Tanzszene und Trends in Deutschland

William Forsythe: In die Sprache des Balletts hineinhorchen

Bockenheimer Depot; Copyright: Dominik Mentzos William Forsythe; Copyright: Stephan Floss PhotoAls der amerikanische Choreograf William Forsythe 1984 die künstlerische Leitung des Balletts Frankfurt übernahm, war er in der internationalen Tanzszene weitgehend unbekannt.

Seither hat der ehemalige Tänzer des New Yorker Joffrey Ballet und des Stuttgarter Balletts seine Kompanie zu eine der weltweit bekanntesten und innovativsten Tanzkompanien gemacht. Wie kein anderer Choreograf in vergleichbar exponierter Position hat Forsythe es verstanden, sich immer weiterzuentwickeln und die Zuschauer immer wieder aufs Neue mit spannenden Inszenierungen und einer ungewöhnlichen Bewegungssprache zu überraschen.

In die Sprache des Balletts hineingehorcht

`Heterotopia´, Roberta Mosca, Cyril Baldy; Copyright: Sylvio DittrichDas Besondere an William Forsythes Arbeit war von Anfang an sein Verständnis von Ballett als einer lebendigen Sprache, die man nicht wie ein totes Objekt immer wieder auf genau die gleiche Weise sprechen kann. Für ihn ist die Tradition des klassischen Balletts nicht etwas, das man besitzen kann. Es ist etwas, das sich im lebendigen Umgang mit der Tradition im Zusammenspiel mit zeitgenössischen Fragen beständig verändert. So übten seine ersten, noch sehr stark vom neo-klassischen Vokabular geprägten Choreografien nicht zuletzt deshalb eine große Faszination auf das Publikum aus, weil es Spaß machte zu erleben, dass auch eine klassische Tänzerin ihre Hüfte bewegen kann, um der Bewegung auf diese Weise eine mitreißende Dynamik zu verleihen. Forsythe hat in die Sprache des Balletts hineingehorcht und dabei bislang unerkannte Möglichkeiten der Verbindung und Verschiebung von bis dato scheinbar unverrückbaren Positionen entdeckt.

Dialog mit anderen Kunstformen und Wissensgebieten

`Eidos: Telos´; Copyright:  Dominik MentzosSein Interesse an der Bewegung und an dem, was sie auslöst und bedeuten kann, hat sich bis heute nicht erschöpft. Im Laufe seiner Karriere hat Forsythe das Ballett mit zahlreichen anderen Kunstformen und Wissensgebieten zusammengeführt und so dem Körper immer wieder neue Möglichkeiten eröffnet, sich zu bewegen. 1990 setzte er sich für sein Stück Limbs Theorem mit Daniel Libeskinds dekonstruktivistischen Architekturzeichnungen auseinander, deren Linien und räumliche Gebilde den Tänzern als Ausgangspunkt für ihre eigenen Bewegungslinien dienten. Anfang der neunziger Jahre begann mit Stücken wie ALIE/N A(C)TION oder Eidos:Telos seine verstärkte Auseinandersetzung mit Computertechnologie, mit deren Hilfe auf Zufallsprinzipien basierende Systeme entstanden, welche die Tänzer zum Teil live während der Vorstellung selbst gestalten konnten.

William Forsythe; Copyright: Dominik MentzosForsythes Choreographien sind daher als Feld zu verstehen, in dem sich etwas ereignen kann. Dieses Feld ist nicht von vornherein besetzt mit bestimmten Vorstellungen, sondern ist offen für Unvorhergesehenes, für neue Ideen, ein Raum für die Entdeckung von Möglichkeiten, die man vorher nicht in Betracht gezogen hatte. In diesem Sinn basiert das Ausbildungskonzept Dance, das er zusammen mit anderen Choreographen leitet, auch nicht darauf, den jungen Tänzern eine Tanztechnik beizubringen. Das Wissen über die Gestaltung von Videos oder über Architektur, das ihnen unter anderem während der Ausbildung vermittelt wird, dient den Schülern als Werkzeug und Denkanstoß, eigene kreative Arbeitsprozesse in Gang zu setzen. Mit einer solch offenen Herangehensweise hört Ballett auf, eine Kunst der Repräsentation und der Darstellung einer Geschichte oder eines einmal fixierten Bewegungsablaufs zu sein. Stattdessen wird die Aufführung zu einer lebendigen Situation, die von den Tänzern aktiv gestaltet wird und an der auch die Zuschauer partizipieren können. Jeder Mensch wird so zum Tänzer.

Choreografie als Reflexion gesellschaftlicher Räume

`Human Writes´, William Forsythe, Ander Zabala; Copyright: Dominik MentzosIn City of Abstracts konnten sich Passanten in der Stadt auf Videomonitoren selbst beobachten und so spontan kleine Choreografien entwickeln. In seinen Installations-Performances wie Human Writes oder Heterotopia, an denen Forsythe in den vergangenen Jahren verstärkt gearbeitet hat, wird Choreografie zur sozialen Praxis. Forsythes Installationen sind gelenkte Versuchanordnungen, in denen alle Teilnehmer gemeinsam sich selbst, ihren Körper und seine Bewegungen wahrnehmen können. Wenn sich eine Performance wie Human Writes inhaltlich mit der schwierigen Lage der Allgemeinen Menschenrechte auseinandersetzt, wird deutlich, worin das Potential von Tanz und Bewegung liegen kann. Sind es doch nicht allein abstrakte allgemeingültige Gesetze, die unserer Zusammenleben garantieren. Vielmehr wird dieses Gemeinwesen von unseren körperlichen Praktiken, von unseren alltäglichen Bewegungen hervorgebracht und gestaltet. Hierin liegt wohl die politische Bedeutung von Forsythes Auffassung von Tanz. Er eröffnet Räume, indem er die Menschen in ein neues, fremdes Verhältnis zu sich setzt, damit sie ihre (gesellschaftlichen) Räume anders reflektieren und darin eigene Handlungspotentiale entdecken können.

Deutschlandweit einzigartiges Finanzierungsmodell

Bockenheimer Depot; Copyright: Dominik MentzosDurch die Gründung von The Forsythe Company, die mit Beginn das Jahres 2005 ihre Arbeit aufgenommen hat, arbeitet William Forsythe unabhängig von den Strukturen der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main in einem für Deutschland einmaligen Modell, genannt "Public Private Partnership". Dabei stellen die Kooperationspartner, die Länder Hessen und Sachsen sowie die Städte Frankfurt am Main und Dresden, drei Viertel des Etats der Kompanie von jährlich 3 Millionen Euro und die Spielstätten, das Bockenheimer Depot und das Festspielhaus Hellerau, zur Verfügung. Das verbleibende Viertel wird durch private Sponsoren gedeckt. Seither arbeitet Forsythe in Frankfurt und in Dresden. Seine Gruppe ist nach wie vor international auf Festivals überaus präsent. Durch zahlreiche Installationsprojekte hat Forsythe das Spektrum seiner Aktivitäten weltweit ausgedehnt. Noch laufen die Verträge für The Forsythe Company bis ins Jahr 2010. Es bleibt zu hoffen, dass diese einzigartige Laborsituation für den Tanz auch darüber hinaus erhalten bleibt.
Prof. Dr. Gerald Siegmund
ist Theater- und Tanzwissenschaftler und arbeitet am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern. 2004 erschien sein Buch "William Forsythe - Denken in Bewegung" im Henschel Verlag.

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Mai 2008

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