Tanzszene und Trends in Deutschland

Stuttgarter Ballett – Kompanie des Jahres 2011

„Orlando“, Choreografie: Marco Goecke, Tänzer: Friedemann Vogel und Ensemble; Foto: Ulrich BeuttenmüllerDie europäischen Tanzkritiker wählten in der traditionellen Umfrage der Zeitschrift „tanz“ das Stuttgarter Ballett im Jahr seines 50-jährigen Jubiläums zur „Kompanie des Jahres 2011“.

Die Juroren entschieden sich für die vielseitige und international gefragte Stuttgarter Kompanie, „weil es sich… weiterhin als Weltklassekompanie präsentiert“ (Klaus Kieser) und „sich mit Produktionen wie Marco Goeckes Orlando jung hält“ (Andrea Kachelrieß). „Trotz gelegentlicher Ermüdungserscheinungen“ zeige sich die Truppe, meint auch Kritiker Hartmut Regitz, „so jung und kreativ wie zu John Crankos Zeiten“.

„Stuttgarter Ballettwunder“ mit John Cranko

„Onegin“, Choreografie: John Cranko, Tänzer: Alicia Amatriain, Jason Reilly; Foto: Stuttgarter BallettMit dem südafrikanischen Briten John Cranko (1927-1973) begann 1961 das „Stuttgarter Ballettwunder“. Cranko baute eine neoklassische Kompanie von Weltrang auf. Dazu gehörten die zierliche Brasilianerin Marcia Haydée, die elegante Deutsche Birgit Keil, der markige Amerikaner Richard Cragun und der quirlige Däne Egon Madsen. Ohne diese Tänzer hätte er seine drei bis heute weltweit aufgeführten Handlungsballette Romeo und Julia, Onegin und Der Widerspenstigen Zähmung in ihrer dramaturgischen Klarheit und technischen Qualität mit traumhaft schönen Pas de deux wohl kaum kreieren können. Cranko führte die regelmäßigen Programme der Noverre-Gesellschaft mit Uraufführungen neuer Stücke von Tänzern aus den eigenen Reihen ein. So ermutigte er unter anderem die späteren hochangesehenen Ballettdirektoren John Neumeier (Hamburg Ballett), Jiři Kylián (Nederlands Dans Theater) und William Forsythe (Frankfurter Ballett / Forsythe Company) zu ersten Choreografien. Die Rekrutierung von Nachwuchs für die Kompanie hatte er mit der Gründung der ersten deutschen Ballett-Schule mit Internat im Auge. Jäh endete die Glanzzeit: Auf dem Rückflug von einem gefeierten Gastspiel in New York starb der erst 46-jährige Cranko.

Nach einem kurzen Intermezzo unter dem damaligen Hauschoreografen Glen Tetley übernahm Marcia Haydée 1976 die Direktion. Sie führte die Kompanie zwanzig Jahre lang, verjüngte sie, erweiterte das Repertoire und lud Gäste mit ganz anderen Handschriften als der Crankos ein, etwa Hans van Manen und Maurice Béjart. Mit sicherem Blick entdeckte und förderte sie choreografische Talente wie Uwe Scholz, bis zu seinem frühen Tod 2004 Ballettdirektor in Zürich und Leipzig, oder Daniela Kurz, Ballettdirektorin in Nürnberg von 1998-2008. Auf Haydée folgte ein weiterer ehemaliger Cranko-Tänzer, der Kanadier Reid Anderson. So blieb alles weiter in der „Familie“.

Familienbetrieb und Global Player

„Kameliendame“, Choreografie: John Neumeier, Tänzer: Sue Jin Kang, Marijn Rademaker; Foto: Stuttgarter Ballett50 Jahre nach Crankos Ankunft in Stuttgart hat sich der „Familienbetrieb“ mit dem Ensemble von 66 Tänzern aus 23 Ländern, der Noverre-Gesellschaft zur Förderung des choreografischen Nachwuchses und der John-Cranko-Schule zum veritablen Global Player gemausert. Intendant Reid Anderson studiert regelmäßig in Ländern auf allen Kontinenten Crankos Ballette ein. Die deutsch-griechische Choreologin Georgette Tsinguirides, ebenfalls Cranko-Tänzerin der ersten Stunde, assistiert ihm dabei. Die Kompanie reist 2012 nach Japan und Korea.

