„Der Beruf ist ein einziges Risiko“ – Gespräch mit der Bühnen- und Filmschauspielerin Nina Hoss

Sie ist Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin und arbeitet dort vor allem in Inszenierungen von Barbara Frey und Michael Thalheimer. Beim Film heißt ihr bevorzugter Regisseur Christian Petzold, mit dessen „Jerichow“ Nina Hoss letztes Jahr bei den Internationalen Filmfestspielen Venedig vertreten war. Ein Gespräch über die Schnittpunkte von Bühne und Film. Im Moment kreuzen sich Arbeitslinien. Sie proben am Deutschen Theater in Berlin Arthur Schnitzlers „Der einsame Weg“. Der Regisseur ist Christian Petzold, mit dem Sie bis jetzt „nur“ am Filmset arbeiteten. Sieht nach einer engen Arbeitsbeziehung aus.
Dass Christian jetzt zum ersten Mal im Theater Regie führt, hat sich so ergeben und vielleicht auch ein wenig damit zu tun, dass ich während unserer Filmarbeit immer so viel vom Theater erzählt habe. Er ist ja ein Filmregisseur, dem die Arbeit mit Schauspielern sehr wichtig ist und Freude macht. Da schien es mir, dass auch die Theaterarbeit wichtig für ihn sein könnte.
Ansonsten arbeiten Sie am Deutschen Theater häufig mit Michael Thalheimer zusammen. Auch so einer, der wie Christian Petzold nach der Essenz von Leben sucht. Zieht es Sie zu solchen Regisseuren?
Eigentlich arbeiten die beiden ja völlig unterschiedlich, suchen aber tatsächlich in die gleiche Richtung. Nach klaren Gesten für innere Zustände zum Beispiel.
Warum arbeiten Sie weiterhin parallel auf der Bühne und am Filmset?
Ich habe mir bewusst gesagt, dass ich immer am Theater arbeiten will. Es bereichert ungemein, sich acht Wochen am Stück mit einem Thema zu beschäftigen und Dinge auszuprobieren, für die ich nie Zeit hätte, würde ich nur Filme machen. Im Theater muss es ja auch immer darum gehen, warum ein Stück relevant ist für unsere Zeit. Das ist ungemein aufregend.
Klare Gesten für innere Zustände
Wie fühlt sich das Spiel auf der Bühne und das Spiel vor der Kamera an?Ich kann es nur so erklären, dass ich beim Drehen weiß: Die Kamera holt sich, was sie braucht, also darf ich auf keinen Fall verstärken, was ich meine. Ich kann mit meiner Figur intimer sein. Auf der Bühne suche ich nach einer ähnlichen Art des Spiels, es ist aber nun mal eine Grundbedingung des Theaters, dass man stimmlich verstärken muss. Grundsätzlich ist es aber so, dass mich vor allem die Kollegen stark berühren, die mir nicht gleich alles entgegen schleudern, sondern mich zusehen lassen, wie es in ihnen kämpft.
Wird im Theater eine größere schauspielerische Bandbreite gefordert?
Ja, aber eigentlich nur, weil man innerhalb kurzer Zeit viel mehr Rollen spielt als im Film. Im Theater sind die Stoffe auch vielfältiger und strömen aus allen Jahrhunderten auf den Schauspieler ein. Ich bin allerdings in der glücklichen Lage, sagen zu können, was ich gerne spielen würde, und ich verstehe genau deshalb die Kollegen, die das nicht können und nach fünfzehn Jahren sagen: Ich habe jetzt genug und sehne mich nach dem Freiraum, den Film und Fernsehen bieten, weil man dort dem Theaterbetrieb nicht so ausgeliefert ist.
Bereitet man sich für den Job auf der Bühne und vor der Kamera sehr unterschiedlich vor?
Ja. Für die Bühne beschäftige ich mich mit dem Stoff, gehe aber in die Probe, ohne irgend etwas zu wissen. Ich finde die Figur beim Proben. Am Filmset geht das nicht. Da muss ich genau wissen, was ich erzählen will und wie die Figur ist.
Schauspielausbildung schadet nicht
Sie waren an der Berliner Ernst-Busch-Schule. Ist eine Schauspielausbildung notwendig für den Job?Ich bin absolut für eine Ausbildung – wenn man auf die Bühne will. Ob man sie für die Kamera braucht? Ich weiß nicht, würde aber sagen, dass auch für das Filmgeschäft eine Schauspielausbildung nicht schadet. Du lernst, selbstständig zu sein und bist nicht so angeschmiert, wenn du mit einem Regisseur zu tun hast, bei dem du den Text alleine an dich ran holen musst.
Wie holt man einen Text an sich ran?
Ich habe das während der Schauspielausbildung mit meiner wunderbaren Sprecherzieherin gelernt. Wann gibt es das noch einmal, dass du vier Jahre kontinuierlich begleitet und bei Schwierigkeiten auf bestimmte Übungen aufmerksam gemacht wirst, mit denen du einen Text an dich ran lassen kannst? Konkret heißt das, dass ich zuerst einmal leer bin und nicht weiß, was ein Text bedeutet. Wenn ich klüger als der Text sein wollte, meinte meine Sprecherzieherin nur: Ja, ist ja ganz gut, aber du bluffst.
Bühnenschauspieler sagen, der zweite Teil der Ausbildung ereigne sich am Theater in der konkreten Arbeit.
Stimmt. An der Schauspielschule wird vieles nur angerissen. Man darf grandios scheitern, aber auch sechs Wochen an einer einzigen Szene arbeiten, bis man weiß, was man aus einem einzigen Satz raus holen kann. Am Theater wird es dann ernst. Du machst diesen Teil der Arbeit alleine, da kein Regisseur der Welt Zeit hätte, nur mit dir an einem Satz zu feilen.
Mut und Leichtigkeit
Wäre eine zweite Ausbildungsphase am Theater auch dann wichtig, wenn Schauspieler nach der Schauspielschule direkt zum Film wollen?Auf jeden Fall. Wenn man nicht immer wieder Theater spielt, bekommt man Angst vor der Unbedingtheit der Situation. Auf der Bühne gilt nur, was gerade geschieht. Da musst du durch. Das erfordert Mut und Leichtigkeit. Beides allerdings kann man nur haben, wenn man im Training ist. Der Beruf ist ein einziges Risiko und wenn ich mit Kollegen spreche, die lange nicht mehr am Theater gearbeitet haben, höre ich immer wieder: Oh, ich würde so gerne wieder auf die Bühne, aber ich habe ordentlich Respekt davor.
Jürgen Berger
führte das Gespräch. Er ist freier Theater- und Literaturkritiker für die Süddeutsche Zeitung, Berliner Tageszeitung und Theater heute. Seit 2007 ist er in der Jury des Berliner Theatertreffens und Juror des Else Lasker-Schüler-Stückepreises.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2009
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online-redaktion@goethe.de
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