Tanzszene und Trends in Deutschland

Körperinszenierungen zwischen Bild und Blick

Copyright: www.colourbox.com Wenn es darum ging, unsere Sinne zu schärfen, war der Tanz in den vergangenen Jahrzehnten die Kunstform schlechthin.

Der Körper war sein seismographisches Instrument, mit dem sich unsere veränderten Befindlichkeiten in einer sich wandelnden Gesellschaft viel genauer aufspüren und eindringlicher artikulieren ließen als im zwischenmenschlichen Dialog des Theaters. Es gehört wahrscheinlich zur Erfolgsgeschichte des Tanztheaters in den 1980er und 1990er Jahren, dass seine assoziative Dramaturgie, seine emotionale Bildkraft und körperliche Intensität mittlerweile in die anderen Kunstformen wie das Sprechtheater zurückgeflossen sind.

Veränderter Blick auf den Körper

Einflüsse kommen wie bei Cristina Ciupke oder dem Duo Wilhelm Groener verstärkt von der bildenden Kunst, die mit ihrem abstrakteren Blick auf den Körper wie bei dem in Berlin lebenden Choreographen Xavier Le Roy den Zuschauern eine andere, verfremdete Wahrnehmung ermöglichen möchte. Im Zuge der Entwicklung der neuen digitalen Medien hat sich unser Blick auf den Körper verändert. Die Vorstellung eines authentischen Körpers wie er von der Ausdruckstänzerin Mary Wigman bis hin zu Pina Bauschs Tanztheater die spezifisch deutsche Entwicklung des Tanzes im 20. Jahrhundert bestimmt hat, ist vor diesem Hintergrund fragwürdig geworden. Stattdessen rückt die Arbeit am Körperbild in den Vordergrund - eine Arbeit, die auf das Verschwinden des Körpers in den medialen Bildwelten mit dessen Schwere und Unverrückbarkeit antwortet. Die neuen Körper sind schwer zu bewegen, was den Tanz als Bewegungskunst immer wieder an die Grenze seiner Ausdrucksmittel und in die Arme der anderen Künste treibt. Was den Tanz in dieser veränderten Situation auszeichnet, ist die Konzentration auf Körper, Sprache, Bewegung und Bild jenseits psychosozialer Motivationen. Er produziert Emotionen, ohne auf die etablierten historischen Muster von Ausdruck zurückgreifen zu müssen, um beim Publikum Erfolg zu haben.

Internationale Tanzszene in Deutschland

Durch die Etablierung internationaler Ko-Produzenten-Netzwerke ist Deutschland mittlerweile zum beliebten Standort für internationale Tänzer und Choreographen geworden. Produktionszentren wie das Choreographische Zentrum PACT Zollverein in Essen, das Tanzhaus NRW in Düsseldorf, die Kampnagel Fabrik in Hamburg, das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt, die Tanzwerkstatt Europa in München und das Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin bieten mit ihrer hervorragenden Infrastruktur ausländischen Künstlern immer wieder Residenzen zur Entwicklung neuer Stücke an oder laden sie ein, ihre Produktionen im regulären Programm zu zeigen. Internationale Festivals wie Dance in München, Tanz Bremen, Tanztheater International in Hannover und Tanz im August in Berlin haben sich etabliert und tun ein Übriges, dass sich die internationale Szene in Deutschland präsentieren kann.

Viele von Stadt oder Staat finanzierten Ensembles, die nach wie vor Kontinuität in der Arbeit ermöglichen und deshalb auch für ausländische Künstler wie etwa den Amerikaner Kevin O'Day in Mannheim interessant sind, haben ästhetische Impulse aus der freien Szene aufgenommen. So mischt die Irin Marguerite Donlon mit ihrem Mix aus Klassik und zeitgenössischen Stilen Saarbrücken auf, während Gregor Zöllig in Osnabrück Aufbauarbeit geleistet hat, die er nun in Bielefeld fortsetzen wird. Das Berlin Ballett hat sich unter Vladimir Malakhov konsolidiert und feiert mit klassischem Tanz große Erfolge. Die Mainzer sind immer noch zu Recht stolz auf ihr Ballett, das sich unter der Leitung von Martin Schläpfer zu einer der führenden Ballettkompanien des Landes entwickelt hat.

William Forsythe stellt mit seiner neuen "The Forsythe Company" in Three Atmospheric Studies sein Gespür für atmosphärische Störungen in unserer von Naturkatastrophen und weltweitem Terrorismus geprägten Zeit eindringlich unter Beweis. Sasha Waltz hinterfragt wie ihre Berliner Kollegin Constanza Macras die Gültigkeit gängiger durch die Medien vermittelnder Körperbilder, um durch die Bilderfluten hindurch einen Rest von sinnlicher, verletzlicher und verwundbarer Menschlichkeit erfahrbar zu machen. Die Amerikanerin Meg Stuart schließt sich mit ihrer Kompanie "Damaged Goods" der Berliner Volksbühne an, wo sie weiter am Problem der Auflösung von privatem und öffentlichem Raum arbeiten wird.

Abstrakte Bewegungen in kleinen Geschichten

Ästhetisch liegt vielen Stücken der vergangenen Spielzeiten der Versuch zugrunde, abstrakte Bewegungen durch kleine Geschichten immer wieder neu und anders wahrnehmbar und verstehbar zu machen. Die Suche nach anderen Bewegungsansätzen, die wie bei Meg Stuart oder Antje Pfundtner zu versehrten Körperbildern führt, geht einher mit einer neuen Lust am Geschichtenerzählen. Der "dysfunktionale" Körper hinterfragt die normativen Körperbilder des klassischen wie die des modernen Tanzes, um durch die Störung herkömmlicher und festgefügter Wahrnehmungsweisen dem Körper eine gesteigerte Sinnlichkeit zu entlocken. Martin Nachbar erfindet in Verdeckte Ermittlung eine kleine Detektivgeschichte, um der Flüchtigkeit der Bewegung auf die Spur zu kommen. Das alte Thema der Paarbeziehung wird bei dem Hamburger Jan Pusch unter Zuhilfenahme von Videobildern durch verschiedene Medienformate gejagt, zu denen auch der Tanz gehört. Das Verhältnis der Geschlechter zueinander erscheint als ein medial inszeniertes und keineswegs mehr als ein aus einem authentischen Gefühl entsprungenes.

Wie der Körper durch den Blick der Zuschauer zum Bild gerinnt, kann man in den Arbeiten von Stephanie Thiersch ebenso beobachten wie bei Eszter Salamon, die in Reproduction mit den Merkmalen der Geschlechteridentitäten spielt. Der Tanz versetzt unseren Blick auf das, was wir für die Wirklichkeit halten, immer noch in Bewegung.

Gerald Siegmund
Tanztheaterkritiker und Dozent am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft, Universität Gießen

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August 2005

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