Wohl ein Dutzend ehemalige Tänzer avancierten in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz, Dänemark und Chile zu Ballettdirektoren. Ein wahres Ballett-Imperium baute John Neumeier in Hamburg auf. Birgit Keil profiliert sich mit enormer Energie als Direktorin der Mannheimer Akademie des Tanzes und des Balletts am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Die derzeitigen Stuttgarter Hauschoreografen Christian Spuck und Marco Goecke verfolgen internationale Karrieren.

„Leonce und Lena“, Choreografie: Christian Spuck, Tänzer: Ensemble; Foto: Stuttgarter BallettDer 42-jährige Spuck tritt 2012 die Nachfolge von Heinz Spoerli beim Zürcher Ballett an. Er ist dort der zweite Stuttgarter nach Uwe Scholz. Wie Cranko und Neumeier erzählt er facettenreiche Geschichten mit Tanz und choreografiert hinreißende Pas de Deux, zum Beispiel in Leonce und Lena, Poppea // Poppea und dem Duett Don Q. für Egon Madsen und Eric Gauthier. Am 10. Februar 2012 erlebt sein Ballett Das Fräulein von S. nach E.T.A. Hoffmann seine Uraufführung. Vier Monate später verabschiedet das Stuttgarter Ballett Spuck mit einer Gala.

„Äffi“, Choreografie: Marco Goecke, Tänzer: Marijn Rademaker; Foto: Stuttgarter BallettMarco Goecke, Jahrgang 1972, gehört zu den „zugereisten“ Künstlern. In München und Den Haag ausgebildet, tanzte der gebürtige Wuppertaler zunächst in Berlin und Hagen. Nach ersten Choreografien in Hagen, Holland und Stuttgart auf Einladung der Noverre-Gesellschaft wurde er, knapp 30 Jahre alt, fast gleichzeitig zum Hauschoreografen des Scapino Balletts in Rotterdam und des Stuttgarter Balletts ernannt. Goeckes jüngster, sensationeller Erfolg in Stuttgart ist Orlando nach Virginia Woolfs Roman. Sogar ein „Enfant terrible“ konnte in den so deutlich von der Neoklassik des 20. Jahrhunderts geprägten Reihen der Stuttgarter Ballerinos heranwachsen, der Kanadier Eric Gauthier. 2001 gründete der Tänzer eine Band. 2007 etablierte er Stuttgarts erstes festes Ensemble für zeitgenössischen Tanz im Theaterhaus. Dort präsentierte er kürzlich eine Tanzperformance mit 3D-Videopassagen. Das Gauthier Dance Mobil gastiert mit Stücken der ganz großen zeitgenössischen Choreografen in Krankenhäusern, Alten- und Jugendheimen.

Die dritte Generation

Mit Tänzern wie dem erst 19-jährigen Daniel Camargo und dem 25-jährigen Demis Volpi, der jüngsten choreografischen Entdeckung, geht das Stuttgarter Ballett in die dritte Generation. Wenn der heute 62-jährige Reid Anderson ausscheidet, geht die Ära Cranko endgültig zu Ende. Bleibt zu hoffen, dass die dann Nachrückenden den Mut haben, die Türen des altehrwürdigen Hauses im Schlosspark wenigstens einen Spaltbreit für ein breiteres Spektrum zeitgenössischen Tanzes zu öffnen.

Marieluise Jeitschko
Journalistin und Theaterwissenschaftlerin, arbeitet als freie Autorin, Tanz- und Musiktheaterkritikerin

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November 2011

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