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Von der Studiobühne – „Das Buch von der Angewandten Theaterwissenschaft“

Ausschnitt aus dem Cover von „Das Buch von der Angewandten Theaterwissenschaft“, Annemarie Matzke, Christel Weiler, Isa Wortelkamp (Hrsg.); Alexander Verlag, Berlin 201230 Jahre nach Gründung des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft dokumentiert jetzt ein Buch die Arbeit an diesem Institut.

Der Ruf des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft ist legendär, man kann das ohne Übertreibung behaupten. Der Ruf ist auch gerechtfertigt. Manchmal meint man, alle Innovation, die es im deutschen Theater in den vergangenen Jahren gab, käme ausschließlich von der kleinen Studiobühne im Haus A des Philosophikums II auf dem Gießener Campus.

Reflexion und Rückschau

Theater- und Videoarbeiten innen und außen, diverse Beteiligte. Bildmaterial von Jürgen Behrens, Sabine Burg, Katharina Husemann, Claudia Esch-Kenkel, Eva Kinader, Christian Schroth und Thomas Martius.30 Jahre existiert das von Andrzej Wirth gegründete und heute von Heiner Goebbels geleitete Institut. Nun hat es sich selbst ein Buch geschenkt – Das Buch von der Angewandten Theaterwissenschaft. Wer es bespricht, bespricht nicht nur ein Buch. Er bespricht einen Studiengang und vor allem eine theatrale Praxis, die das gesamte deutsche Theater infiziert, befruchtet und sogar wirklich verändert hat.

Es hat auch in der Vergangenheit nicht an Gießener Verschriftlichungen gemangelt, das vorliegende Buch gibt aber tatsächlich einen schönen Einstieg in Denken und Arbeitsweise am Institut, mit deutlichem Schwerpunkt auf dem, was in den 1990er-Jahren hier geschah und entstand. Entsprechend stehen die heutigen Heroen René Pollesch, Rimini Protokoll, Showcase Beat Le Mot, She She Pop oder Gob Squad im Zentrum der Aufsätze. Die Gießener Theaterwissenschaft wird damit selbst historisch, sie wird Gegenstand der Reflexion, der Rückschau, der Selbstbefragung und -vergewisserung.

Grundsätzlich geht dem Buch etwas die Außenperspektive ab. Es ist eine – wenn auch selbstverständlich gebührend kritische – Selbstfeier, man fühlt sich manchmal mittendrin wie beim Betriebsausflug. Dafür ist es authentisch und der Leser kann Gießen selbst erleben.

Theorie und Praxis

„Das Buch von der Angewandten Theaterwissenschaft“, Annemarie Matzke, Christel Weiler, Isa Wortelkamp (Hrsg.); Alexander Verlag, Berlin 2012Was also ist Gießen heute aus der Sicht von Gießen? Das alte Paradigma, die aufgehobene Trennung von Theorie und Praxis, scheint in den Hintergrund zu rücken. Dass Produktion und Reflexion eng verknüpft sind, ist in Gießen so selbstverständlich geworden, dass es viel von seiner grenzverletzenden, innovativen Kraft verloren hat. Man hat sich schlicht an die Verbindung gewöhnt.

Das ist bemerkenswert, da in der Wissenschaft – außer der Elementarteilchenphysik – die Theorie traditionell der Praxis folgt. Man hat eine bestimmte Praxis und macht sich dann dazu eine Theorie. In den Soft Sciences dagegen hat Gießen sich sozusagen durchgesetzt: Hier ist die Mischung mittlerweile üblich, selbst die Bologna-Reform legt Wert auf Praxisbezug und -arbeit.

Es war immer Gießens Segen und Fluch, im Raum zwischen Theorie und Praxis endlose theatrale und theoretische Schleifen zu drehen. Dieser Raum erweiterte sich durch die Gießener Ablehnung des theaterüblichen Repräsentationsgedankens. Und hinter dem Gegensatz Darsteller und Zuschauer leuchtet auch noch das alte strukturalistische Paar Signifikant und Signifikat.

