Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen

Foto: Andreas Vierecke

Computerunterstützte Schreibassistenz kann Leben retten!

Die Digitalisierung gehört zu den prägenden Signaturen unserer Zeit. Doch bei der Entwicklung professionell einsetzbarer computergestützter Schreib- und Redigierassistenten für komplexere Aufgaben ist noch viel Forschung nötig. Unterstützen können solche Systeme den Nutzer vor allem dabei, das Schreiben lesbarer und verständlicher Texte zu lernen. Ganz besonderen Bedarf haben Textarbeiter in Behörden.

Foto: Andreas Vierecke

Während wir unsere Texte schon lange digital erfassen und uns dabei auch von mal mehr, mal weniger guten Korrektur- und Silbentrennungsprogrammen unterstützen lassen, sind Assistenzsysteme für komplexere Arbeiten am Text bisher nur wenig verbreitet. Dort, wo einzelne Funktionen in gängige Textverarbeitungsprogramme integriert sind, bleiben viele Wünsche offen. Das liegt auch an der Komplexität der Aufgaben, die beim Schreiben eines guten Textes zu bewältigen sind. Diese intelligent zu standardisieren ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Immerhin: Experten der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) setzen bei der Sprachberatung für Behörden bereits eine weniger komplexe Software ein und machen damit gute Erfahrungen. So manche Verzweiflungstat nach der Lektüre eines behördlichen Bescheids ist dadurch vermutlich schon verhindert worden.

Interdisziplinärer Diskurs

Um sich zunächst gemeinsam einen Überblick über die tatsächlichen Assistenzbedarfe bei der täglichen Textarbeit und über die realistischen Möglichkeiten zu verschaffen und hierfür technisch und inhaltlich passgenaue Lösungen zu entwickeln, haben sich Text- und Computerlinguisten, Pädagogen und Schreibdidaktiker, Germanisten, Sprachberater und Lektoren im Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt einen Tag lang ausgetauscht.

Eingeladen zum von dem Philosophen und ehemaligen Verlagslektor Andreas Gelhard moderierten Workshop hatte die Informatikerin Iryna Gurevych, die in ihrem kurzen Begrüßungsstatement allzu große Erwartungen gleich dämpfte. Dieser Tag solle nur einer ersten Orientierung dienen, könne im Ergebnis aber hoffentlich helfen, einen dauerhaften interdisziplinären Diskurs zwischen Bildungsforschung, Sprachdidaktik und Informatik zu etablieren, in den Praktiker und Forscher aus verschiedenen Fachdisziplinen eingebunden werden sollten. Dass ein solcher Dialog dringend nötig ist, damit Computerlinguisten und Informatiker nicht völlig an den Bedürfnissen von Autoren, Redakteuren, Lektoren und anderen möglichen Zielgruppen vorbeientwickeln, war am Ende des Tages immerhin schon einmal eine Gewissheit, die man mit nach Hause nehmen konnte.

Schreiben und Argumentieren

Christian M. Meyer; Foto: Andreas ViereckeOb man sich als Autor in Zukunft aber tatsächlich beim Schreiben, Textkürzen oder gar beim Argumentieren von Algorithmen unter die Arme greifen lassen wollen wird, muss einstweilen offen bleiben. Immerhin zeigten die Referate von Christian M. Meyer und Christian Stab, dass diese Vorstellung gar nicht so abwegig ist, wie man als in die eigene Textkunst verliebter Autor am Tag zuvor noch geglaubt haben mochte. Meyer zeigte beispielhaft, wie Schreibassistenten bestimmte Phasen des Schreibprozesses gezielt unterstützen können, zum Beispiel dadurch, dass sie den Autor „zwingen“, sich von Beginn an Klarheit über die Struktur des zu verfertigenden Textes und die Abfolge der einzelnen Arbeitsschritte zu verschaffen und diese nacheinander abzuarbeiten.

Schreibassistenten können sowohl beim Planen, beim Formulieren und nicht zuletzt auch bei der abschließenden Überarbeitung hilfreich sein und ein erstes Feedback über die Qualität des Textes geben. Sind die Sätze hier und da vielleicht zu lang? Gibt es auffällig viele Wortwiederholungen oder Fehler in der Syntax? Entspricht der Text dem sprachlichen Zielniveau? Diese und ähnliche Fragen beantworten intelligente Schreibassistenzsysteme schon heute recht brauchbar. Zwar überwog nach der Präsentation von Christian Stab noch die Skepsis, ob man sich wirklich auch beim Argumentieren von der Maschine unterstützen lassen wolle. Aber immerhin: Auch dies ist prinzipiell möglich. So lassen sich die Argumentationstypen in einem Text klassifizieren und die Struktur einer Argumentation visualisieren. Feedback-Funktionen ermöglichen es dem Autor außerdem, Brüche in der Beweisführung zu identifizieren und zu korrigieren. Vor allem für Schreiblernende wie Schüler und Studierende in den ersten Semestern kann das System grundlegende Vorschläge liefern und ein hilfreiches Instrument sein. Dies könnten, wie später der Computerlinguist Dietmar Meurers darlegte, auch automatische Analysetools sein, die die Lesbarkeit eines Textes untersuchen und gezielt den Weg zu seiner Vereinfachung weisen.

