Michael Thalheimer


© Iko Freese
Geboren am 28. Mai 1965 in Münster. Ausbildung zum Schlagzeuger. Von 1985 bis 1989 Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Bern/Schweiz. Engagements als Schauspieler u.a. in Bern, Mainz und Bremerhaven sowie an den Städtischen Bühnen Chemnitz, wo er Mitte der 1990er Jahre selbst zu inszenieren beginnt.

Seither Regie-Arbeiten in Leipzig, Dresden, Freiburg und Basel, später auch in Frankfurt/Main, Köln sowie ab 2000 regelmäßig am Thalia Theater Hamburg. Unter der Intendanz von Bernd Wilms war Michael Thalheimer von 2005 bis 2008 leitender Regisseur sowie Mitglied der künstlerischen Leitung des Deutschen Theaters Berlin, wo er weiterhin gastweise inszeniert. Seit 2005 auch regelmäßige Ausflüge in die Opernregie.

Michael Thalheimers Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet. Neben diversen Einladungen zum Berliner Theatertreffen erhielt der Regisseur u.a. den 3sat-Innovationspreis, den Wiener Nestroy-Preis, den Berliner Friedrich-Luft-Preis und die Moskauer „Goldene Maske“. Außerdem gastierten seine Inszenierungen auf internationalen Festivals in Europa, Asien, Nord- und Südamerika.

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Porträt: Michael Thalheimer

Michael Thalheimers Regie-Karriere begann mit einem veritablen kleinen Skandal. „Das ist doch ein anständiges Stück, das muss man doch nicht so spielen!“, rief der ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi im Jahr 2000 aus dem Zuschauerraum mitten in die Premiere von Ferenc Molnárs „Liliom“ hinein. Der Titelheld hatte sich gerade an der Rampe entleibt.

Es waren aber mitnichten grelle Effekte, die einen Teil des Hamburger Publikum derart schockierten. Im Gegenteil: Das provozierende Moment an Michael Thalheimers Inszenierungen liegt vielmehr in ihrer konsequenten Reduktion. Dem in der Regel operettenhaft auf die Bühne gebrachten Volksstück um den Karussell-Ausrufer Liliom und das Dienstmädchen Juli aus dem Jahr 1909 hatte der Regisseur schlichtweg die Rührseligkeit ausgetrieben. Alles Folkloristische, mithin Beruhigend-Unterhaltsame, war getilgt. Unter dem üblichen Jahrmarktskitsch legte Thalheimer wie mit einem Seziermesser den tragischen Zentralnerv des Dramas frei: Man sah einsame, gewaltbereite Menschen mit enormen Kontaktschwierigkeiten zu ihren eigenen Gefühlen, geschweige denn zu denen ihrer Mitmenschen.

Dem Regisseur geht es dabei keineswegs um eine modische Ausweidung oder gar Dekonstruktion des dramatischen Kanons. Seine Methode gleicht vielmehr der eines Chirurgen: Schicht um Schicht trägt er im Vorfeld die für seine Lesart überflüssigen Handlungsstränge, jedwedes Lokalkolorit und vor allem den rezeptionsgeschichtlichen Ballast der oft Jahrhunderte alten Texte ab, bis er zu ihrem zeitlosen Schmerzpunkt vorgedrungen ist. Aus dieser Perspektive schließlich erzählt Thalheimer die Geschichte für ein heutiges Publikum radikal neu - ohne sich deshalb in ästhetischer Eindimensionalität zu erschöpfen. „Es geht mir darum, den Kern eines Stückes zu finden, ihm nachzuspüren und mich dann erst stilistisch zu entscheiden“, beschreibt er seine Arbeitsweise. Oft gewinnt Thalheimer Stücken auch durch eine atypische Schauspieler-Besetzung – also durch gängigen Erwartungen zuwider laufende Rollenprofile – überraschende Sichtweisen ab.

