Lars-Ole Walburg


© Marcus Lieberenz
Geboren am 14.1.1965 in Rostock. 1983 Abitur. Er begann als freier Redakteur beim Fernsehen. 1987 stellte er einen Ausreiseantrag und verließ Anfang 1989 die DDR. 1992 erhielt er den renommierten Grimme-Preis für das von ihm mitgestaltete Kulturmagazin KAOS. 1989-1992 Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik an der Freien Universität Berlin. 1992 gründete er mit Stefan Bachmann, Ricarda Beilharz, Tom Till und Thomas Jonigk das „Theater Affekt“.

1996-1998 Dramaturg und Regisseur am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Danach wechselte er als Chefdramaturg und Regisseur ans Theater Basel. 1999 wurde er mit seiner Inszenierung von Henrik Ibsens „Volksfeind“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen und zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt. Regelmäßige Gastinszenierungen an den Münchner Kammerspielen. 

Von der Spielzeit 2003/2004 bis 2005/2006 war er als Nachfolger von Stefan Bachmann Schauspieldirektor am Theater Basel. Seit 2006 arbeitet Lars-Ole Walburg wieder frei, hauptsächlich an den Münchner Kammerspielen und dem Schauspiel Hannover, das er ab der Spielzeit 2009/2010 als Intendant übernimmt.

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Porträt: Lars-Ole Walburg

Lars-Ole Walburg arbeitet seit seinem Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik parallel als Dramaturg und Regisseur. 1992 gründete er zusammen mit Stefan Bachmann, Ricarda Beilharz, Tom Till und Thomas Jonigk das „Theater Affekt“ und verstand sich schon damals als dramaturgischer Kopf der Gruppe. Er inszenierte aber auch Stücke wie Sophokles´ „Ödipus“ und machte deutlich, dass er eine Vorliebe für die großen klassischen Stoffe hat.

Lars-Ole Walburg überprüft die Klassiker nicht nur auf ihren intellektuellen Gehalt. Er aktualisiert sie auch, indem er andere Texte einbaut und überraschende szenische Umsetzungen gewinnt. Das gilt, ob er nun in Basel Christian Friedrich Hebbels „Nibelungen“ und das Antikenprojekt „Kampf um Troja“ auf die Bühne bringt oder an den Münchner Kammerspielen aus Georg Büchners „Dantons Tod“ die Schlammschlacht einer entfesselten Mediendemokratie macht. In allen Fällen bereitet Lars-Ole Walburg die Inszenierung vor, indem er klassische Stücke collageartig mit anderen Texten verschneidet. Setzt er die Textcollage dann um, ist er allerdings alles andere als ein Regisseur der Dekonstruktion, sondern vertraut auf ein die Figuren auslotendes Theater.

In den „Nibelungen“ etwa benützte er lediglich Teile des Hebbel-Textes und fügte unter anderem Fragmente der „Edda“ ein. Kommt es zur ersten Begegnung zwischen Kriemhild und Siegfried, war in Basel großes Schauspielertheater zu sehen. Die schöne blonde Burgunderin schwebte auf dem Rücken des Recken, als verleihe ihr die Liebe Flügel. Im Falle des „Danton“ streute Walburg Passagen aus Gerichtsprotokollen der RAF-Prozesse in den Büchner-Text ein, während zwei Moderatoren das Publikum als medial manipuliertes „Stimmvieh“ durchs Stück führten.

In „Krieg um Troja“ startete Lars-Ole Walburg mit Johann Wolfgang Goethes „Iphigenie in Aulis“ und ließ nach der Pause Euripides´ „Die Troerinnen“ in einer Nachdichtung von Walter Jens folgen. Das Ergebnis war ein raffiniert geschnittener Kommentar zur politischen Situation im mittleren Osten. Der Feldzug der Griechen gegen Troja zeigte, warum Machtpolitiker Kriege wollen und welche Folgen Kriege haben.