In der Diskussion gab Regine Gamm von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft zu bedenken, dass solche Tools unter Umständen zu einer stilistischen Angleichung führen könnten. „Wir sind dagegen eigentlich immer ganz froh, wenn ein Autor seinen erkennbar eigenen Stil hat und greifen deshalb beim Lektorat auch nur dort ein, wo es wirklich nötig ist.“ Das Buch solle schließlich die Handschrift des Autors tragen, nicht die des Lektors oder am Ende sogar eines intelligenten Schreibassistenten. Weniger Zweifel bestanden hinsichtlich des Einsatzes von technischen Lösungen zur computerunterstützten „Linkification“, das heißt der automatisierten Ergänzung von Links und Leseempfehlungen in Nachrichtenartikeln, über die Nils Reimers berichtete.

Linguistische Redigierhilfen

Cerstin Mahlow; Foto: Andreas ViereckeDass durchaus ein steigender Bedarf an technischen Werkzeugen zur Unterstützung von Autoren bestehe, konstatierten Cerstin Mahlow vom Institut für Maschinelle Sprachverarbeitung an der Universität Stuttgart und Michael Piotrowski, Leiter der Forschungsgruppe Digital Humanities am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz. Mahlow zeigte, wie im Zusammenspiel von Computerlinguistik und Schreibforschung die Grundlagen für eine „sprachbewusste Textverarbeitung“ gelegt werden. Piotrowski erläuterte, wie eine solche dann auszusehen habe und welche linguistischen Redigierfunktionen in ein Programm integriert werden müssen. Dabei gehe es nicht darum, den Autor zu bevormunden, sondern ihm zu helfen, Fehler zu vermeiden.

In der Diskussion waren sich Referenten und Auditorium darin einig, dass professionelle Autoren sich meist viel zu wenig Gedanken über ihre Werkzeuge machten. Man schreibe mit Microsoft Word, weil alle Welt damit schreibt. Doch weder beherrschten die meisten Autoren dieses in Teilen durchaus machtvolle Werkzeug, noch zögen sie Alternativen in Betracht – trotz unübersehbarer, für die eigene Arbeit relevanter Schwächen; ganz gravierende etwa in der für Redigierarbeiten häufig genutzten Überarbeitungs- und Kommentarfunktion. Diese, wurde eingewandt, provoziere vielfach völlig unnötige Bearbeitungsfehler.

Dass computergestützte Redigierhilfen im Detail gar nicht so einfach zu entwickeln sind, machte der Vortrag des Computerlinguisten Detmar Meuler deutlich. Traditionelle Lesbarkeitsformeln etwa, die die Häufigkeit von Fremdwörtern, die Länge der Sätze etc. zur Bewertungsgrundlage haben, seien als Basis wenig tauglich. Sie basierten auf viel zu groben Grundannahmen und lieferten lediglich quantitative Maßstäbe, aber keine brauchbare Charakterisierung für einen guten oder wenigstens verständlichen Text. Vielversprechend sei es hingegen, Ergebnisse der Zweitspracherwerbsforschung näher zu betrachten, deren Komplexitätsmaße zur Analyse der Sprachentwicklung auch für Redigiersysteme in operationalisierbare Funktionen übersetzt werden könnten.

Das Werkstück Text im Lektoratsalltag

Nach all den technischen Ein- und Ausblicken sehr erfrischend war dann die Diskussion über die praktische Alltagsarbeit am Text im Verlagslektorat. Die erfolge, wie Eva Gilmer (Suhrkamp) und Regine Gamm (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) übereinstimmend berichteten, immer noch – und vermutlich auch in Zukunft – weitgehend auf Papier. Lediglich für immer wiederkehrende Standardkorrekturen hat sich Eva Gilmer mittlerweile ein Makro schreiben lassen, mit dem sie Standardfehler automatisch korrigieren ließe, bevor sie das Manuskript ausdrucke und sich dann an die eigentliche Arbeit mache. Dass diese Arbeit im Suhrkamp-Lektorat recht intensiv ist, dokumentierte das an die Wand geworfene Faksimile einer von Gilmer lektorierten Manuskriptseite. Man mag sich nicht vorstellen, wie das gleiche Dokument aussehen würde, wenn die Korrekturen und Anmerkungen mit der Überarbeitungsfunktion von Microsoft Word vorgenommen worden wären ...