Die anatomische Methode hatte der ausgebildete Schauspieler, der Mitte der 1990er Jahre auf den Regiestuhl wechselte, bereits in Chemnitz, Basel, Freiburg und Leipzig erprobt, als 2001 mit einer Doppeleinladung zum Berliner Theatertreffen endlich der Durchbruch erfolgte: Neben „Liliom“ wurde auch Thalheimers Dresdner Inszenierung „Das Fest“ nach Thomas Vinterbergs und Mogens Rukovs gleichnamigem Dogma-Film gezeigt. Im selben Jahr bescherte der frisch gebackene „Shooting Star“ dem neuen Leitungsteam des Deutschen Theaters Berlin – Intendant Bernd Wilms und Chefdramaturg Oliver Reese – den ersten großen Erfolg ihrer Amtszeit: In einer hoch konzentrierten Achtzig-Minuten-Fassung ließ er das Personal aus Gotthold Ephraim Lessings „Emilia Galotti“ zur Musik aus Wong Kar-Wais Film „In the Mood for Love“ abendfüllend wie auf einem Laufsteg agieren. Thalheimers Markenzeichen, Psychologie in eine konsequent durchchoreografierte Körpersprache zu übersetzen, kam bei dieser Inszenierung beispielhaft zum Tragen. Den Text sprachen die Schauspieler – in der Regel einige Meter voneinander entfernt – einfühlungsfrei in Höchstgeschwindigkeit: Lauter emotionsunfähige Einzelkämpfer, deren Versuche, den anderen zu berühren, schon im Gestus der ausgestreckten Hände endete. Wem hier nach Weinen zumute war, der musste seinem Kollegen im Zweifelsfall erst eine Träne von der Wimper stehlen, um sie sich ins eigene Auge zu reiben.

Wie für „Emilia Galotti“ das Laufstegflair, schafft Michael Thalheimer gemeinsam mit dem Bühnenbildner Olaf Altmann generell starke formale Setzungen für seine Inszenierungen. In der „Orestie“ (2006) beispielsweise agieren die Schauspieler vor einer blutüberströmten, die Spielflächentiefe extrem reduzierenden Bretterwand, in den „Ratten“ (2007) gebückt in einem gerade mal anderthalb Meter hohen Bühnenschlitz und in der „Wildente“ (2008) auf einem halsbrecherisch schrägen Szenario.

Neben dem Deutschen Theater Berlin, wo Thalheimer unter Wilms` Intendanz von 2005 bis 2008 leitender Regisseur sowie Mitglied der künstlerischen Leitung war, arbeitet er vor allem am Hamburger Thalia Theater und seit 2009 auch wieder verstärkt am Schauspiel Frankfurt. Außerdem unternimmt er gelegentlich Ausflüge in die Opernregie. Der „Dramenskeletteur“ inszeniert sämtliche kanonischen Autoren von Aischylos über William Shakespeare, Anton Tschechow, Georg Büchner oder Gerhart Hauptmann bis zu Bertolt Brecht und Frank Wedekind. Dabei offenbart sich allerdings auch die Gefahr seiner Methode: Nicht jedem Text sind mit dem Chirurgenmesser tatsächlich neue Dimensionen zu erschließen, manche werden auch schlichtweg in ihrer Komplexität beschnitten. Tschechows „Drei Schwestern“ etwa hörten in Thalheimers Inszenierung am Deutschen Theater (2003) gänzlich auf zu atmen und erstarrten in purem Form- und Konzeptbewusstsein. Auch bei „Faust“ (2004) oder der „Orestie“ galt einem Teil der Kritik nur noch als „Masche“, was der andere nach wie vor als „gelungene Verdichtung“ feierte.

