Tanzszene und Trends in Deutschland

Leibhaftiger Tanz – im Blick der Phänomenologie

„You Made Me a Monster“ von William Forsythe; © The Forsythe Company; Foto: Marion RossiDer Tanzende denkt nicht, der Denkende tanzt nicht, solange die cartesianische Trennung von Geist und Körper den Ton angibt.

Soll der Tanz mehr sein als Festumrahmung, Freizeitvergnügen oder Expertentum, so muss er an die Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens rühren. Nietzsche, der den Leib als „eine große Vernunft“ preist, versichert: „Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde“, und Paul Valéry tut es ihm nach: „Allein der Tänzer versteht zu gehen…“ Der Tanz beginnt schon mit dem alltäglich-unalltäglichen Gehen. So gründet die Phänomenologie des Tanzes in einer Phänomenologie des sinnlichen, beweglichen, empfindsamen Leibes.

Gebundene und freie Bewegung

„Café Müller“ von Pina Bausch; © Ursula KaufmannLiefen alle unsere Bewegungen auf ein festes Ziel zu wie im aristotelischen Kosmos, so wäre der Tanz eine bloße Randerscheinung. Ähnliches gilt für die cartesianische Natur, in der alle Abläufe kausal bestimmt sind bis hin zum sogenannten freien Fall. Doch unsere alltäglichen Bewegungen folgen keinem festen Plan. Es gibt Phänomene wie Stolpern, Ermüdung und Unfall, in denen der Gang stockt. Wir lassen uns gehen im ziellosen Schlendern, Flanieren und Spazieren. Es gibt uralte Bräuche wie Akrobatik und Seiltanz, die mit dem Gleichgewicht spielen und etwas schaffen, „das den alltäglichen Zyklus der Positionen im Raum zerbricht“, so der Paläontologe André Leroi-Gourhan. Seurats Zirkustänzerin und Kafkas Kunstreiterin fallen uns ein. Die zeitgenössische Tanzkunst geht einen Schritt weiter, indem sie die Beweglichkeit des Körpers systematisch bearbeitet, ähnlich wie der Maler mit Farbe und Linie, der Komponist mit Klängen arbeitet. Dies führt bei Merce Cunningham zu Experimenten mit Bewegungspartikeln ähnlich der Minimal Art. Zeitweilig wird alles Traditionelle und Erzählerische beiseite gesetzt, doch inzwischen hat der Kunsttanz zu frei gestalteten Szenen zurückgefunden.

Sich leiblich bewegen

Tanzende vollführen leibliche Bewegungen. Sie sind weder Herr über ihre Bewegungen, noch Spielball kausaler Außenkräfte, sie sind jedoch an der Bewegung beteiligt. Sie bewegen sich, wie man sich freut. Tänzer sind bewegend und bewegt zugleich, doch beides deckt sich nicht. Tanzbewegungen kommen in Gang und entwickeln eine eigene Schwungkraft, die den Tanzenden überrascht, erfasst, fortreißt. Die leibliche Bewegung wird inszeniert, nicht Stück für Stück produziert. Wie der Start eines Sprinters kommt auch der Einsatz des Tänzers immer etwas zu früh oder zu spät. Nur geplante Abläufe sind völlig up to date. 

Bewegungsformen

„An-Antigone“ von Wanda Golonka, Frankfurt; © Yvonne KranzTanzbewegungen sind zwar einstudiert, aber nicht fest programmiert. Sie finden hier und jetzt statt. Sie gehen vor und zurück; sie hören auf, ohne an ein Ziel zu gelangen. Es sind Ereignisse ohne Resultat wie die Klänge einer Musik. Sie laufen nach oben und nach unten. Tanzende kämpfen mit ihrer eigenen Schwerkraft. Bei den klassischen Pirouetten berührt der Fuß nur einen winzigen Punkt der Erde. „Herkules in eine Schwalbe verwandelt – gibt es diesen Mythos?“, so fragt Valéry. Doch unser lebendiger Leib hat auch etwas von einem Körperding. Die Erdenschwere kehrt wieder, wenn wir fallen. Dies erinnert daran, dass das Gehen einem aufgehaltenen Fallen gleichkommt. Zur Bewegung gehört auch das zeitliche Vorher und Nachher, das sich ineinander schiebt in Form von Verzögerungen und Vorwegnahmen. Tanzende sind nie ganz und gar dort, wo sie sind. Ferner artikuliert sich die Bewegung in wiederkehrenden Rhythmen. Dazu gehören Gegenrhythmen wie in der modernen Musik, mit denen der Tanz allzu sichere Erwartungen durchkreuzt. Schließlich gehört zum Tanzen das Mittanzen. Man tanzt mit Partnern, in Gruppen oder mit sich selbst, indem man sich selbst verdoppelt. Wie beim Mitspielen und Mithören im Quartett gehen Eigen- und Fremdbewegung spontan ineinander über. Aus wechselnden Formen der Annäherung und Entfernung bilden sich Spielräume. Zu den Mittänzern gehören auch die Dinge, so die Stühle in Pina Bauschs Wuppertaler Café, die zum Sitzen einladen. Wanda Golonka setzt in ihrer An-Antigone das ganze Frankfurter Schauspielhaus in Bewegung.

Abweichung und Überschwang

„You Made Me a Monster“ von William Forsythe; © The Forsythe Company; Foto: Marion RossiDie Kreativität des Tanzes kommt nicht aus heiterem Himmel, sondern aus dem Kontrast mit dem Vertrauten. Abweichungen heißen französisch écarts, worunter auch tänzerische Seitensprünge und der Spagat verstanden werden. Man tanzt förmlich aus der Reihe. Man macht Luftsprünge. Weitere Abweichungen ergeben sich aus Verformungen des Körpers, aus Verrenkungen und Verzerrungen, die in einem Stück wie You made me a Monster von William Forsythe bis an die Schmerzgrenze gehen. Der Leib tritt hervor in seiner Verletzlichkeit. Wie alle Künste rührt auch die Tanzkunst an Unmögliches, das über unsere Kräfte geht. Schließlich entfacht die Tanzkunst einen Überschwang an Bewegung. Sie erinnert daran, dass der Mensch von Anfang an nicht nur ein Mängelwesen ist, sondern auch ein Überflusswesen. Unsere Antworten sind stets reichhaltiger als die Situationen, von denen sie hervorgerufen werden. Wenn bei Platon die Philosophie mit einem schwindelerregenden Staunen beginnt, so dürfte dies ebenso für die Tanzkunst gelten.

Bernhard Waldenfels
Professor emeritus für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Autor von „Sinnesschwellen“ (1999), „Leibliches Selbst“ (2000) und „Sinne und Künste im Wechselspiel“ (2010).

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November 2012

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