwickelte der Regisseur den typischen Hollandia-Stil: ein kraftvolles, körperlich-sinnliches Improvisations- und Erzähltheater, stets ausgehend vom Hier und Jetzt und von der Persönlichkeit der Schauspieler, oft unter Zuhilfenahme von musique concrète und nicht-literarischen Texten wie Reden, Artikeln und Interviews. Der Schlagzeuger und Ko-Regisseur Paul Koek, seit 1987 stellvertretender Direktor der Gruppe, entwarf dafür musikalische Kompositionen von dramaturgischer Qualität, bestimmte Tempo und Rhythmus der Aufführungen. Die Gruppe erlangte Kultstatus – nicht nur bei der Landbevölkerung, sondern auch beim kulturellen Bildungsbürgertum, das aus den Städten anreiste, wo immer Hollandia auftrat.

Lag der Schwerpunkt des Repertoires in den Anfangsjahren vor allem bei griechischen Tragödien sowie bei ländlichen Stücken und Bauerndramen (darunter auch Stücke von Georg Büchner und Frank Wedekind, Herbert Achternbusch und Franz Xaver Kroetz), wandte sich Simons Mitte der neunziger Jahre mehr und mehr gesellschaftspolitischen Stoffen zu, in denen der Mensch als soziales, handlungsfähiges Wesen im Mittelpunkt steht. So entstand ein ganzer Zyklus zur „Moral der Macht“, dessen Zentrum die wohl berühmteste Hollandia-Produktion bildet: „Der Fall der Götter“, eine freie Adaption des Films „Die Verdammten“ von Luchino Visconti. Erzählt wird die Geschichte eines deutschen Industriellen-Clans zur Zeit des Nationalsozialismus nach dem Vorbild der Familie Krupp.

Die Inszenierung, die auf zahlreichen internationalen Festivals gefeiert wurde, ist eine ebenso düstere wie hellsichtige Meditation über Opportunismus und Korruption, über Machtgier, Geilheit und Profitmaximierung. 2001 gastierte sie – in einer deutschen Bühnenfassung – bei den Salzburger Festspielen, 2002 bei der Ruhrtriennale, 2004 – in einer französischen fassung – beim Festival d´Avignon. Wie bei Visconti gibt es Verweise auf „Macbeth“ und „Ödipus“, auf Dostojewskis „Dämonen“, Thomas Manns „Buddenbrocks“ und Richard Wagners „Götterdämmerung“, dazu ironische Brechungen und kritische Analysen gesellschaftlicher Zusammenhänge. Jeder der Hollandia-Schauspieler übernimmt dabei mehrere Rollen, so spielt etwa der famose Jeroen Willems nicht nur den alten Baron von Essenbeck, sondern auch dessen amoralischen Enkel Martin sowie den Generaldirektor Bruckmann aus der mittleren Generation: ein schauspielerischer Bravourakt.

Schon mit dem Solo-Stück „Zwei Stimmen“, uraufgeführt 1997 und seither in mehreren Sprachen auf Welttournee, stellte Jeroen Willems seine virtuose Verwandlungskunst unter Beweis. Er verkörpert darin, basierend auf Texten von Pier Paolo Pasolini, fünf Spitzenvertreter kapitalistischer Macht, darunter den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Shell International, Cor Herkströter, der mit Originalzitaten aus seinen Reden zu Wort kommt. Internationalen Erfolg erlangte auch das Hollandia-Solo „Ungelöschter Kalk“ (1999) über den holländischen Kommunisten Marinus van der Lubbe, den Brandstifter des deutschen Reichstagsbrandes (gespielt von Fedja van Huêt).

