Theaterszene und Trends

Best Before – Rimini Protokoll inszeniert ein Multiplayer-Game in Vancouver

„Best Before“, ein Multi Player Game von Rimini Protokoll; Foto: Milan Radovanovic In der neusten Produktion von Rimini Protokoll sind natürlich auch wieder Experten dabei. Hauptakteur aber ist das Publikum, das in einer virtuellen Welt 200 Avatare durch ein Spiel des Lebens führt.

Vancouver ist eine junge Stadt. Vor 125 Jahren wurde sie auf flachen Landzungen zwischen Ausläufern der Rocky Mountains und dem Pazifik gegründet und wächst seitdem rasant an. Mit einer Einwohnerzahl von 2,2 Millionen Menschen im Großraum, darunter 50 Prozent Einwohner mit ausländischer Herkunft, und nahezu Vollbeschäftigung steht Vancouver bei Umfragen nach der „Best Town“ immer auf einem der ersten drei Plätze. Die Computerspiele-Industrie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Vancouver. Die kalifornische Firma „Electronic Arts“, mit einem Jahresgewinn von über 3,6 Milliarden Dollar der erfolgreichste Global Player dieser Branche, beschäftigt in Vancouver über 1.500 Menschen. Diese Stadt, die demografischen Statistiken, sowie die Spiele-Industrie und ihre Produkte bilden das Zentrum der neusten Produktion von Rimini Protokoll. Das preisgekrönte Dreier-Kollektiv begründete mit einer Vielzahl von Inszenierungen mit „nichtprofessionellen Darstellern“, sogenannten „Experten des Alltags“, und dem Arbeiten ohne literarische Vorlage eine aktuelle Form des Dokumentartheaters, die nicht nur neue Einblicke in Gebiete gibt, die wir im alltäglichen Leben oft übersehen, sondern auch immer wieder auf eine bezaubernde Weise die Verschiedenartigkeit der Menschen zelebriert.

Geburt durch Knopfdruck

„Best Before“, ein Multi Player Game von Rimini Protokoll; Foto: Milan Radovanovic Nun schicken Helgard Haug und Stephan Kaegi in Best Before nicht nur ihre „Experten“ auf die Bühne, sondern holen jeden einzelnen Zuschauer, vertreten durch einen kugelrunden bunten Avatar, auf die große Leinwand.

Granview-Woodlands, ein Viertel, das vor allem von italienischen Einwanderern besiedelt wurde, liegt ruhig und mit tollem Ausblick östlich der Downtown. In einer umgebauten 100-jährigen Kirche ist 2010 dank privater Unterstützung ein kleines multifunktionales Theater entstanden, das mit seinem Rang und den 200 Plüschsitzen das Flair eines kleinen Opernhauses versprüht. In diesem Jahr ist „The Cultch“ eine der Hauptspielstätten des jährlichen Performance-Festivals PuSh. Zusammen ermöglichen sie die Realisierung dieses Multiplayer-Games. An jedem Sitz hängt ein Game-Controller, wie wir ihn von einer Playstation kennen, mit dem die Avatare gesteuert werden. Auf einer gigantischen Leinwand wird das Spielfeld projiziert. Das Setting erinnert weniger an aktuellste 3D-Video-Games, sondern weckt eher Erinnerungen an PacMan oder an die ersten Versionen von „Sims“. In „Bestland“ – so heißt das virtuelle Land – kommen alle mit den gleichen Voraussetzungen und Chancen zur Welt. Es wird mit „Bestos“ bezahlt und das Vermögen, wie auch die weiteren Skills hängen von den Entscheidungen ab, die jeder einzelne im Verlaufe seines „Lebens“ tätigt. „You are about to be born“, verkündet die Spielleiterin, „noch seht ihr wie kleine bunte Bonbons aus, aber das kommt daher, dass ihr noch nicht geboren seid“.

