Mehr als Tanz – die Ausstellung „Yvonne Rainer. Raum, Körper, Sprache“

Yvonne Rainer zählt neben William Forsythe oder Pina Bausch zu den meistdiskutierten Künstlerinnen der Gegenwart – jedenfalls im Bereich Tanz und Choreografie. Eine große Ausstellung im Kölner Museum Ludwig in Kooperation mit dem Kunsthaus Bregenz und dem Getty Research Institute in Los Angeles präsentiert die erste europäische Retrospektive und zeichnet die Komplexität und Vielfalt von Yvonne Rainers Werk nach.
Was die 1934 geborene Amerikanerin so besonders macht, ist ihr ungewöhnlicher Parcours. Nach einem Jahrzehnt tänzerischer Projekte im Umfeld einer ebenso verspielten wie radikalen künstlerischen Avantgarde wandte sie sich dem Film zu und war in den Siebziger- und Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts als Filmemacherin fast bekannter denn als Choreografin. Erst eine junge Generation von Tanzschaffenden begann Ende der 1990er-Jahre, sich für das tänzerische Werk Yvonne Rainers zu interessieren, das sie vor allem im Umfeld des von ihr 1962 mitbegründeten Judson Dance Theater in New York entwickelt hatte. Eine umfassende Retrospektive des künstlerischen Werks von Yvonne Rainer ist jetzt Gegenstand einer Ausstellung im Kölner Museum Ludwig. In Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Bregenz, wo die Ausstellung bereits im Frühjahr in anderer Architektur zu sehen war, ist ein sehr genaues und mit vielfältigen Dokumenten belegtes Bild entstanden.
Vom Tanzstück zum Prozess
Rainer hat ihren künstlerischen und teils auch privaten Vorlass vor einigen Jahren dem Getty Research Institute in Kalifornien übergeben. Aus diesem Fundus vor allem kann die Ausstellung schöpfen. Zu sehen sind Programmzettel, Plakate, Fotografien, Arbeitsskizzen und Partituren zu ihren wichtigen choreografischen Arbeiten. Diese konzipierte Rainer stets als komplexe Prozesse, weniger als abgeschlossene Stücke. Viele ihrer Tänze wurden ergänzt, erweitert, rekombiniert, in unterschiedlicher Besetzung aufgeführt. Auffallend dabei, dass viele ihrer Arbeiten gar nicht Eingang in die Theater und auf die institutionellen Bühnen fanden, sondern in Museen und an Universitäten rezipiert wurden. Die sorgfältig inszenierten Fotos zeugen von den Turnhallen, Universitäts-Aulen und improvisierten Performance-Räumen mit Linoleumboden. Denn Rainer, die zwar in Insider-Kreisen sehr rasch zu den Bekanntesten zählte, eignete sich nicht für „große Tanzabende“. Dieser Erwartung an die Kunstform hatte sie frühzeitig eine Absage erteilt, auch in ihrem berühmten Aufsatz „A quasi survey of some ‚minimalist‘ tendencies in the quantitatively minimal dance activity midst the plethora, or an analysis of Trio A“, dessen Bestandteil ihr „NO Manifesto“ war: „NO to spectacle no to virtuosity ... no to the glamor and transcendency of the star image ... no to moving or being moved.“
Tanz ist mehr als Tanz
Doch ging es Rainer weniger um Verweigerung als vielmehr um Erweiterung. Der Tanz sollte lebensnah werden, sich verstehen als eine Reihe von Handlungen, die aus allen Lebensbereichen schöpft, dem Alltag ebenso wie der Popkultur. Catherine Wood untersucht in ihrem Katalogbeitrag sehr aufschlussreich diese Suche nach einem tänzerischen Kunstschaffen, das sich an „Aufgaben“ orientiert und deren nüchterne, „arbeitsähnliche“ Umsetzung thematisiert. Ihre Tanzstücke seien daher „Aktionsgemeinschaften“. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass ausgerechnet Trio A, ihr sogenanntes „signature piece“, das als Teil eines größeren choreografischen Projektes (The mind is a muscle, Part 1, 1966) entstanden war, schon rasch ein Eigenleben zu führen begann – und zwar in der Solo-Version. Heute ist Trio A das einzige in voller Länge aufgezeichnete Tanzwerk Rainers. Der Film entstand 1978, also einige Jahre, nachdem Rainer das Tanzen zugunsten des Films weitgehend aufgegeben hatte. Zwar darf die Einspielung nach dem Willen der Autorin nicht als Quelle für die zahlreichen Rekonstruktionen, Neueinstudierungen und künstlerischen Schaffensprozesse verwendet werden, die seit einigen Jahren überall aus dem Boden schießen. Gleichwohl ist Trio A nahezu das einzige Stück von Rainer, das ins Repertoire des zeitgenössischen Tanzes übergegangen ist.
Vom Tanz zum Film zum Tanz
Die Ausstellung selbst thematisiert nicht so sehr die Brüche, sondern stellt die Kontinuität dar. Streng chronologisch konzipiert, werden die ersten tänzerischen Arbeiten, die daraus entstehenden Gruppenprozesse und Rainers wachsender Kontakt mit den bildenden Künstlern ihrer Generation vorgeführt. Der letzte Teil ist ihrem Filmschaffen gewidmet, in das Rainer ihre choreografischen Erfahrungen von Anfang an einfließen ließ. So ist etwa Lives of performers von 1972 das Porträt vom Probenprozess einer Tanzgruppe, während Film about a woman who ... (1974) zuerst als Bühnenversion gezeigt wurde.
Rainers „Rückkehr zum Tanz“ seit 2000 gerät demgegenüber zum sakralen Moment: Als letzte Stationen der Ausstellung sind Babette Mangoltes Filmaufzeichnungen von AG Indexical (2006) und RoS Indexical (2007) in kinoähnlichen Dunkelkammern auf großen Projektionsleinwänden und mit vollem Ton zu sehen, während die Spielfilme und sonstigen Filmdokumente meist auf Monitoren laufen. Am Ende verehren wir eben doch die Werke, nicht die dazwischen liegenden Suchbewegungen.
Das zweisprachige Katalogbuch kostet € 38,-
ist Tanzwissenschaftler und Publizist. Seit 2007 betreut er für Tanzplan Deutschland den Projektbereich „Kulturerbe Tanz“.
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Mai 2012
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