Berufe und Ausbildung

Den Spagat wagen – zur Vereinbarkeit von Familie und Theater

Julia Lochte ist Chefdramaturgin und Mitglied der Theaterleitung der Münchner Kammerspiele. Foto: Andreas PohlmannWären Theater und Familie generell unvereinbar, gäbe es keine Bühnendynastien. Weder die Thalbachs, Minettis und Langhoffs, noch die Steckels, Khuons und Rudolphs. Wie aber verbinden Einzelne heute konkret das Leben mit Kindern mit dem Leben für die Kunst? Denn Einzelne sind es tatsächlich noch immer.

Julia Lochte ist Chefdramaturgin und derzeit Teil des Interims-Triumvirats der Münchner Kammerspiele. Zusammen mit ihrem Mann Matthias Günther, ebenfalls Dramaturg am Haus, hat sie außerdem drei Kinder von acht, neun und 16 Jahren. „Damit“, sagt Lochte selbstbewusst, „steht man ganz anders im Leben und sei sogar im Vorteil, weil Familie auch ein Lieblingsthema des Theaters ist.“

Matthias Günther ist Dramaturg an den Münchner Kammerspielen Foto: Andrea HuberAls Lochte sich 1995 am Schauspielhaus Hamburg bewarb, schwappte ihr eine Welle der Skepsis entgegen, ob sie als Mutter sich auch 150-prozentig auf die Arbeit einlassen würde. „Diese Skepsis“, sagt Lochte, „haben wir mit unserer Lebenspraxis widerlegt.“ Lebenspraxis à la Lochte bedeutet, sich „bei der Familie die Kraft fürs Theater und im Theater die Kraft für die Familie zu holen“, aber beides strikt zu trennen. Dafür braucht man ohne Verwandtschaft vor Ort qualifizierte Helfer, die Geld kosten. Und Zeit für sich selbst? Sollte man besser nicht brauchen.

In München lebt das Paar, das sich die Familienarbeit teilt, bereits seit Herbst 2006. In Basel haben sie acht Jahre lang gewohnt und gearbeitet. Ein solch „nomadisches Leben in großen Bögen“, weiß die 44-Jährige, ist in dieser schnelllebigen Branche selten und manches Opfer wert. Lochte weiß aber auch aus Erfahrung, dass sich mit der Lebensrealität der Menschen im Theater nach und nach auch das Theater selbst ändert: Wäre es etwa vor zwanzig Jahren denkbar gewesen, Proben zwischen Weihnachten und Neujahr zum Tabu zu erklären?

Ein Herz für biografische Brüche

Der Regisseur Sebastian Nübling; Foto: Arno DeclairSebastian Nübling ist Vater dreier Teenager und arbeitet nicht zwischen den Jahren. Bei Nüblings zu Hause, unweit von Basel, regiert klassischerweise seine Frau, da er selbst als freier Regisseur etliche Monate im Jahr nur am Wochenende heimkommt. Das aber immer. Nübling, Jahrgang 1960, sieht auch auf der Bühne das Künstlerbild im Wandel begriffen: Der scheinbar familienlose, „meist männliche, düstere, vieltrinkende Regisseur der Achtziger“ sei passé. Statt seiner, so Nübling, rücke der einzelne Schauspieler in den Fokus und die Brüche in seiner Biografie. Das Verständnis dafür, dass Kinder davon ein wichtiger Teil sind, wachse permanent.

Das hat auch Brigitte Hobmeier erfahren, die gerade schwanger war, als sie Frank Baumbauer an die Münchner Kammerspiele holte. „Rein rechtlich hätte ich ihm das nicht sagen müssen“, so Hobmeier, „wollte aber mit all dem genommen werden, was mein künftiges Leben bringt.“ Baumbauer nahm sie ganz und bekam eine Unbedingte, die von sich sagt: „Wenn ich zu etwas Ja sage, dann bin ich mit Hingabe dabei.“ Das muss sie auch, denn als Schauspielerin trifft sie die Disziplin des Betriebes besonders hart: „Eine Vorstellung nicht zu spielen, weil das Kind krank ist, ist unmöglich!“

Die Schauspielerin Brigitte Hobmeier; Foto: Münchner KammerspieleIm Moment probt die 33-Jährige mit Thomas Ostermeier in Berlin. Ansonsten hat sie sich diese Saison eine Auszeit genommen, damit der Vater ihres vierjährigen Sohnes, ein Schriftsteller, beruflich wieder mehr zum Zuge kommt. Auch das Gleichgewicht in einer partnerschaftlich organisierten Familie will eben immer neu austariert werden. Und das Umfeld tariert mit: Etwa in Form von genervten Blicken, als Hobmeier nach ihrer kurzen Babypause während der Proben regelmäßig Milch abpumpen ging. Und eine Garderobiere sagte kürzlich zu ihrem Arbeitsausflug nach Berlin: „Da lässt du jetzt deine Familie im Stich?“ Auch als derzeitige Hauptverdienerin spüre sie ihn immer wieder: „Den Vorwurf, ein wilder Hund zu sein, der sich nur ausleben will.“ Manchmal, so Hobmeier, kostet es Mühe, „dabei nicht grimmig zu werden“.

Nicht gar so rosig

Friederike Heller, Regisseurin und Dramaturgin an der Berliner Schaubühne; Foto: Georg SulekDie jüngeren Frauen am Beginn des Vereinbarkeits-Experiments sehen die Realität weit weniger rosig als die bereits Etablierten. Trotz durchweg engagierter Partner und einsatzfreudiger Großeltern. Friederike Heller und Patrick Wengenroth können gleich auf drei Großelternpaare als Betreuungs-„Backup“ für ihre zwei und vier Jahre alten Kinder zurückgreifen. Zwei davon wohnen in Berlin, wo das Paar derzeit seine familiäre und künstlerische Homebase hat. Heller ist seit Beginn der Spielzeit als Dramaturgin mit Regieauftrag an der Schaubühne angestellt. Auch dies ein Experiment, das beinahe schon vor Beginn gescheitert wäre, weil sie zur Bedingung machte, an ein bis zwei Nachmittagen die Woche ihre Kinder zu sehen. Da wurde schon die nächste Bewerberrunde einberufen.

Erfrischend unverblümt, aber gar nicht frustriert spricht Heller vom „Logistikwahnsinn“, der heute allenfalls kleinteiliger geworden sei als zu der Zeit, als sie und ihr Mann als freie Regisseure abwechselnd in verschiedenen Städten unterwegs waren. Spricht von fragenden Blicken, aber auch neugierigen Fragen von Kollegen und davon, dass sie ab und zu mal ihre Zwerge durchs Theater rennen lasse, was allein schon so manche Frage klärt. „Auf die Sinnstiftung jenseits des Theaters“, sagt sie dann, „möchte ich keinesfalls mehr verzichten. Denn sie federt berufliche Ups und Downs wunderbar ab.“ Wie etwa bei Sebastian Nübling, der seine ersten großen Erfolge als Regisseur als „berauschend“ beschreibt – und den Kontakt mit der „Normalität“ zuhause als wichtig: „Dieser Spagat zwischen zwei Polen war gut für mich.“ „Nein, in die Gefahr, ein monochromes Leben zu führen“ (Lochte), gerät man in diesem Spagat nicht. „Gottseidank habe ich mein Kind!“ sagt auch Brigitte Hobmeier. „Nur um die Arbeit zu kreisen ist ungesund!“

Sabine Leucht
ist freie Journalistin und Theaterkritikerin unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die taz und www.nachtkritik.de. Sie hat selbst vier Kinder.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema