Ausbildung

Energie und Erneuerung – die HipHop Academy Hamburg

„Welle: Asphaltkultur“ von Samir Akika/Unusual Symptoms; Foto: Jan Rasmus LippelsMehr als Jugendkultur: An der HipHop Academy Hamburg werden Tänzer und Musiker professionell ausgebildet.

Anders als in Frankreich, wo Hip-Hop ein großes Publikum erobert hat und regelmäßig auf dem Programm renommierter Theater und Tanzfestivals steht, gilt er bei uns noch immer als Sub- oder Jugendkultur. An diesem Bild zu kratzen und Hip-Hop als Kunstform ernst zu nehmen, ist das Ziel einer in Deutschland einzigartigen Einrichtung. An der HipHop Academy Hamburg werden Jugendliche in mehreren Stufen zu professionellen Tänzern, Musikern und Textern ausgebildet. Mit Samir Akikas Choreografie Welle: Asphaltkultur gewann die Masterclass im vergangenen Jahr den Förderpreis beim nordrhein-westfälischen Theaterfestival „Favoriten“. Das daraus hervorgegangene Ensemble geht den Weg auf die Bühne jetzt weiter.

Die HipHop Academy im Kultur Palast Hamburg; Foto: HipHop Academy HamburgHip-Hop, dachte man lange, sei eine kurzlebige Erscheinung. Doch was in den 1970er- und 1980er-Jahren in den New Yorker Ghettos und später an der US-Westküste entstand, hat sich längst zu einem globalen Phänomen mit eigenen Strukturen und sehr aktiven Szenen entwickelt. Rund um die Welt finden jedes Jahr nationale Ausscheidungen statt, bevor sich deren Gewinner zum „Battle of the Year“ treffen. Das war zwanzig Jahre lang fest in deutscher Hand, ehe sie im letzten November von Braunschweig nach Montpellier umzog und dort unter anderem von Montpellier Danse und dem Kulturministerium unterstützt wurde. Obwohl es viele Szenen in Deutschland gibt, wird Hip-Hop darüber hinaus wenig wahrgenommen und auch nur in einzelnen Theatern (unter anderem tanzhaus nrw, Kampnagel, HAU) präsentiert.

Bedingung: Nachhaltigkeit

„Schöner Wohnen“ Eine Tanzproduktion des Ensembles der HipHop Academy Hamburg (Premiere: 04.03.2011 im k2 / Kampnagel), Künstlerische Leitung: Niels „Storm“ Robitzky; Foto: HipHop Academy HamburgDen Anstoß zur Academy gaben die Jugendlichen im Hamburger Stadtteil Billstedt selbst, sie wünschten sich Angebote in ihrem großen Stadtteil im Osten Hamburgs. Dörte Inselmann, Geschäftsführerin des Kulturpalastes im Wasserwerk, handelte rasch und mit einer Bedingung: es musste „etwas Nachhaltiges“ sein. Mit dem Preisgeld aus einem städtischen Ideenwettbewerb wurde 2007 das Konzept der HipHop Academy verwirklicht: eine langfristige Ausbildung mit wachsender Stundenzahl, die anerkannte Trainer mit internationaler Erfahrung leiten. Der Besuch der Kurse ist verbindlich. Nur der Zugang zu den Grundkursen ist frei; über ein Weiterkommen nach jeder Stufe entscheiden die Trainer, die selbst in Didaktik und neuen Styles weitergebildet werden.

Jeden Sommer trainieren zusätzlich ausgewählte Teilnehmer vier Wochen intensiv Grundlagen, eignen sich Wissen über Hip-Hop an und präsentieren eine Abschlussproduktion. Stadt, Sponsoren plus eigene Einnahmen finanzieren die Ausbildung, die auch künftig bis zur Masterclass kostenlos bleiben soll. Die Grundkurse finden in Schulen und Jugendhäusern statt, alle anderen im eigenen Haus, in dem es mittlerweile sehr eng geworden ist. Ein Erweiterungsbau mit größerem Aufführungssaal, Probebühne, zusätzlichen Studios und Musikproduktionsräumen ist bereits genehmigt und wird gebaut, sobald der Rest der Bausumme gesichert ist.

