Bühnen

Das Hebbel am Ufer bekommt ein starkes internationales Profil

Annemie Vanackere, Intendantin des Hebbel am Ufer ab September 2012; © Bresadola/drama-berlin.deIm September 2012 löst Annemie Vanackere aus Flandern den derzeitigen Intendanten Matthias Lilienthal im Hebbel am Ufer ab. Ihre Erfahrungen aus der engen Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern in Kombination mit einem spannenden internationalen Spielplan nimmt sie mit nach Berlin.

Ab der Spielzeit 2012/2013 wird Annemie Vanackere aus Belgien die Nachfolge von Intendant Matthias Lilienthal antreten. Vanackere, 1966 in Kortrijk geboren, studierte Philosophie und Theaterwissenschaft in Leuven und war danach als Produktionsleiterin am innovativen Kunstencentrum STUC beschäftigt, wo flämische, vor allem aber auch internationale Theatermacher wie Meg Stuart, Alain Platel, Needcompany und Forced Entertainment damals ihre ersten Vorstellungen zeigten. Danach übernahm sie für zwei Jahre die künstlerische Leitung am von Dirk Pauwels gegründeten Nieuwpoorttheater in Gent. Ende 1995 wagte sie den Sprung an die Rotterdamse Schouwburg, wo sie anfangs für den Spielplan des kleinen Saals verantwortlich war und sich später als künstlerische Leiterin einen Namen machte.

Gemeinsam mit dem Regisseur Jan Zoet rief Vanackere mit großem Erfolg das Produktionshaus Rotterdam sowie das Festival De Internationale Keuze (Die Internationale Auswahl) ins Leben. Vanackere: „In einem Theater wie dem Hebbel am Ufer (HAU) hat man die Möglichkeit, eng mit in Berlin ansässigen Künstlern zusammenzuarbeiten, und gleichzeitig ein internationales Programm zusammenstellen. Das sind die Zutaten, die mir auch in Rotterdam am Herzen lagen.“ Während der nächsten Spielzeit wird sich Vanackere auf ihre neue Stelle vorbereiten, über ihre Pläne will sie aber noch nicht zu viel verraten. „Matthias Lilienthal hat drei verschiedene Theater zusammengebracht und daraus einen einzigen, pulsierenden Ort geschaffen. Im HAU wurden viele themenbezogene Projekte entwickelt und wichtige künstlerische Diskurse stimuliert. Vor allem letzteres ist mir wichtig. Ich will nun herausfinden, welche Formate am besten an diesen Ort passen.“

Rotterdam versus Berlin

Das Hebbel am Ufer (HAU), Berlin; Foto: Sven NeumannDie Rotterdamse Schouwburg, wo Vanackere zurzeit noch arbeitet, setzt sich sowohl aus Aspekten eines Deutschen Stadttheaters als auch des HAU-Modells zusammen. Es ist ein Theater, das selbst produziert und gleichzeitig ein Ort, der viele Produktionen von freien Theatergruppen einlädt. „Ob die Trennung zwischen diesen beiden Systemen aufrechterhalten werden kann und muss ist das Thema der gegenwärtigen Diskussionen in Deutschland. Wie geht man mit dem eklatanten Unterschied in der Finanzierung von Stadttheater und Freier Szene um? Ein Theater wie das HAU hat begrenzte finanzielle Mittel, aber mir ist das nicht völlig fremd. Trotz der besonderen Produktionsbedingungen in den Niederlanden – welche durch die neue Kulturpolitik übrigens vollständig zu verschwinden drohen – müssen junge Theatermacher auch in den Niederlanden zusätzliche Mittel und Koproduzenten suchen, um ihre Projekte realisieren zu können.“

Vanackere kommt aus Belgien, arbeitet seit sechzehn Jahren in den Niederlanden und zieht bald nach Berlin. Als internationale Theaterexpertin ist sie mit den Kunstlandschaften der drei Länder bestens vertraut. „In den Niederlanden ist es in den vergangenen Jahren stetig bergab gegangen, und daran ist vor allem das politische Klima schuld. Besonders im letzten Jahr musste die Kunst ihre Existenzberechtigung ständig verteidigen. In Deutschland und Belgien ist das weniger der Fall. Aber ich erfahre aus den deutschen Medien, dass man den Vormarsch des Neoliberalismus auch in Deutschland besorgniserregend findet – genau wie überall in Europa. In den Niederlanden vermischt sich das außerdem mit dem Widerstand der PVV (der Partei von Geert Wilders) gegen alles was angeblich „links“ und „elitär“ ist, wodurch eine Debatte über die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst schlichtweg unmöglich gemacht wird.“

Fokussierung und Langfristigkeit

Die künstlerische Produktion ist Annemie Vanackere mindestens genauso wichtig wie das Endprodukt. Wer sie kennt, weiß, wie leidenschaftlich sie ihre künstlerischen Diskurse vertritt. Dabei verliert sie das Publikum aber nicht aus den Augen. „Ich schätze es, mich in ein Thema zu vertiefen, und investiere gern in langfristige Konzepte, auch weil man damit sein Publikum an sich bindet. Rotterdam ist keine einfache Stadt, wenn es um diesen Bezug zum Publikum geht, daraus habe ich viel gelernt. Was ich auch mitbringe, ist mein Dialog mit den Künstlern und ein Bewusstsein für ihre Bedürfnisse. Mein internationales Netzwerk war eine wichtige Voraussetzung für meine Ernennung. Ich glaube, dass man als Außenstehender einen anderen, ungetrübten Blick darauf hat, was in Berlin passiert.“

Dass Vanackere Philosophie studiert hat, lässt Rückschlüsse auf eine neugierige und forschende Haltung dem Leben gegenüber zu. Die Kunst bot ihr dabei die Möglichkeit, über Inhalte mit anderen Mitteln nachzudenken. „Warum liest man ein Buch? Warum geht man ins Theater? Es ist eine Art und Weise, über das Leben nachzudenken, auszuprobieren, zur verarbeiten und zu trösten. Als Philosoph versucht man sein Augenmerk auf sowohl existenzielle wie essenzielle Aspekte zu richten. Meine Art, Theater zu schauen unterscheidet sich davon nicht wesentlich. Natürlich bin ich regelmäßig auch enttäuscht, aber die Phantasie und die Intelligenz, die Künstler in ihre Arbeit einfließen lassen, macht mir Freude. Theater muss überraschen und dich zu neuen Ideen inspirieren.“ Diese Erfahrung macht Vanackere unter anderem bei Vorstellungen der niederländischen Theatergruppe Wunderbaum und dem amerikanischen Nature Theater of Oklahoma, Gruppen, die regelmäßig zum Festival De Internationale Keuze eingeladen werden. „Aber,“ sagt Vanackere, „eine Vorstellung erschließt sich auch nicht immer sofort. Manche Vorstellungen entfalten ihre Wirkung erst in der Erinnerung. Ich mag Vorstellungen, die einen zum ‚Wiederkäuen‘ einladen und eine Diskussion anregen.“

Moos van den Broek
ist Dramaturgin, Produzentin und Journalistin. Sie hat für Huis aan der Werf und das Festival aan de Werf in Utrecht sowie am Theater Frascati in Amsterdam gearbeitet, wo sie Festivals wie Something Raw, Breakin‘ Walls und Cover initiierte. Zurzeit ist sie Dramaturgin am Produktionshaus Het Lab Utrecht und Redaktionsmitglied von TM, der niederländischen Theaterzeitschrift.

Übersetzung: Katja Herlemann
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2011

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