Lars-Ole Walburg reduziert Theatertexte auf ihren intellektuellen Kern und findet für diesen Kern wuchtige Inszenierungsbilder. In der Hannoverschen Uraufführung von Albert Ostermeiers Monolog „Erreger“ etwa geht es um einen Machtmenschen der New Economy, der nicht realisiert, dass seine Machtfülle geschwunden ist. In der szenischen Umsetzung ging Lars-Ole Walburg sehr weit. Der Schauspieler Thomas Thieme lag tief unten auf der Unterbühne, angeschnallt wie auf einem Seziertisch, während der Zuschauer von oben auf das insektenartige Wesen blickte, dem als Kommunikationsmedium nur noch die Stimme blieb.

In den letzten Jahren hat er sich zu einem der avanciertesten Vertreter einer Regie entwickelt, die das Theater als moralische Anstalt begreift. „Es stört mich sehr, wenn die Sicht auf etwas zynisch wird“, sagte er in einem Interview. Und: „Gerade Schiller fordert ja nicht einfach das Ethische, sondern betont die untrennbare Verbindung mit dem Ästhetischen. Entscheidend ist, dass das Erzieherische nicht didaktisch-lehrhaft daherkommt. Moral kann man ja auch über die Darstellung des Gegenteils erzeugen.“

Von der Spielzeit 2003 bis 2006 war Lars-Ole Walburg Schauspieldirektor in Basel, platzierte das Schauspiel in der Spitzengruppe deutschsprachiger Bühnen und zeigte, wie man das Theater heute als Instrument der Reflexion über Gesellschaft nutzen kann. Das gilt für die Spielpläne, die er zusammen mit seinem Team vorlegt. Es gilt vor allem aber für jenen Anteil von Produktionen, mit denen das Basler Schauspiel zunehmend dokumentarische Realitätserkundungen betreibt und zur Hochburg einer Grundlagenforschung im öffentlichen Raum wird.

Als Regisseur widmete Walburg sich in dieser Zeit weiterhin den großen klassischen Stoffen und inszenierte Ende 2005 im Zuge seines langsamen Abschieds von Basel "Das goldene Vlies". Da sah man vor allem im dritten Teil des "Dramatischen Gedichts" eine phänomenale Sandra Hüller, die die Niederungen der gedemütigtem Medea durchlebt, dabei aber immer noch vor Kraft strotzte. Hüller wurde am Ende der Saison nicht zuletzt wegen dieser Inszenierung zur Schauspielerin des Jahres gewählt.

Mit dem Intendantenwechsel am Theater Basel endete auch Walburgs Zeit als Schauspieldirektor. Seit der Spielzeit 2006/2007 arbeitet er frei am Schauspiel Hannover, den Münchner Kammerspielen und am Düsseldorfer Schauspielhaus. In Hannover inszeniert er unter anderem Shakespeares "Othello" und in München die Uraufführung von Lukas Bärfuss' "Die Probe". Das ist im Februar 2007. Walburg platziert das Stück um einen Vater, der Zweifel an seiner Vaterschaft hegt und nach einem heimlichen Gentest damit leben muss , dass er nicht der Vater seines Sohnes ist, auf einer geneigten Drehscheibe. Aus einem als Komödie konzipierten Stück wird die Tragödie eines modernen Ödipus, der realisiert, dass Wissen grausamer ist als Nicht-Wissen.

Ein Jahr später widmet Lars-Ole Walburg sich, wieder an den Münchner Kammerspielen, mit Orhan Pamuks „Schnee“ den ethnischen, ideologischen und religiösen Verwerfungen in der Ost-Türkei. Er habe den komplexen Roman des Nobelpreisträgers „mit einer feierlichen Leichtigkeit“ eingekreist, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, es dem Zuschauer glaichzeitig aber auch schwer gemacht, die Romanfiguren kennen zu lernen. In der Spielzeit 2009/2010 löst Lars-Ole Walburg am Staatsschauspiel Hannover Wilfried Schulz als Intendant ab und legt den mutigsten Spielplan in der Reihe der Neustarts dieser Saison vor. Er setzt auf jüngere, noch nicht so bekannte Regisseure, hat mit Tom Kühnel aber auch einen Regisseur am Haus, mit dem er bereits in Basel zusammen arbeitete. Walburg selbst bringt zum Auftakt mit Heiner Müller/Ilja Ehrenburgs „Wolokolamsker Chaussee/Das Leben der Autos“ auf die Bühne, bevor er eine Bearbeitung von Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ inszeniert und den tumben Toren ein „grandioses Rededuell mit sich selbst“ (Frankfurter Rundschau) führen lässt. Die Bearbeitung wurde von Lukas Bärfuss erstellt, in der Hauptrolle brilliert Sandra Hüller. Einmal mehr zeigt sich, dass Lars Ole Walburg seine Theaterfamilie zusammen hält.