Avatare als Hauptdarsteller

„Best Before“, ein Multi Player Game von Rimini Protokoll; Foto: Milan Radovanovic Brady Marks ist eine der fünf Experten an diesem Abend. Geboren in Südafrika, ist sie eine der vielen Einwanderer in Kanada. Sie ist Programmiererin und arbeitet nun hauptsächlich für Kunst- und Theaterprojekte. Für Best Before hat sie das einige zehntausend Zeilen lange Skript geschriebenen. Brady führt Reihe für Reihe die Zuschauer zu ihrem Avatar, fordert zu Aktivität auf („jump where you are“) und leitet uns, mit dem Keyboard in der Hand, durch das Leben. Musikalisch begleitet wird das Spiel von Ron Samworth, der mit Cowboyhut und Gitarre einen Live-Soundtrack liefert. Ellen Schultz hat lange als Print-Journalistin gearbeitet, hat sich aber – frustriert von den schlechten Nachrichten, die Teil ihrer Arbeit waren – entschieden etwas „Richtiges da draußen“ zu tun. Nun steht sie als Flaggerin an einer der unzähligen Baustellen im vor-olympischen Vancouver und regelt den Verkehr. Duff Armour stößt mit seinen Oberschenkeln gegen eine Tischkante und versucht beharrlich „durch den Tisch hindurch zu gehen“ – er demonstriert seine Tätigkeit als – nun arbeitsloser – Game-Tester. Acht Stunden am Tag untersuchte er, ob sich die Objekte im Spiel „richtig“ verhalten. Bob Williams ist ein Wildnis liebender Stadtplaner und -politiker, nun im Ruhestand. Zu dem Zeitpunkt, als in „Bestland“ die weiblichen Avatare schwanger werden (mit 15 Jahren), erzählt Bob von seiner Mutter, die ihn in diesem Alter zur Welt brachte.

Die „Experten“ moderieren das Spiel, zählen die Jahreszeiten, drängen zu Entscheidungen und geben immer wieder Einblicke in ihre „echten“ Biografien, die sich wiederum mit Ereignissen in dem virtuellen „Bestland“ verknüpfen.

Das Leben einer Gesellschaft in 90 Minuten

„Best Before“, ein Multi Player Game von Rimini Protokoll; Foto: Milan Radovanovic Nach der Geburt wählen wir unser Geschlecht und bekommen einen Namen zugeteilt. Als Individuum und Teil der Gesellschaft verbringen wir nun unser Leben, treffen politische und persönliche Entscheidungen, werden krank, zahlen Steuern, ergreifen einen Beruf, wählen einen Präsidenten, führen Krieg, bekommen Kinder, werden älter und verdienen Geld. Mit jedem verdienten „Besto“ wächst unser Avatar, was ihm nach 110 Spiel-Jahren etwas mehr Widerstand gegen den eisigen Wind des Todes einbringt. Doch auch die größte „Kugel“ muss sterben und so bleiben nach einem zweistündigen Theaterabend und einem ganzen Leben nur noch einige verlassene Waisenkinder auf der grünen Ebene von Bestland zurück. Im Foyer wird aber nicht wie üblich über die Inszenierung oder die Experten-Darsteller gesprochen. Thema sind einzig die wirklichen Darsteller, die 200 Avatare und ganz besonders das Alter Ego. Man erzählt sich gegenseitig, wie das Leben war, welchem Geschlecht, welcher Berufsgattung man angehörte und wann man gestorben ist. Ein Zeichen dafür, dass das Spiel funktioniert und die Inszenierung gelungen ist.

Produziert wurde Best Before u.a. vom Goethe-Institut mit Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der Vancouver Cultural Olympiad.
Imanuel Schipper
ist Dramaturg und Dozent für Dramaturgie und leitet das SNF-Forschungsprojekt „Sehn-Sucht nach Authentizität“ an der Zürcher Hochschule der Künste.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010

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