Theaterszene und Trends

Viele Sprachen, eine Bühne – die Europäisierung des Theaters

„Three Kingdoms“, Regie: Sebastian Nübling, Münchner Kammerspiele; v.l.n.r.: Ferdy Roberts, Risto Kübar, Nick Tennant, Steven Scharf; © Arno DeclairInternational vernetzt ist das deutsche Stadttheater schon seit langem. Nun beginnen auch die sprachlichen Abgrenzungen auf der Bühne zu fallen: Man spricht in fremden Sprachen. Das Theater wird europäischer.

Vielleicht wird man diese Aufführung einmal als einen der Anfänge eines neuen europäischen Theaters betrachten. In Three Kingdoms schicken Regisseur Sebastian Nübling und Autor Simon Stephens ihre Ermittler quer durch Europa: Erst England, dann Deutschland, am Ende Estland. Die Schauspieler kommen auch aus den entsprechenden Ländern, die Engländer vom Lyric Hammersmith Theatre in London, die Esten vom Theater N099 in Tallinn und die Deutschen von den Münchner Kammerspielen. Und sie sprechen auf der Bühne ihre Sprache, die Engländer Englisch, die Esten Estnisch und die Deutschen Deutsch. Die Story, ein Krimi, funktioniert trotzdem. Oder gerade deswegen.

„Man muss die Angst vor den Sprachen überwinden“, sagt Matthias Günther, Dramaturg an den Kammerspielen, zu diesem und ähnlichen Projekten und meint damit nicht nur die Schauspieler, sondern auch die Zuschauer, „dann funktioniert das auch. An Übertitelungen hat sich das Publikum ja in der Vergangenheit ebenfalls gewöhnt.“ Günther spricht sogar von einem „Verstehensterror“, der das Theater regiere. „Man meint, auf der Bühne nur in der Landessprache sprechen zu können, weil man im Sprechtheater immer so tut, als verstehe man dauernd alles.“

„Der imaginäre sibirische Zirkus des Rodion Raskolnikow“, Regie: Kristian Smeds, Münchner Kammerspiele, v.l.n.r.: Hannu Pekka Björkmann, Juhan Ulfsak, Edmund Telgenkämper; © Lennart LaberenzDie Münchner Kammerspiele mit ihrem niederländischen Intendanten Johan Simons und den vielen belgischen und holländischen Schauspielern sind zur Zeit so etwas wie die theatrale Vorhut des europäischen Einigungsprozesses. Wenn der Finne Kristian Smeds hier Der imaginäre sibirische Zirkus des Rodion Raskolnikow mit Schauspielern aus vier Ländern erarbeitet, kommt das aus einer sehr fremden, finnisch-mythischen Welt. Auch Dolmetscher können in den Proben nicht alle Verstehensschwierigkeiten ausräumen. Der Lette Alvis Hermanis zeigt an den Kammerspielen Arbeiten, die entweder mit extrem naturalistischen Bühnenbildern oder hyperillusionärem Spiel eine eigenständige zweite Ebene neben der Sprache haben. Und Risto Kübar, der in Three Kingdoms ein Sänger war, der immer wieder das in Deutschland besonders durch Hans Albers bekannt gewordene Lied La Paloma sang, spielt inzwischen in Nüblings Orpheus steigt herab an den Kammerspielen die Hauptrolle. Der estnische Schauspieler spricht den Text großteils auf Deutsch, obwohl er die Sprache nicht gut kann.

Weltweit verknüpft

Jeanette Spassova in “Die Marquise von O...” nach Heinrich von Kleist, Volksbühne Berlin; © Thomas AurinDie Kammerspiele sind vom Münchner Kulturdezernenten Hans-Georg Küppers mit der Berufung von Johan Simons als Intendant bewusst auf diesen Weg gebracht worden. Aber das Münchner Theater ist längst nicht das einzige Theater, das in Deutschland international arbeitet. Düsseldorf hatte mit Staffan Waldemar Holm einen schwedischen Intendanten, das Schauspielhaus in Bochum öffnet sich programmatisch und nennt sich „Boropa“.

Die freie Szene – die weniger sprachorientiert ist – arbeitet längst international, gerade etwa hat die Belgierin Annemie Vanackere die Leitung des Berliner Theaters Hebbel am Ufer (HAU) übernommen. Aber auch die Berliner Schaubühne ist zwischen Avignon und Sydney weltweit verknüpft wie kaum ein anderes Theater. In Köln, bei der Intendantin Karin Beier, versammeln sich schon fast traditionell Regisseure aus vielen Ländern, etwa aus England, Ungarn, Italien. Überhaupt arbeiten Regisseure aus fast allen europäischen Ländern im deutschen Sprechtheater – was allerdings nicht nur der Weltoffenheit, sondern auch dem hiesigen Innovationsdruck geschuldet ist.

Neu, oder fast neu, sind Schauspieler unterschiedlicher Sprache auf einer Bühne. Ausprobiert wurde aber auch das schon. Es gab in den Neunzigerjahren Karin Beiers legendären, internationalen Sommernachtstraum. Es gibt die Bulgarin Jeanette Spassova an der Berliner Volksbühne. Die Belgierin Viviane de Muynk hat sogar in einem Thomas-Bernhard-Stück des Düsseldorfer Schauspielhauses 2007 bei den Salzburger Festspielen gespielt. Und bereits Bertolt Brecht startete einen Versuch, als er mit einer Regieassistentin vom Moskauer Künstlertheater als Schauspielerin arbeiten wollte.

Probensprache Englisch

„Oblomow“ von Iwan Alexandrowitsch Gontscharow, Regie: Alvis Hermanis, Schauspiel Köln, mit: Dagmar Sachse, Gundars Abolins; © Hermann und Clärchen BausSystematisch wird die sprachliche Vielfalt auf der Bühne aber erst jetzt betrieben. Fast selbstverständlich ergeben sich daraus neue Probleme und neue Arbeitsweisen. „Die Probensprache wird zunehmend Englisch“, sagt Matthias Günther. „Aber nicht nur die Sprache, auch die Kultur und mit ihr das Theatersystem ist immer noch sehr unterschiedlich. Finnisch braucht weniger Worte und wirkt deshalb in der deutschen Übersetzung leicht beleidigend, wie sich bei den Proben zu Raskolnikow herausgestellt hat.“

Spielen sie zusammen, müssen sich die Schauspieler mit ihren Arbeitsweisen auseinandersetzen. Da fängt die europäische Verständigung noch einmal ganz neu an. Three Kingdoms kann nicht gezeigt werden, da die englischen Schauspieler anderweitig verplant sind. Wie gut das mit der Verständigung aber auch gehen kann, zeigen die Holländer und Belgier an den Münchner Kammerspielen. Sie sprechen zum Teil schon so gut Deutsch, dass man zu vergessen beginnt, wo sie herkommen.

Peter Michalzik
ist Autor und Journalist.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2013

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