Aida & Roman (Hamburg)
„Ich heiße Aida. Ich bin, du bist – das war’s“, resümiert Aida achselzuckend, wenn man sie nach ihrem Vorintegrationskurs in Kasachstan fragt. Gern hätte sie damals mehr Deutsch gelernt. Sie empfand den Kurs als zu kurz, nicht ausreichend für eine Vorbereitung auf das Leben in Deutschland. Während dieser Zeit hatte sie die alleinige Verantwortung für ihre zwei Kinder. Ihr Mann Roman war schon vorausgegangen nach Deutschland.
Solange er zurückdenken kann, hat Roman sich fremd gefühlt. In Kasachstan war er wegen seines deutschen Nachnamens „der Deutsche“. In Russland war er Kasache. Und in Deutschland, da ist Roman für alle ein Russe. „Es ist schwer, wenn man nicht in seiner Heimat geboren wurde“, meint er. „Man ist immer fremd, egal, wo man ist.“ Sein Vater ist deutscher Abstammung und in Kasachstan geboren, seine Mutter stammt aus Russland. 2005 übersiedelten die beiden von Astana nach Deutschland. Da hatten Roman und Aida gerade geheiratet und erwarteten ihr erstes Kind, Rolan. Nach der Geburt ihrer Tochter Rufina folgte Roman seinen Eltern. Das war im August 2009.
Jeder Achtjährige sei selbstständiger gewesen als er, sagt Roman, wenn er an seine Unfähigkeit zu kommunizieren während seines ersten Jahres in Deutschland zurückdenkt. Er sprach Kasachisch und Russisch, die beiden Sprachen seines Landes, und etwas Schulenglisch. Da er die Einladung nach Deutschland vor dem Jahr 2007 bekommen hatte, musste er keinen Sprachnachweis erbringen. Heute wäre das anders. Als Spätaussiedler hatte er die Möglichkeit, einen kostenlosen Integrationskurs zu besuchen, aber das Lernen ging ihm viel zu langsam. „Das erste Jahr war Stress“, erzählt er. Er mied sogar andere Menschen, stand an der Bushaltestelle stets etwas abseits aus Angst, jemand würde ihn ansprechen und er könne nicht antworten.
Wenn Aida in Hamburg einkaufen geht, passiert es manchmal, dass die Verkäufer, sobald sie ihren Akzent hören, Englisch mit ihr sprechen. Darüber ärgert sie sich, so werde sich ihr Deutsch nie verbessern. Sieben Monate nach Romans Übersiedlung war sie ihm gefolgt und hatte ebenfalls gleich mit dem Integrationskurs begonnen. Ihr Anspruch ist sehr hoch, von Anfang an hatte sie den Ehrgeiz, Deutsch so schnell wie möglich fließend zu sprechen, so wie ihre Muttersprache eben.
Zurzeit besucht sie einen Kurs auf Niveaustufe B2/C1 für Studierende beim Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands in Hamburg-Eutin mit dem Ergebnis, dass sie mittlerweile sogar schon ihren Mann korrigiert, wenn sie sich auf Deutsch unterhalten. Das kommt allerdings selten vor, denn in Gegenwart ihrer Kinder sprechen sie nur Russisch. Sie wollen nicht, dass Rolan und Rufina ihr „falsches
Deutsch“ übernehmen und trennen die beiden Sprachen klar voneinander.
Roman ist angekommen, er fühlt sich in Deutschland zu Hause. Anders Aida: „Ich bin Kasachin. In Kasachstan war ich zu Hause. Jetzt bin ich Chinesin.“ Sie spielt darauf an, dass viele Deutsche asiatisch aussehende Menschen automatisch für Chinesen halten und keine Vorstellung von ihrer Heimat haben. Bislang hat Aida auch noch keine Freunde in Deutschland gefunden. Es bleibt ihr einfach nicht genügend Zeit, sich darum zu kümmern, denn ihr Tag ist ausgefüllt mit Sprachkurs, Haushalt und Kindererziehung. Sie freut sich auf das Ende des Kurses. Danach will sie studieren, da ihr Diplom als Juristin in Deutschland nicht anerkannt wird. Roman war nach seinem Wirtschaftsstudium im Logistikbereich tätig und möchte eventuell zurück an die Universität, um sich in Logistik weiterzuqualifizieren. Doch dafür braucht man einen Nachweis über entsprechende Englischkenntnisse, den er nicht hat. Noch nicht.
Für eine glückliche Zukunft wünschen sich die beiden, dass ihre Integration gelingt. Den Weg dorthin kennt Aida schon: „die Sprache verbessern, studieren, einen Abschluss machen und eine Arbeit finden, bei der man sich wohlfühlt. Wir wollen lernen!“







