Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


„Deutsch als Fremdsprache“: Kontinuität und Wandel einer Zeitschrift und ihres Fachs


Die Zeitschrift „Deutsch als Fremdsprache“ feiert ihren 50. Geburtstag in Leipzig und diskutiert mit ihren Gästen die Zukunft des Fachs, dem sie einst den Namen gab.

Foto: Lorena Onken und Anna Iliash. © Herder-Institut

Seit dem Erscheinen ihrer ersten Ausgabe 1964 trägt die akademische Disziplin, der sie gewidmet ist, ihren Namen. Und niemand, der „Deutsch als Fremdsprache“ (kurz: „DaF“) irgendwo in der Welt studiert oder lehrt, kommt seither an ihr vorbei.

Dass man sich als das führende wissenschaftliche Organ einer Disziplin fest etabliert und über fünf Jahrzehnte gehalten hat, wäre für jede Redaktion einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift zum Feiern Grund genug. Doch bei der Zeitschrift „Deutsch als Fremdsprache“ des Herder-Instituts an der Universität Leipzig kommt Weiteres hinzu: Sie steht für eine Kontinuität über einen gesellschaftlichen Epochenwechsel hinweg. Schon zu DDR-Zeiten hatte sie sich weit über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Und dies nicht nur im damals „sozialistischen Ausland“, sondern bemerkenswerterweise auch über die „Blockgrenzen“ des Kalten Krieges zwischen Ost und West hinweg.

Beinahe alles hat sich in den fünf Jahrzehnten des Bestehens der Zeitschrift grundlegend gewandelt. Das gilt für die gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen ebenso wie für die wissenschaftlichen. Vor allem letztere waren das Thema, über das sich die vom Herder-Institut und dem ebenfalls am Herder-Institut beheimateten Verein interDaF eingeladenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in zwei Podiumsgesprächen am 7. November 2014 im Vortragssaal der Bibliotheca Albertina der Universität Leipzig mit zahlreichen Gästen ausführlich austauschten, um den Standort ihres Fachs zu bestimmen und über seine Zukunftsperspektiven zu beraten.

Von „DaF“ zu „DaZ“

Nach der Einführung durch Gastgeber Christian Fandrych machte die aus Bielefeld angereiste Claudia Riemer den Auftakt . Sie rief die Folgen der im letzten Jahrzehnt erfolgten Umstellung des akademischen Lehrbetriebs auf das Bachelor/Master-System in Folge der Bologna-Reform in Erinnerung, die gerade für ein vergleichsweise kleines Fach wie „Deutsch als Fremdsprache“ enorme Anstrengungen erfordert hat.

Mit den wenigen zur Verfügung stehenden Professuren sei es sehr schwierig, einerseits auf der Bachelorebene ein grundständiges DaF-Studium und andererseits ein darauf aufbauendes, auch für eine weitere wissenschaftliche Karriere qualifizierendes Master-Programm anzubieten, das zudem für Bachelor-Absolventen auch von anderen Universitäten zugängig sein solle. Denn die Studiengänge an den verschiedenen Hochschulen ließen sich nicht ohne weiteres miteinander vergleichen. Zudem seien die Kenntnisse, die die Studierenden mitbrächten, nicht erst auf der Masterebene sehr unterschiedlich. Dies mache es schwierig, allen Studierenden gleichermaßen gerecht zu werden.

Durch die Entwicklung Deutschlands zu einem Einwanderungsland werde das Fach gleichzeitig mit neuen Aufgaben konfrontiert – auch und gerade im Hinblick auf die Lehrerbildung. Im Bereich der Forschungsförderung und Drittmitteleinwerbung sei bei unveränderten Ressourcen zudem eine Konkurrenz von „Deutsch als Fremdsprache“ und „Deutsch als Zweitsprache“ unvermeidlich. Als Ausweg mahnte Riemer deshalb an, in Zukunft das Augenmerk verstärkt auf den Ausbau von universitätsübergreifenden Kooperationen zu legen – sowohl in der Forschung als auch bei der Betreuung von Doktoranden. „Was wir brauchen“, so Riemers Fazit, „sind mehr Verbundforschungsprojekte“.

Konkurrenz und Kooperation

Foto: Lorena Onken und Anna Iliash. © Herder-Institut

Die Konkurrenzsituation im Verhältnis DaF/DaZ thematisierte auch Nicole Marx von der Universität Bremen, wobei sie die Trennung zwischen der „Auslands-“ (DaF) und der „Migrationslinie“ (DaZ) aus fachlicher Sicht für grundsätzlich problematisch hielt. Zudem habe die Ausschreibungs- und Förderungspraxis dazu geführt, dass „auch wo DaF draufsteht, mittlerweile oft DaZ drin“ sei. Daran, dass diese Entwicklung zugleich auch neue Chancen für das Fach böte, hatte Marx ihre Zweifel und regte an, sich in dieser Frage gemeinsam zu positionieren, um der Disziplin insgesamt die notwendige Kontinuität zu sichern.