Tanzen, Rappen, Zeichnen

„Welle: Asphaltkultur“ von Samir Akika/Unusual Symptoms; Foto: Jan Rasmus LippelsEntscheidend war für Inselmann und den künstlerischen Leiter Axel Zielke, den Jugendlichen – inzwischen sind es rund vierhundert – eine Perspektive zu bieten. Das Programm umfasst alle Sparten des Hip-Hop, neben Breakdance und New Style auch Graffiti und Urban-Art, DJing, Rap, Beatbox und Producing. Shows und Stücke können so „ganz aus eigenen Kräften“ entwickelt werden. Inzwischen häufen sich die Anfragen deutschlandweit: die Hip-Hop-Künstler treten bei Konferenzen und Kongressen auf, zeigen Produktionen, geben Workshops mit selbst ausgebildeten Trainern, choreografieren Modeschauen, komponieren Musik und gestalten Wände. „Vieles ist gerade im Entstehen“, sagt Axel Zielke, darunter Projekte mit den angrenzenden Ländern im Ostseeraum und den Hamburger Partnerstädten Marseille, Chicago und St. Petersburg.


HipHop Academy: „Welle: Asphaltkultur“ (Trailer)

Choreografen gesucht

Zwischen Umzugskisten, die sie immer wieder neu arrangieren, proben acht Performer rappend und tanzend den Aufbruch in die Selbständigkeit, schaffen sich eigene Räume und erfahren die unterschiedlichen Facetten der Freiheit. Melancholische Szenen des Abschieds von der Kindheit wechseln mit euphorischen und nachdenklichen Songs und getanzten Porträts der Einzelnen ab, in denen sie zeigen, wer sie sind und was Hip-Hop ausmacht: Energie und die Kraft, sich immer wieder zu erneuern, individuelle Kreativität, Zusammenarbeit und Herausforderung in der Gruppe.

„Schöner Wohnen“ Eine Tanzproduktion des Ensembles der HipHop Academy Hamburg (Premiere: 04.03.2011 im k2 / Kampnagel), Künstlerische Leitung: Niels „Storm“ Robitzky; Foto: HipHop Academy HamburgWeil sonst einfach Schluss gewesen wäre, wurde aus der Masterclass des ersten Ausbildungsjahrganges kurzerhand ein Ensemble gegründet. Das erste Stück Schöner Wohnen, das nach einem Auftakt bei der Expo in Shanghai in der Kampnagelfabrik Premiere hatte, schuf Niels „Storm“ Robitzky. Robitzky, der international bekannteste deutsche Hip-Hop-Tänzer, Autor und Choreograf, ist auch von Anfang an als Trainer in Billstedt dabei. Das künstlerische Selbstverständnis des Ensembles ist klar formuliert: über die Virtuosität des Breakdance hinauszugehen und ein Thema mit den vielfältigen Formen urbanen zeitgenössischen Tanzes und der Musik zu gestalten.

Im Vordergrund steht daher die Suche nach Choreografen. Der Blick geht nach Frankreich: Axel Zielke möchte nicht nur Choreografen gewinnen, sondern wünscht sich auch, wie jetzt mit dem Hip-Hop-Zentrum Di6danse Marseille begonnen, einen stärkeren Austausch von Trainern und vielleicht sogar gemeinsame Produktionen. Und nicht zuletzt hofft er, mit „den vielen aktiven Szenen in Deutschland“ etwas machen zu können – eines Tages vielleicht sogar Dependancen der Academy aufzubauen.

Edith Boxberger
ist Soziologin und schreibt seit vielen Jahren in Zeitungen, Zeitschriften und Publikationen über Tanz.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2011

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