Theaterszene und Trends

Alle lieben Tschechow – zum 150. Geburtstag des Dramatikers

Luc Bondys „Möwe“ (2001) am Akademietheater Wien mit Gert Voss und Johanna Wokalek; Foto: Ruth WalzTschechow ist nicht der meistgespielte Autor in Deutschland. Aber niemand ist wie er mit Bedeutung aufgeladen.

1965 hat Jan Kott sein berühmtes Buch Shakespeare unser Zeitgenosse veröffentlicht, wie es im polnischen Original und der englischen Übersetzung hieß (Shakespeare heute wurde es in der deutschen Fassung). Würde Kott noch leben und sich fragen, zu welchem lang Verstorbenen sich das Theater heute so hingezogen fühlt, als wäre es ein Zeitgenosse, er würde Shakespeare durch Tschechow ersetzen müssen.

Anton Pawlowitsch Tschechow – der am 29. Januar 1860 in der russischen Provinz geborener Schriftsteller, der in den 44 Jahren seines Lebens neben sehr, sehr vielen Erzählungen auch ein paar wenige Theaterstücke geschrieben hat – ist der deutsche Dramatiker schlechthin geworden. Die Theaterstücke werden in den letzten Jahren im deutschen Sprachraum gespielt, als wären sie das dramatische Evangelium schlechthin. Tschechow ist nicht der meistgesielte Autor. Aber niemand ist wie er mit Bedeutung aufgeladen, kein ambitionierter Spielplan, kein Berliner Theatertreffen der letzten zehn Jahre ohne mindestens einen Tschechow, Tschechow ist im deutschen Theater der Jungbrunnen und er ist der Knackpunkt.

Sunnyi Melles in Barbara Freys „Onkel Wanja“ am Münchner Residenztheater; Foto: Matthias HornWir brauchen nicht mehr Hamlets Geist um ödipale Probleme zu lösen, wir brauchen nicht Othellos Eifersucht, um auf unsere Ehen zu schauen, wir brauchen nicht die Bosheit des Ehepaars Macbeth um die Politik zu verstehen und wir brauchen auch nicht den Zorn des Königs Lear, um uns mit dem Alter auseinanderzusetzen. Shakespeare war lange, seit Lessing, der Deutschen Autor. Das ist vorbei. Seit einiger Zeit brauchen wir im Theater Tschechows müde, melancholische Provinzbewohner. Wir spiegeln uns im Theater leidenschaftlich in ihnen. Und was sehen wir da?

Die neue Freiheit

Zunächst: Die beiden Tschechow-Aufführungen von Peter Stein waren von heute aus gesehen ein Höhe- aber auch ein Endpunkt. Die Drei Schwestern (1984) und Der Kirschgarten (1995) waren wie die Erfüllung dessen, was bei Stanislawski begonnen hatte: Zeitgetreues Dekor, genaues Ausloten jeder Seelenregung, exaktes Ausmessen der Beziehungen, Aufmerksamkeit für jede Anspielung. Auch Luc Bondys Wiener Möwe 2001 war noch so, und selbst Peter Zadeks legendärer Kirschgarten (1996) war im Kern so gewesen, wenn auch harscher, nackter und ungeschminkter als Steins doch klassizistische Aufführungen.

Stefan Puchers „Möwe“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (2000); Foto: Wonge BergmannDanach ist etwas geschehen, das man nicht für möglich gehalten hätte: Es herrscht die große Freiheit. Ja, haben wir seitdem gelernt, man kann Tschechow uminterpretieren, ganz anders sehen als Melancholie mit Samowar. Schnell wurde klar, dass man Tschechow frei und zeitlos spielen kann wie es etwa Barbara Frey bei ihrem Onkel Wanja 2004 in München am Residenztheater gemacht haben. Mit dem Stuttgarter Platonow (2006) haben Karin Henkel und Felix Goeser in der Titelrolle dann eine entfesselte Schauspieler-Aufführung hingelegt. Man kann, zeigte Goeser, Tschechow wild spielen, man muss sich nicht subtil hineinarbeiten. Man kann das virtuos durchziehen. Es ist Tschechow, der einem dann folgt.

Luk Percevals „Platonow“ an der Berliner Schaubühne; Foto: Annette KurzStefan Pucher und Tschechow, das war die vielleicht größte Revolution. Er hat seit seinem Kirschgarten in Basel 1999, seiner ersten Klassikerinszenierung überhaupt, die Gedanken- und Gefühlswelt des Pop und der DJ-Culture mit Tschechow vermählt. Seine Aufführungen sind kühl, sie spielen mit den Medien, Songs, Microport und Video scheinen hier für Tschechow wie geschaffen. Ein Kirschgarten an der Rampe, eine Möwe (2000) als Angriff aufs Publikum. Riesige Videobilder von Menschen in intimen Momente.

Schöne Seelen

Luk Perceval macht den härtesten Tschechow. Der Platonow (2006) in Berlin schien fast stehenzubleiben und sich im riesigen Raum der Schaubühne zu verlieren, bevor er losbrach. Der Kirschgarten (2001) steigerte sich bis zum Chaos. Andres Kriegenburg zeigte mit den Drei Schwestern (2006), dass man Tschechow auch heute noch ganz poetisch und elegisch spielen kann, ohne kitschig zu werden. Davor haben alle Angst. Kriegenburgs Tschechow überzeugte durch Bilder: riesige, traurige Masken, viel beiger Stoff, eine eigene phantastisches Reich.

Andreas Kriegenburgs „Drei Schwestern“ an den Münchner Kammerspielen (2006); Foto: Arno DeclairHöhepunkte schufen die Altmeister. Dimiter Gotscheff zeigte einen sehr nackten, rauen Iwanow (2005), allein im großen Rund der Berliner Volksbühne, allein im Nebel. Und Jürgen Gosch inszenierte im Onkel Wanja (2008) so etwas wie sein theatrales Vermächtnis. So nah war Tschchow nicht mal Peter Stein gekommen, aber so vollkommen eigenständig inszenierte Gosch auch in seiner bloßen Welt. Theater ohne doppelten Boden und doch sehr magisch, sehr tragisch und sehr menschlich.

Unter den verschiedenen Sichtweisen liegt bei allen Regisseuren und Schauspielern etwas, das immer gleich bleibt. Sie lieben Tschechow, sie lieben ihn dafür, dass seine Bühnenfiguren eine Seele zu haben scheinen und dass diese Seelen eine eigenartige Schönheit haben, selbst in der Niedertracht. Diese Seelen lieben das Philosophieren, das Nachdenken über Gott und die Welt. Sie denken aber nicht, dass das von besonderer Bedeutung ist. Die Welt ist da, wo sie sind, aber sie nehmen sich nicht sehr wichtig. Sie sind alle unglücklich. Glück ist ein sehr, sehr rares Gut. Aber sie leben weiter. Tschechow muss man unterspielen, alles Übertriebene rausnehmen, das Theater immer einfacher, bloßer, nackter machen.

Peter Michalzik
ist Feuilletonredakteur der Frankfurter Rundschau und ist im Auswahlgremium für das Festival „Stücke – Mülheimer Theatertage“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2010

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