Christine Wahl

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Molière "Tartuffe"
    2013, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
  • Hans Fallada "Kleiner Mann, was nun ?"
    2013, Schauspiel Frankfurt
  • Hugo von Hofmannsthal "Elektra"
    2012, Burgtheater, Wien
  • William Shakespeare "Ein Sommernachtstraum"
    2012, Residenztheater, München
  • Euripides "Medea"
    2012, Schauspiel Frankfurt
  • Dea Loher "Unschuld"
    2011, Deutsches Theater, Berlin
  • Leo Tolstoi "Die Macht der Finsternis"
    2011, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
  • Friedrich Schiller "Maria Stuart"
    2011, Schauspiel Frankfurt
  • Gerhart Hauptmann "Die Weber"
    2011, Deutsches Theater, Berlin
  • Bertolt Brecht "Die heilige Johanna der Schlachthöfe"
    2010, Burgtheater, Wien
  • Bernard-Marie Koltès "Der Kampf des Negers und der Hunde"
    2010, Théâtre des Amandiers, Nanterre (Paris)
  • Johann Friedrich Hebbel "Die Nibelungen"
    2010, Deutsches Theater, Berlin
  • Anton Tschechow "Der Kirschgarten"
    2010, Staatstheater Stuttgart
  • Sophokles "Ödipus/Antigone"
    2009, Schauspiel Frankfurt
  • Wolfgang Amadeus Mozart "Die Entführung aus dem Serail"
    2009, Staatsoper Unter den Linden, Berlin
  • Arthur Schnitzler "Der Reigen"
    2009, Thalia Theater, Hamburg
  • William Shakespeare "Was ihr wollt"
    2008, Thalia Theater, Hamburg
  • Henrik Ibsen"Die Wildente"
    2008, Deutsches Theater, Berlin
  • William Shakespeare "Hamlet"
    2008, Thalia Theater, Hamburg
  • Gerhart Hauptmann "Die Ratten"
    2007, Deutsches Theater, Berlin
  • Bertolt Brecht "Herr Puntila und sein Knecht Matti"
    2007, Thalia Theater Hamburg
  • Jon Fosse "Schlaf"
    2006, Deutsches Theater Berlin
  • Aischylos "Die Orestie"
    2006, Deutsches Theater Berlin (Einladung zum Berliner Theatertreffen)
  • Gerhart Hauptmann „Rose Bernd“
    2006, Thalia Theater, Hamburg
  • Johann Wolfgang Goethe „Faust. Der Tragödie zweiter Teil“
    2005, Deutsches Theater, Berlin
  • Eugene O’Neill „Eines langen Tages Reise in die Nacht“
    2005, Thalia Theater, Hamburg
  • Giuseppe Verdi "Rigoletto"
    2005, Oper Basel
  • Leos Janacek "Katja Kabanowa"
    2005, Staatsoper Unter den Linden, Berlin
  • Johann Wolfgang Goethe "Faust"
    2004, Deutsches Theater Berlin
  • William Shakespeare "Hamlet"
    2004, Schauspiel Köln
  • Heinrich von Kleist "Familie Schroffenstein"
    2004, Schauspiel Köln
  • Frank Wedekind „Lulu“
    2004, Thalia Theater Hamburg
    (Einladung zum Berliner Theatertreffen)
  • Gerhart Hauptmann „Einsame Menschen“
    2004, Deutsches Theater Berlin
  • Georg Büchner „Woyzeck“
    2003, Salzburger Festspiele / Thalia Theater Hamburg
  • Rainer Werner Fassbinder „Warum läuft Herr R. Amok?“
    2003, Schauspiel Frankfurt
  • Anton Tschechow „Drei Schwestern“
    2003, Deutsches Theater Berlin
  • Friedrich Schiller „Kabale und Liebe“
    2002, Thalia Theater Hamburg
  • Arthur Schnitzler „Liebelei“
    2002, Thalia Theater Hamburg, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Gotthold Ephraim Lessing „Emilia Galotti“
    2001, Deutsches Theater Berlin
  • Franz Molnár „Liliom“
    2000, Thalia Theater Hamburg, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Thomas Vinterberg / Mogens Rukov „Das Fest“
    2000, Staatsschauspiel Dresden, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Bertolt Brecht „Arturo Ui“
    2000, Theater Freiburg
  • Ödön von Horváth „Kasimir und Karoline“
    1999, Schauspiel Leipzig
  • Fernando Arrabal „Das irre Lachen der Liliputaner“
    UA 1998, Theater Basel
  • Fernando Arrabal „Der Architekt und der Kaiser von Assyrien“
    1997, Theater Chemnitz