Berufe und Ausbildung

Zukunftskonferenz – Perspektiven der Ausbildung in den Darstellenden Künsten

Zukunftskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft und der Akademie der Darstellenden Künste Baden-Württemberg; © Christoph AweIn Ludwigsburg diskutierten vom 4. bis zum 6. Oktober 2012 Lehrende und Theaterschaffende über die Ausbildung in den Darstellenden Künsten vor dem Hintergrund der Entwicklungen des zeitgenössischen Theaters.

In der 2008 gegründeten Akademie der Darstellenden Künste Baden-Württemberg trafen sich die deutschsprachigen Ausbildungsinstitutionen für Schauspiel, Regie und Dramaturgie mit einigen Vertretern aus den Theatern und der Dramaturgischen Gesellschaft. Zwei Tage lang gingen die Beteiligten der Frage nach, wie man mit den veränderten Bedingungen der deutschen Theaterlandschaft in der Ausbildung umgehen solle. Allein die vielen verschiedenen Spielweisen und Regiehandschriften lassen sich nicht mehr nur von den Ausbildungsgaranten Stanislawski und Brecht herleiten. Hinzu kommt die immer wieder geführte Debatte, ob der Schauspieler eine Rolle oder nicht vielmehr sich selbst als Performer zu verkörpern habe.

Neben den ästhetischen Entwicklungen der letzten zehn Jahre gibt es auch einschneidende institutionelle Veränderungen: Die Stadttheater sind vom Sparzwang und vom schleichenden Zuschauerschwund bedroht. Das Alltagsgeschäft zeigt, dass die Produktionen zunehmen, die Gagen abnehmen und die Ensembles schrumpfen. Die freie Szene bietet zwar künstlerisch, aber keinesfalls ökonomisch eine Alternative. Kaum jemand kann in Deutschland von ihr leben. Film und Hörfunk locken nur mit kurzfristigen Beschäftigungsmöglichkeiten. Wie können die Ausbildungsinstitutionen darauf reagieren, um die Zukunft der Darstellenden Künste zu sichern?

Neue Ausbildungskonzepte

Zukunftskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft und der Akademie der Darstellenden Künste Baden-Württemberg; © Christoph AweDie traditionellen Unterrichtsfelder im Schauspiel sind Theorie, Szene, Stimme und Körper. Sie werden heutzutage ergänzt durch neue Unterrichtsangebote oder -formate. Die Akademie Ludwigsburg unter der Leitung von Jürgen Drescher hat sich die enge Zusammenarbeit mit der erfolgreichen Filmhochschule vor Ort auf die Fahnen geschrieben. Die Frankfurter Hochschule baut die Medienkompetenz durch eine Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk aus. Die Schauspielschule Hannover hingegen hat die Rollenarbeit im Studium zugunsten szenischer Projekte auf ein Minimum reduziert. Das Thema Eigenarbeit schreibt vor allem die Hochschule in Bern groß. Hier sollen Studierende ihre Rolle, ihr Thema, ihre Darstellung selbst wählen, erarbeiten und präsentieren, um eine künstlerische Autorschaft zu erlernen.

Zukunftskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft und der Akademie der Darstellenden Künste Baden-Württemberg; © Christoph AweViele Ausbildungsinstitute fördern inzwischen interdisziplinäre Angebote, so dass Studierende der Regie, des Schauspiels, der Bühne und der Dramaturgie schon im Studium künstlerische Banden bilden. Selbstverantwortung und Selbstorganisation sind entscheidende Fähigkeiten, die neben dem jeweiligen Handwerk als grundlegende Kompetenzen ausgebildet werden müssen, meint Jean-Baptiste Joly, der Direktor der Akademie Schloss Solitude. Mehr Praxisbezug in der Ausbildung wünscht sich der Karlsruher Generalintendant Peter Spuhler. Auch daran arbeiten die Hochschulen zielstrebig. Ihren Regiestudierenden bieten sie ein dichtes Netzwerk mit professionellen Theatermachern und Produktionsmöglichkeiten an subventionierten Häusern. Die hessische Theaterakademie ist beispielsweise ein Kooperationsverbund mit neun verschiedenen Stadt- und Staatstheatern und zehn Ausbildungsbereichen zur Förderung gemeinsamer Projekte.

Die Staatliche Schauspielschule Stuttgart entwickelte ein Elevenprogramm, mit dem sie ihre zukünftigen Absolventen als Ensembleschauspieler auf Zeit in eines der vielen badischen Theater schickt. In den Ausbildungsinstitutionen hat sich in den letzten Jahren viel geändert. Die neuen Leiter der Schulen sind oft noch als Theaterkünstler tätig. In Ludwigsburg kommen die Lehrenden ausschließlich aus der Praxis und unterrichten bloß wochenweise hier – wie etwa die Regisseurin Christiane Pohle, die seit diesem Jahr den Studiengang Schauspiel leitet.

Die kommenden Aufgaben

Zukunftskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft und der Akademie der Darstellenden Künste Baden-Württemberg; © Christoph AweÜber eines waren sich alle Teilnehmer einig: Die Vielfalt des zukünftigen Arbeitsmarktes zu bedienen, ist in der knapp bemessenen Ausbildungszeit kaum möglich. Wenn nicht alles praktisch gelehrt werden kann, dann muss es immerhin theoretisch vermittelt werden. Dabei gilt es, nicht nur Regiehandschriften zu bedenken, sondern ebenso Zuschauerhandschriften: Für welches Publikum wollen wir was, warum, wo und wie spielen? Es gibt keine Gewissheiten mehr, für die unsere Institutionen bürgen. So wird die Berufsfeldvermittlung stärker in die Ausbildung integriert werden müssen, um potenzielle Arbeitsmöglichkeiten, Arbeitgeber, Arbeitsstätten oder gar Berufsprofile zu avisieren.

Darüber hinaus existiert das wichtige Thema Weiterbildung. Was machen wir mit den jungen Künstlern, die der Arbeitsmarkt nach drei bis fünf Jahren wieder entlässt? Oder wo kann man künstlerisch forschen, ohne immer nur produzieren zu müssen? Das Graduiertenstudium an der Universität der Künste Berlin, das die Dozentin für Theaterwissenschaften und Dramatik Marion Hirte vorstellte, ist eine in Deutschland einmalige Errungenschaft. Hier können hochqualifizierte internationale Absolventen aus wissenschaftlichen oder künstlerischen Fächern interdisziplinär arbeiten. Sie erhalten für zwei Jahre ein Stipendium, gefördert durch die Einstein-Stiftung Berlin.

Die Zukunft des Theaters

Doch was nützen all diese Veränderungen und Ideen, wenn das Theater sich immer mehr von den neoliberalen und kapitalistischen Strategien auffressen lässt? Die Zukunft des Theaters liegt in den Händen derer, die heute ausgebildet werden. Sie können aus der einzigartigen Theaterlandschaft Deutschlands ein Laboratorium sozialer Fantasie machen, das der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen hat. Hoffen wir, dass die Subventionskultur in Deutschland nicht schon vorher ausblutet.

Marion Tiedtke
ist Professorin für Schauspiel, Ausbildungsdirektorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt und Dramaturgin.

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November 2012

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