H

Dieses Glossar erklärt häufig wiederkehrende Terminologie rund um die Thematik von Sprache und Integration. Es soll Ihnen helfen, sich in dem auf den ersten Blick vielleicht unübersichtlich erscheinenden Dickicht von Bezeichnungen und Begriffen zu orientieren.


Hybridität

Der Begriff entwickelte sich wesentlich aus der postkolonialen Theoriebildung der letzten Jahrzehnte. Angewandt auf Migrationsprozesse bezeichnet er das simultane Agieren von Subjekten in verschiedenen kulturellen Systemen, bei dem neue kulturelle Artikulationen und Sozialitäten entstehen und sich "hybride kulturelle Identitäten" entwickeln. Dem Kontzept von kultureller Hybridität liegt ein gewandeltes Verständnis von "Identität" zugrunde: Stuart Hall, einer der zentralen Denker der britischen Cultural Studies, unterscheidet zwischen drei Konzeptionen von Identität: In der Aufklärung wurde dem Subjekt ein unveränderlicher "innerer" Persönlichkeitskern zugeschrieben. In der Moderne wurde das Subjekt trotz Annahme eines "inneren" Kerns hinsichtlich seiner Werte, Bedeutungen und Symbole in Interaktion zur Gesellschaft konzipiert; Identität bezeichnet dabei einen überbrückenden Dialog zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Das postmoderne Leben ist geprägt durch widersprüchliche Raum-Zeit-Bezüge, so dass Bindungen durch distanzüberwindende Kommunikations- und Transportmittel in Veränderung begriffen sind. An immer mehr Orten der Welt werden Ideen und Güter verfügbar und wirken so auf zuvor relativ geschlossene lokale Bezüge. Scheinbar fest verortete Kategorien wie Klasse, Geschlecht und Ethnizität werden so zu diskontinuierlichen, fragmentierten, dezentrierten und zerstreuten Koordinaten. Hall spricht daher von einer "Krise der Identität", da vermeintlich feste Identitätskategorien permanente Dynamisierungen erfahren und sich aus mehreren, unter Umständen widersprüchlichen und ungelösten Teilidentitäten zusammensetzen. So ist es heute sinnvoller, Identität als einen offenen Identifikationsprozess zu verstehen ohne Sicherheit, Bestand oder Kontinuität. Identitätsstiftende Kohärenz und Linearität werden ausschließlich durch individuell "gebastelte" Erzählungen des Ichs hergestellt unter Rückgriff auf kulturelle Erzählkonventionen und Meta-Narrative wie Ethnizität und Nationalität.

Migrationsprozesse bedeuten per se tiefgreifende Raum-Zeit-Entbettungen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene; nach dem Konzept der Hybridität befinden sich migrantische Akteure jedoch nicht in einem "Entweder-Oder"-Zustand, sondern vielmehr in "Sowohl-als-auch"-Lebenssituationen. Dabei werden multiple Identitätsprozesse zunehmend zur Normalität. Konzepte wie "kulturelle Hybridität" (Stuart Hall), "Kreolisierung" (Ulf Hannerz), "Kosmolismus" oder "Third Space" bringen dies zum Ausdruck und betonen gleichzeitig das Potenzial eines konstruktiven Umgangs mit krisenhaften Situationen.

zurück

 

 

Sprache und Integration

Themenmappe, in der das Engagement des Goethe-Instituts im Bereich „Sprache und Integration“ vorgestellt wird (PDF, ca. 2 MB)

Fikrun wa Fann

Themenheft der Kulturzeitschrift für den Dialog mit der islamischen Welt zu Migration