Das waren Probleme, mit denen sich Maria Thurmair von der Universität Regensburg nicht unbedingt beschäftigen wollte. „Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass ich hier auf dem Podium ganz am Rand sitze. In Regensburg jedenfalls ist die Situation eine andere. Zur Diskussion um die Dichotomie von ‚DaF‘ und ‚DaZ‘ kann ich nicht viel beitragen. Ich vertrete hier DaF – und das aus einer linguistischen Perspektive.“

Tatsächlich plagten Thurmair dann auch ganz andere Sorgen. Vor allem die, dass die Studierenden mit immer weniger Strukturkenntnissen an die Universität kämen. Das betreffe vor allem die Grammatik – aber leider eben viel zu oft sogar die Orthografie. Das könne man beklagen, ja müsse es wohl auch. Vor allem aber müsse dies Niederschlag in der Lehre finden. Zudem stehe das Fach vor weiteren inhaltlichen Herausforderungen, um die man sich kümmern müsse, etwa um die Themen Wissenschaftssprache, Fachsprachen oder Mehrsprachigkeit. Auch müsse man sich die Frage stellen, welche Art von Deutschkursen man konzipieren und anbieten müsse, wenn immer mehr englischsprachige Studiengänge angeboten würden und Studierende aus dem Ausland ihr Studium an deutschen Universitäten in vielen Fächern auch ganz ohne Deutschkenntnisse aufnehmen könnten.

Sorgen um den Nachwuchs

Handfest waren im Anschluss auch die Sorgen, die sich Claus Altmayer vom Herder-Institut in seinem Impuslvortrag machte. Zwar gehörten die Debatten, die man um die Jahrtausendwende zum Teil noch habe führen müssen (ob nämlich zum Beispiel „Deutsch als Fremdsprache“ wirklich eine eigenständige akademische Disziplin sei), heute zum Glück der Vergangenheit an, weil sich längst ein Generationswechsel vollzogen habe, der solche Fragen habe obsolet werden lassen. Sorgen allerdings müsse man sich um die nächste Generation machen.

Aus seiner Sicht gebe es derzeit zu wenig Promovenden. Nachwuchsförderung täte deshalb dringend not. Womit Altmayer auf die eingangs schon von Claudia Riemer geforderten Forschungsverbünde zu sprechen kam. In diesem Zusammenhang – auch mit Blick auf die dringend nötige Akquise von Drittmitteln – solle man sehr wohl auch einmal über den eigenen Tellerrand hinwegschauen und das Verhältnis zu den „Bezugswissenschaften“ (Stichwort: Kulturwissenschaft) neu justieren.

Mangelnder Praxisbezug der Sprachlehrausbildung

Foto: Lorena Onken und Anna Iliash. © Herder-Institut

Nach dem Vortrag von Claus Altmayer stellte Karen Schramm den Podiumsteilnehmern und dem Publikum die Frage, wie man die Situation des Fachs in der Summe bewerte. Die Antworten fielen deutlich zweigeteilt aus: Zwar könne man mit dem Zustand des Fachs als Disziplin insgesamt wohl tatsächlich zufrieden sein, so der Tenor, aber, gab dezidiert Claudia Riemer zu Protokoll, „nicht zufrieden sein können wir mit dem, was mit unseren Absolventen geschieht“. Die Arbeitsangebote, die den gut ausgebildeten und qualifizierten jungen Leuten nach erfolgreichem Studienabschluss unterbreitet würden, seien zu einem guten Teil schlicht unverschämt.

Ob dies nicht vielleicht auch damit zusammenhänge, wurde aus dem Publikum eingeworfen, dass die Absolventen auf die Praxis als Lehrkraft während des Studiums zu wenig vorbereitet würden, weshalb sie wesentliche Fertigkeiten des Unterrichtens gleichsam erst durch „learning by doing“ nach dem Studium erwerben müssten. Dem pflichtete eine Absolventin des Herder-Instituts bei, die monierte, dass die Studierenden zu einseitig für eine akademische Karriere an der Universität ausgebildet würden – wo es dann aber nur für die allerwenigsten tatsächlich eine Perspektive gebe. Die didaktische Ausbildung für die Arbeit als Lehrerin oder Lehrer käme dagegen viel zu kurz.

Hierauf gab Christian Fandrych zu bedenken, das Bachelor- und Masterstudium sei nun einmal mit dem Staatsexamen nicht zu vergleichen, in dessen Anschluss die angehenden Lehrerinnen und Lehrer ein Referendariat durchliefen. Ein solches könnten die Universitäten im Rahmen des BA/MA-Studiums nicht bieten – so bedauerlich dies auch sein möge. Hier sei man auf die Angebote von Praktikumsinstitutionen wie dem Goethe-Institut, dem DAAD, Sprachenzentren oder auch ausländischen Hochschulen angewiesen, denen man für ihre steten Bemühungen dankbar sein müsse, die sie auf diesem Feld leisteten, und mit denen man sehr erfolgreich kooperiere.