Jürgen Berger

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Erich Maria Remarque "Im Westen nichts Neues"
    2014, Staatsschauspiel Hannover
  • Henrik Ibsen "Nora"
    2012, Staatsschauspiel Hannover
  • Lukas Bärfuss "Zwanzigtausend Seiten"
    2012, Schauspielhaus, Zürich
  • "Heinrich von Kleist oder Die Gebrechlichkeit der Welt"
    2011, Schauspiel Hannover
  • Wenedikt Jerofejew "Die Reise nach Petuschki"
    2011, Schauspiel Hannover
  • Friedrich Dürrenmatt "Die Panne"
    2010, Schauspielhaus, Zürich
  • Roland Schimmelpfennig "Der goldene Drache"
    2010, Schauspiel Hannover
  • Lukas Bärfuss nach Wolfram von Eschenbach "Parzival"
    2010, Schauspiel Hannover
  • Anton Tschechow "Der Kirschgarten"
    2009, Schauspiel Hannover
  • Heiner Müller/Ilja Ehrenburg "Wolokolamsker Chaussee/Das Leben der Autos"
    2009, Schauspiel Hannover
  • Felicia Zeller "Kaspar Häuser Meer"
    2008, Münchner Kammerspiele (Werkraum)
  • Orhan Pamuk "Schnee"
    2008, Münchner Kammerspiele>
  • Aischylos "Die Orestie"
    2007, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Feridun Zaimoglu/Günter Senkel "Schwarze Jungfrauen"
    2007, Burgtheater (Kasino), Wien
  • Lukas Bärfuss "Die Probe"
    2007, Kammerspiele München
  • William Shakespeare "Othello"
    2006, schauspielhannover
  • Anton Tschechow "Der Kirschgarten"
    2006, Kammerspiele München
  • Franz Grillparzer "Das goldene Vließ"
    2005, Theater Basel
  • William Shakespeare "Hamlet"
    2005, Kammerspiele München
  • Bertolt Brecht "Die Dreigroschenoper"
    2005, Theater Basel
  • Lars-Ole Walburg nach Max Frisch "Stiller"
    2004, Theater Basel
  • Sophokles „Antigone“
    2004, Kammerspiele München
  • Homer „Die Odysee“
    2004, Theater Basel
  • Johann Wolfgang von Goethe „Faust I“
    2003, Theater Basel
  • Euripides / Walter Jens „Krieg um Troja“
    2003, Theater Basel
  • Rainald Goetz „Heiliger Krieg“
    2002, Kammerspiele München in der Jutierhalle
  • Georg Büchner „Dantons Tod“
    2002, Kammerspiele München
  • Arthur Miller „Tod eines Handlungsreisenden“
    2002, Theater Basel
  • Nach Christian Friedrich Hebbel „Die Nibelungen“
    2001, Theater Basel
  • Albert Ostermeier „Erreger“
    UA 2000, Staatstheater Hannover
  • Friedrich Schiller „Die Räuber“
    2000, Theater Basel
  • Henrik Ibsen „Ein Volksfeind“
    1999, Theater Basel, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Alfred Dorfer / Josef Hader „Indien“
    1997, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Bernard-Marie Koltès „Roberto Zucco“
    1996, Festwochen Berlin
  • Alexander Sepljarskij „Das Dritte Rom“
    1995, Volksbühne Berlin
  • Sophokles „Ödipus“
    1994, Studiobühne FU Berlin
  • Bertolt Brecht / Benno Besson „Der Prozess der Jeanne d´Arc zu Rouen“
    1993, Studiobühne FU Berlin
  • Thomas Brasch „Mercedes“
    1992, Studiobühne FU Berlin