Versuch über das Unsagbare

Kunst und Religion reichen einander wieder häufiger die Hand. Stimmt das auch für die Tanzkunst? Wie reagieren Choreographen auf das gesellschaftliche Phänomen der neuen Religiosität? Spuren finden sich, wenn man sie sucht, in Titeln, Themen oder im Tanz selbst.
Ein Thema beschäftigt auffällig viele Tanzkünstler: die Identität – sehr aktuell in Zeiten des „flexiblen Menschen“ mit zusammenzubastelnder Biographie im instabil wirkenden Gesellschaftsgefüge vor lauter „Migrationshintergründen“. Wer bin ich? Die Kunst hascht nach den Einzelteilen des Ich, den Beziehungen, Erinnerungen, Verortungen oder Verflüssigungen von Grenzen zwischen privat, öffentlich, echt, virtuell, Körper, Bildschirm. Das ist schon viel, aber ist so ein Mensch vielleicht noch mehr?
Das spirituelle Ich
Wirkt sich die sogenannte neue Religiosität auf die Vorstellung vom Ich aus? Seit einigen Jahren, sagen Soziologen und Theologen, gebe es eine verstärkte Religiosität. Das Phänomen ist schwer zu definieren, Analysen zeigen scheinbar gegensätzliche Entwicklungen auf. Doch es geht nicht nur um das, was Medienberichte groß machen, Spektakel wie den Weltjugendtag in Köln 2005, die Papstwahl, um quasireligiös aufbereitete Events oder Verherrlichungen von Waren oder Weltanschauungen („Gesundheit ist das wichtigste!“). Befragt man Tanzkünstler nach ihrem Verhältnis zu Religion, hört man oft die zeittypische Skepsis gegenüber der Institution Kirche, was mitunter klingt, als sei sie wie ein Mantel, der längst nicht mehr passt. „Als Kind war ich Ministrant, sehr gern sogar“, sagt Marco Goecke, geboren in Wuppertal. „Aber heute habe ich mit Religion nichts mehr zu tun“. An „die vielen Ikonen“ erinnert sich Toula Limnaios aus Griechenland. Wählen sie sich später einen Stoff, der die Seele wärmt, nennen es viele „Spiritualität“ statt Religiosität oder Glauben. Das klingt leichter, weniger vergangenheits- und autoritätsorientiert und weniger abgrenzend. Wird sie auch auf der Bühne sichtbar?

Im Schauspiel lässt sich die Konjunktur von Religion leicht nachweisen. Allerorten werden Die zehn Gebote inszeniert, Aufführungsserien à la Glaubenswerkstätten oder Stücke über Glaubenssucher. Die Worte und Titel sind deutlich genug. Wie auch bei Tanzstücken über biblische Geschichten und Figuren wie Esther, über Engel oder die Passion Jesu. Doch wie sucht Tanz jenseits der eher theatralischen Geschichten nach dem Göttlichen? Die Große Messe von Uwe Scholz schien an der Frage nach dem Sinn des Lebens, auch des Tanzes mit seinen leeren Exercises, zu verzweifeln.
Die verlorene Einheit suchen
Der Tanz ist der Religion ja nicht fern. Im Ursprung war er Kult, Beschwörung, Feier, auch im Christentum bis zum 3. Jahrhundert, bis der sündige Körper in geistige Schranken gewiesen wurde. Helena Waldmann will mit ihrem FeierAbend! Das Gegengift einen Geschmack von der vergessenen Lust geben. Sie sagt, es gehe ihr bei dem Fest, zu dem ihr Gastgeberteam die Besucher auf der Theaterbühne einlädt, um die Vereinigung von Menschen und von Kunstsparten: unification. Vom Einswerden spricht auch der Italiener Morgan Nardi, der wie etliche andere Tänzer Buddhist geworden ist. Seine spirituelle Lebenseinstellung beeinflusse die Art, wie er den gemeinsamen Ort von Darstellern und Publikum gestalte: Räume öffnen. Auch das Ende. Wo im Roman, der ihn zu 1, inspirierte, der Schatten stirbt, vereinigt Nardi die Bühnenfigur mit dem Schatten. Versöhnung, Erlösung? Der Schweizer Martin Schläpfer, der sich selbst in einem Interview als nicht religiös bezeichnete, lässt in seiner Reformationssymphonie einmal einen knienden Mann wortlos ringen mit sich und seinem Gebet, doch am Ende bleibt vom Ballett der Eindruck, welch majestätisch aufrechtes Gebilde der Mensch ist. Ein Wunder?

Es liegt im Auge des Betrachters: ob die eine oder andere Art Spiritualität des Choreographen sich über sein Werk mitteilt oder man sie ihm hineininterpretiert. Die erhobenen Arme der Tänzer, etwa im Vollmond von Pina Bausch, wirken wie Gesten der Sehnsucht, des unermesslichen Wunsches nach Weite, nach Verströmen – oder auch nach einer höheren Macht.
Tanz als Gebet?
In einem Interview verglich die Wuppertalerin die fast endlosen Reihen und Wiederholungen des Tanzes in ihrem Tanzabend II mit dem Rosenkranz. Suna Göncü, Kölnerin türkischer Herkunft, choreographiert in One Körper, die sich in unzähligen Kreisen von einander entfernen. Vom Sufismus geprägt, möchte sie das Rituelle, Vereinende im Tanz ausdrücken. Anders als Helge Letonja, der Verwandlung, Metamorphose ein Prinzip im katholischen Ritus nennt, dem seine choreographischen Ideen ähnelten: Wandlung der Körper, ihrer Zustände, Räume, Zeiten. In Maat ließ er im Abschnitt „Geistiger Körper“ Reis rieseln. Formlos. In life is perfect von Toula Limnaios übers Ertragen von Leid, kriechen nacheinander Leute von unten in einen Mantel hinein. Als seien sie austauschbar in ihrer Hülle. Ich, Nicht-Ich.
Das Unsichtbare
Tanzaufführungen in Kirchen sind keine Seltenheit mehr. Doch nicht alle haben mehr im Sinn eine Art besonderen Ort. Das blaue Fleisch von Dieter Heitkamp im Frankfurter Dom fragte: Was bleibt vom Leben? Die Performance zitierte Yves Kleins „Anthropométries“, Körperabdrücke, und Worte aus Derek Jarmans Film Blue: „Bete, dass du von den Bildern befreit wirst“. Der Tanz mit seiner Flüchtigkeit sei überhaupt das Sinnbild fürs demütige Leben angesichts des Todes, sagt Toula Limnaios. Auch seine Wortlosigkeit entspricht Erfahrungen von Spiritualität jenseits sprachgewaltiger Religionsdogmen. Ob die Bewegungen fließen oder brechen, ob Körper zu Boden gehen oder leicht werden – in kostbaren Momenten ahnt man etwas zu sehen, das nicht da ist. Ist es das?
war zunächst im Bereich Kulturförderung und internationaler Kulturaustausch tätig und arbeitet seit 2005 als freie Journalistin.
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September 2008