Internationale Vernetzung und Kooperation

Auch durch das zweite, der internationalen Perspektive gewidmeten Podiumsgespräch zogen sich die Vokabeln „Kooperation“ und „Vernetzung“ wie ein roter Faden. Als sehr erfolgreich beschrieb Wiltrud Kern vom Auswärtigen Amt die Zusammenarbeit ihres Hauses mit dem Goethe-Institut und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Deren Initiativen trügen dem steigenden Interesse und der sich verändernden Motivation der Deutschlernenden Rechnung und würden immer öfter miteinander verzahnt. Die Schulpartnerschaftsinitiative des Goethe-Instituts (PASCH) und die DAAD-Stipendien für Partnerschulen seien hierfür nur ein Beispiel. Die sehr gute Zusammenarbeit ihres Hauses mit dem Goethe-Institut unterstrich auch Gisela Schneider vom DAAD, die in der Folge das breitgefächerte Angebot zur Deutschförderung des DAAD und die PASCH-Kooperation zwischen DAAD und Goethe-Institut als beispielhaft lobte.

Schattendasein der Didaktik

Bevor die Stimmung gar zu gut wurde, lenkte Uwe Koreik, der Deutsch als Fremd- und Zweitsprache sowohl an der Universität Bielefeld als auch an der ersten deutsch-türkischen Universität in Istanbul lehrt, die Aufmerksamkeit noch einmal auf die Defizite. Solche sieht er insbesondere in der Fachsprachenausbildung. Hier bestehe sowohl großer Mangel an DaF-Lehrern als auch erhöhter Forschungsbedarf.

Gar nichts Gutes zu berichten wusste Martine Dalmas von der Sorbonne in Paris. In Frankreich nämlich gibt es nach ihrem Dafürhalten nicht nur mit Blick auf die Germanistik (von der Deutsch als Fremdsprache in Frankreich ein integraler Bestandteil sei), sondern ganz generell für alle Philologien viele Mängel zu beklagen. So würde die Grammatik ebenso vernachlässigt wie die Didaktik, die an den französischen Universitäten ganz grundsätzlich ein Schattendasein friste. Didaktische Forschung finde praktisch nicht statt. Zwar gebe es Kooperationen zwischen deutschen und französischen Universitäten, allerdings im Wesentlichen im Rahmen von Programmen für Studierende, nicht aber auf der Ebene von Forschern und Lehrenden.

„Deutsch lehren lernen“

Die Klagen der französischen Professorin wären vermutlich nicht die rechte Einstimmung auf den Festvortrag und den anschließenden Empfang im Deutschen Literaturinstitut zum eigentlich ja freudigen Anlass der Zusammenkunft gewesen. Deshalb traf es sich gut, dass vorher noch die Leiterin der Abteilung Sprache des Goethe-Instituts, Heike Uhlig, zu Wort kam, die außer über die bereits zuvor zur Sprache gekommenen Kooperationsprojekte ihres Hauses auch über die Hospitanzmöglichkeiten an den Goethe-Instituten in aller Welt und das Programm „Deutsch lehren lernen“ sowie das in Zusammenarbeit mit der Universität Jena angebotene Weiterbildungszertifikat für Deutschlehrer berichtete. Maßnahmen also, mit denen man einen vielleicht kleinen, in jedem Fall aber außerordentlich wichtigen Beitrag leistet für die fundierte Weiterbildung von Deutschlehrenden weltweit und damit zur Deckung der teils deutlich steigenden Nachfrage nach gut qualifizierten Lehrern und Lehrerinnen für Deutsch.

Epochenübergreifende Kontinuität

Im Anschluss an die nachfolgenden Grußworte war der Festvortrag von Martin Durell von der Universität Manchester dann ein mehr als versöhnlicher Abschluss des akademischen Tages, den man im Deutschen Literaturinstitut ausklingen ließ.

In seiner launigen und humorvollen Rede ließ Durell die epochenübergreifende Geschichte der Zeitschrift „Deutsch als Fremdsprache“ und „seine“ (bis in das Jahr 1977 zurückreichende) Geschichte mit dieser Zeitschrift Revue passieren und zeigte sich am Ende außerordentlich zuversichtlich, dass man in fünfzig Jahren (wenngleich vermutlich dann leider ohne ihn) auch ihren hundertsten Geburtstag noch werde feiern dürfen und sie dem Fach auch in Zukunft und über alle noch bevorstehenden Umbrüche hinweg der verlässliche Wegweiser bleiben werde, der sie seit ihrem Bestehen stets gewesen sei.


Andreas Vierecke, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

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