2001 fusionierte die Theatergroep Hollandia mit dem Zuidelijk Toneel aus Eindhoven zum ZT Hollandia, was der Gruppe bessere Arbeitsbedingungen, aber auch mehr Verpflichtungen, etwa zu ausgedehnten Inlandstourneen, einbrachte. Ihre Produktion der „Bakchen“ nach Euripides war 2002 bei den Wiener Festwochen, in Athen und im Ruhrgebiet zu sehen. Seit 2001 ist Simons außerdem regelmäßiger Gastregisseur an deutschsprachigen Theatern, häufig in Koproduktion mit dem ZT Hollandia. Ein eindrucksvoller Erfolg gelang ihm 2003 mit seiner klugen, durch die Verweigerung jeglicher Theatralität bewusst auch sperrigen Inszenierung von Heiner Müllers „Anatomie Titus Fall of Rome“ mit dem Ensemble der Münchner Kammerspiele: Das war intellektuelles Denk-Theater im Gestus der parlamentarischen Demokratie. Eine Reflexion über die Ursachen von Terror und Gewalt. Das Bühnenbild, gebaut von Bert Neumann, zeigte ein Theaterparkett, in dem die Akteure wie Voyeure ihrer selbst saßen, aber auch wie Abgeordnete – und wie Spiegelbilder der Zuschauer. Die Shakespearschen Gewaltexzesse fanden hier nicht auf der Bühne, dafür um so heftiger in der Sprache und in den Köpfen statt. Die Inszenierung wurde 2004 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Ein Jahr später war Simons erneut beim Theatertreffen vertreten: mit seiner ganz und gar menschenfreundlichen, auf die Liebesgeschichten der beiden Brüder konzentrierten Bühnenadaption des Romans „Elementarteilchen“ von Michel Houellebecq. Auf einer über die ersten Zuschauerreihen gelegten Wellblechfläche schickte der Regisseur fünf exzellente Schauspieler (André Jung, Robert Hunger-Bühler, Sylvana Krappatsch, Yvonne Jansen und Chris Nietvelt) in das Kraftfeld seines schnörkellosen, von jeglichem Ballast befreiten Erzähltheaters. Frank Baumbauer übernahm die gefeierte Inszenierung vom Schauspielhaus Zürich im November 2005 an die Münchner Kammerspiele, wo Simons regelmäßiger Gastregisseur ist.

Ob in seiner kühlen, episch schlichten Inszenierung der „Zehn Gebote“ (nach den Filmen und Geschichten „Dekalog 1 – 10“ von Krysztof Kieslowski) oder in seiner postkolonialen Textrecherche „Robinson Cruso, die Frau und der Neger“ (nach dem Roman „Foe“ des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee): immer behauptet Simons mit politischem Impetus das Theater als einen Ort des Denkens. Er misstraut den herkömmlichen Dramaturgien, den wirkungsvollen Auftritten, den Effekten des Illusions-, Einfühlungs- und Bildertheaters. Lieber pflegt er auf der Bühne den intellektuellen Diskurs. Sein Minimalismus kann aber auch anstrengend sein, und manches gerät spröde bis verkopft.

Simons´ letzte Arbeit mit ZT Hollandia war „Fort Europa“, ein verquaster Jahrhundert-Aufwasch nach einem Text von Tom Lanoye, uraufgeführt 2005 bei den Wiener Festwochen in einer frequentierten Durchgangshalle des Wiener Südbahnhofs. Im September 2005 wechselte er als künstlerischer Leiter ans NTGent, das ehemalige Publiekstheater. Zum Einstand inszenierte er „Platform“ nach dem Roman von Houellebecq. Mit Inszenierungen junger Theatermacher und einem festen Kern von acht Schauspielern – darunter Elsie de Brauw, Aus Greidanus Jr. und Betty Schuurman von ZT Hollandia – will Simons in Gent ein Repertoire aufbauen, was im flämischen Sprachraum unüblich ist. Geplant sind Koproduktionen mit anderen Theatern, etwa der Volksbühne Berlin, sowie Gastinszenierungen von Regisseuren wie Frank Castorf, Ivo van Hove, Christoph Marthaler oder Jossi Wieler. Simons wird weiterhin als Gast an anderen Häusern inszenieren, wenigstens einmal pro Saison.