Öffnung des Theaterraums

„Salat. Jetzt.“ Carola Lehmann und Thomas Martius; Bild aus „Das Buch von der Angewandten Theaterwissenschaft“, Annemarie Matzke, Christel Weiler, Isa Wortelkamp (Hrsg.);  Alexander Verlag, Berlin 2012So gilt, was immer galt: Der Raum des Theaters wurde in Gießen enorm geöffnet. Insbesondere wurde gezeigt, was alles zu Theater werden und wie gespielt werden kann. Man fragt hier immer auch nach den Möglichkeiten und Grenzen des Theaters. Gleichzeitig ist eine Tendenz zur Ideologie erkennbar, der Raum war in Gefahr, sich im endlosen Zeigen des Zeigens, im Theater über Theater, wieder zu schließen.

Aber auch hier gibt es eine Öffnung, Heiner Goebbels spricht gar vom „Ende der Gießener Schule“ angesichts der inhaltlichen und formalen Breite der neuen Arbeiten. Selbst Inszenierungen von Dramen soll es in Gießen heute geben.

Gießener Dogma

Es lassen sich auch Zeichen ausmachen, dass das zentrale Gießener Dogma, die strikte Ablehnung des Stadttheaters, bröckelt. Der idiosynkratische Stadttheaterbezug bildete sozusagen die Gießener Identität. Dafür gab und gibt es sehr gute ästhetische und institutionelle Gründe.

Der Berliner beziehungsweise Hildesheimer Theaterwissenschaftler Jens Roselt schreibt in diesem Buch darüber: „Man studiert zwar Theaterwissenschaft, doch eigentlich will man kein Theater machen. Die größtmögliche Distanz zum Theater wird mitunter derart ausgestellt, dass sie selbst zur theatralen Pose werden kann.“ Das ist eine schöne Zuspitzung der Gießener Verhältnisse. Mehr von diesem distanziert-freundlichen Blick von außen hätte dem Buch gut getan.

Zentral ist in Gießen heute offenbar die Gruppenarbeit, man könnte auch von – naturgemäß dezentralen – Netzen sprechen. Wer in Gießen Theaterwissenschaft studiert, lernt kollektives Arbeiten. Das klingt in vielen Aufsätzen an. Wie produktiv und aufregend man darüber nachdenken kann, zeigt etwa der Text von Veit Sprenger (Showcase Beat Le Mot): CHAOSSYSTEMSELBSTMORD.

„POTTINGERS HAUS“ am Originalschauplatz in Berlin-Mitte. Fotos und Videostills von Benjamin Bayer, Florian Brossmann, Eva Kinader, Jens Vogt und Thomas Martius; Bild aus „Das Buch von der Angewandten Theaterwissenschaft“ (Hrsg.)  Annemarie Matzke, Christel Weiler, Isa Wortelkamp, Alexander Verlag, Berlin 2012

Das kollektive Arbeiten ergibt sich aus der Institutionenkritik, reicht aber weit darüber hinaus. Es ist das grundsätzliche Einverständnis mit der Vielstimmigkeit, die sich nicht in einer Perspektive oder einem Sinn zusammenziehen lässt. Das geht bis zum Bekenntnis zum produktiven Dilettantismus: „Die mangelnde eigene Kompetenz nicht als Schwäche wahrzunehmen und zu überspielen, sondern als Stärke zu nutzen, um damit die künstlerische Perspektive um den Blick des Anderen zu erweitern – das ist der Kern des kollektiven Arbeitens“, schreibt Heiner Goebbels.

Gerade wird die nächste Gießener Generation bekannt, die auch in dem Buch beschrieben wird. Es gibt hier eine auffällige Häufung von Regieduos wie Auftrag : Lorey, Hofmann & Lindholm oder Herbordt/Mohren.

Der außerordentliche Erfolg der Gießener Schule hängt wohl auch damit zusammen, dass das Institut seine Arbeit aufnahm, als das Theater versteinerte und sich deswegen an manchen Stellen öffnete und veränderte. Heute neigt man dazu, alles, was seitdem geschah, mit Gießen zu identifizieren. Man vergisst, dass diese Entwicklung irgendwie ohnehin stattgefunden hätte. Sicher aber ist: Gießen hat ihr eine intellektuelle sowie theatral zurückhaltende Färbung gegeben.

Das Buch von der Angewandten Theaterwissenschaft, Annemarie Matzke, Christel Weiler, Isa Wortelkamp (Hrsg.); Alexander Verlag, Berlin 2012.
Peter Michalzik
ist Autor und Journalist.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2012

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