Die Zuhörer waren jedenfalls begeistert, ob der Mühe, die man sich bei Suhrkamp mit den Texten offenbar immer noch macht. Gleich mehrere Teilnehmer berichteten von ihren völlig anderen Erfahrungen mit dem „Lektorat“ bei – auch großen – Wissenschaftsverlagen. Der Autor erhielte hier in aller Regel keinerlei Unterstützung mehr. Hingegen müsste er am Ende auch noch die fertige Druckvorlage liefern. Trotzdem seien die Bücher dann meist überteuert – mit den entsprechenden Folgen für die Auflage.

Dass eine so weitgehende Arbeit am Text, wie bei der von Gilmer bearbeiteten Beispielseite, den betroffenen Autor erstmal irritieren müsse, vermutete ein Teilnehmer. „Manche müssen sich sicher erst daran gewöhnen“, kommentierte ein anderer, der bei einem Co-Autor erlebt hat, dass der nach dem ersten Rücklauf aus dem Lektorat aus dem gemeinsamen Buchprojekt schon aussteigen wollte. „Doch am Ende wollte gerade dieser Autor in Zukunft nicht mehr darauf verzichten. Am Ende war ein Buch entstanden, dass ohne die Arbeit des Lektors mit Sicherheit nicht annähernd so überzeugend gelungen wäre.“

Schreiben lernen – Arbeit am Behördentext

Lutz Kuntzsch; Foto: Andreas ViereckeGute Dienste indes können Schreibassistenten in didaktischer Hinsicht beim Schreibenlernen leisten. Von ihren guten Erfahrungen mit Mitschülern als „Schreibberatern“ berichtete anschaulich die Lehrerin Alexandra Phan. Thomas Bartz referierte über Kategorien für eine computergestützte Textoptimierung und Angelika Storrer zeigte an einer Reihe frei im Internet verfügbarer Beispiele, wie Schreiblerner die Möglichkeiten digitaler Wörterbücher nutzen können. Wie schwierig linguistische Grundlagenarbeit sein kann, warum man aber trotzdem nicht aufgeben sollte, machte Anke Lüdeling anhand von Korpusanalysen aus ihrer Werkstatt deutlich.

Einen in der Sache sehr ernsten und doch auch sehr erheiternden Vortrag hatten sich die Veranstalter für den Schluss des Workshops aufgehoben. Mit Lutz Kuntzsch sprach nun ein Mann der praktischen Basisarbeit. Waren die Diskussionen zuvor recht akademisch, so machte der Sprachberater der Gesellschaft für deutsche Sprache den Teilnehmern mit nur ganz wenigen Beispielen klar, wie geradezu lebensrettend computerbasierte Schreib- und Redigierassistenten im Einzelfall sein könnten.

Die GfdS, die mit einem eigenen Redaktionsstab beim Deutschen Bundestag auch bei der Abfassung von Gesetzestexten Hilfestellung leistet, berät Kommunen bei der alltäglichen Textproduktion. Von abertausenden Autoren in den Amtsstuben landauf landab berichtete Kuntzsch, die ohne redaktionelle Unterstützung die Adressaten ihrer behördlichen Schreiben und Bescheide unbeabsichtigt leicht einmal in Verzweiflung und Schlimmeres stürzen könnten.

Die GfdS-Berater nutzen für ihre Dienstleistung unterstützend eine Software und haben damit gute Erfahrungen gemacht. Auf diesem Niveau können die gröbsten Fehler auch maschinell schnell identifiziert und dem Autor zur Überarbeitung entsprechend markiert wieder vorgelegt werden. Angesichts der schieren Masse könne stilistische Perfektion dabei kein Ziel sein. Erreicht werden solle lediglich, dass die Schreiben überhaupt verständlich seien. Die Frage, ob wir computerbasierte Redigiersysteme wirklich so dringend brauchen, wo ihre Entwicklung doch so komplex ist, war für die Anwesenden da schnell entschieden. Die Techniker unter ihnen sollten sich baldmöglichst der Anforderungen annehmen, die Kuntzsch an zukünftige Werkzeuge für seine Arbeit im Gepäck hatte. Das wäre unter anderem die Möglichkeit, Textfassungen schnell und übersichtlich miteinander zu vergleichen und statistisch auszuwerten, wie weit die von der Sprachberatung vorgeschlagenen Änderungen übernommen wurden oder an welchen Stellen aufgrund der Hinweise etwas geändert wurde. Diesen und weiteren von Kuntzsch vorgetragenen Wünschen sollte man sich baldmöglichst annehmen. Die Sprachberatung der GfdS hat jede Unterstützung verdient. Zu Ende gedacht, kann sie Leben retten!





Andreas Vierecke, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

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