Christine Dössel

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Nach Siegfried Lenz "Deutschstunde"
    2014, Thalia Theater, Hamburg
  • Nach Heinar Kipphardt "März"
    2014, Münchner Kammerspiele
  • Anton Tschechow "Onkel Wanja"
    2013, Münchner Kammerspiele
  • William Shakespeare "König Lear"
    2013, Münchner Kammerspiele
  • Lot Vekemans "Judas"
    2012, Münchner Kammerspiele
  • Elfriede Jelinek "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall"
    2012, Münchner Kammerspiele
  • Sarah Kane "Gesäubert/Gier/4.48 Psychose"
    2012, Münchner Kammerspiele
  • Nach Federico Fellini (unter Verwendung von Eugene O'Neills "Der haarige Affe") "E la nave va"
    2011, Münchner Kammerspiele
  • Elfriede Jelinek "Winterreise"
    2011, Münchner Kammerspiele
  • Lion Feuchtwanger "Erfolg"
    2010, Münchner Kammerspiele
  • Nach Joseph Roth "Hotel Savoy"
    2010, Münchner Kammerspiele
  • Ödön von Horvath "Kasimir und Karoline"
    2009, Schauspiel Köln
  • Nach Joseph Roth "Hiob"
    2008, Münchner Kammerspiele
  • Heinrich von Kleist "Prinz Friedrich von Homburg"
    2007, Münchner Kammerspiele
  • Giuseppe Verdi „Simon Boccanegra“
    2006, Opéra de Bastille, Paris
  • Koen Tachelet (Text) / Peter Vermeersch (Musik) nach Calderón de la Barca „Das Leben ein Traum“
    2006, Ruhrtriennale
  • Pieter de Buysser nach J. M. Coetzee „Robinson Cruso, die Frau und der Neger“
    UA 2006, Münchner Kammerspiele in Koproduktion mit dem NTGent und dem Grand Théatre de la ville de Luxembourg
  • Tom Lanoye „Fort Europa"
    2005, Wiener Festwochen / Ruhrtriennale in Zusammenarbeit mit ZT Hollandia
  • Koen Tachelet nach den Geschichten und Filmen „Dekalog 1-10“ von Krysztof Kieslowki „Die zehn Gebote“
    2005, Münchner Kammerspiele
  • Tom Blokdijk nach Fjodor M. Dostojewski „Zocker“
    2004, Volksbühne Berlin in Koproduktion mit ZT Hollandia
  • Tom Blokdijk nach Michel Houellebecq „Elementarteilchen“
    2004, Schauspielhaus Zürich / im November 2005 Übernahme an die Münchner Kammerspiele (Auszeichnung mit dem Nestroy-Preis 2004, Einladung zum Berliner Theatertreffen 2005)
  • Peter Verhelst nach Shakespeare „Richard III.“
    2004, ZT Hollandia / NTGent/ Stadsschouwburg Eindhoven / Theaterformen 2004
  • Heiner Müller „Anatomie Titus Fall of Rome – Ein Shakespearekommentar“
    2003, Münchner Kammerspiele, (Einladung zum Berliner Theatertreffen 2004)
  • Paul Koek / Johan Simons nach Ralf Rothmann „Sentimenti“
    2003, Ruhrtriennale in Zusammenarbeit mit ZT Hollandia
  • Tom Blokdijk nach Christian Diterich Grabbe „Hannibal“
    2002, Staatstheater Stuttgart in Zusammenarbeit mit ZT Hollandia
  • Tom Blokdijk nach Michel Houellebecq „Tragbar“
    2001, Schauspielhaus Zürich
  • Tom Blokdijk nach Luchino Visconti „Der Fall der Götter“
    1999, ZT Hollandia / NTGent
  • Tom Blokdijk nach Marinus van der Lubbe „Ungelöschter Kalk“
    1999, ZT Hollandia
  • Pier Paolo Pasolini / Cor Herkströter „Zwei Stimmen“
    1997, ZT Hollandia / NTGent)