Semanur (Izmir)


Semanur macht täglich Yoga, morgens und abends. Und sie tanzt leidenschaftlich gern. Ihre Lebensfreude ist ansteckend. Seit sie vor vier Jahren mit Yoga begann, haben sich ihr Bewusstsein und ihre persönliche Sicht auf die Dinge verändert. Die junge Türkin gewinnt aus den regelmäßigen Übungen ihre Kraft und die nötige Gelassenheit. Yoga hat auch sie und ihren Mann zusammengebracht. Denn Semanur und Serkan lernten sich Silvester 2010/11 bei einem Yoga-Seminar in Italien kennen.

Alles schien ihr möglich – ein Italiener, Amerikaner oder Hindu – aber dass sie sich ausgerechnet in einen Deutsch-Türken verlieben würde, damit hatte Semanur nicht gerechnet. „Die haben in der Türkei keinen guten Ruf“, sagt die 30-Jährige, „sie hängen zwischen zwei Kulturen fest, sind nicht Deutsche und nicht Türken.“

Serkan wiederum konnte sich nicht vorstellen, mit einer Türkin aus der Türkei zusammen zu sein. Seit seinem dritten Lebensjahr lebt er mit seiner Familie in Deutschland. Türkische Frauen hielt der Psychologiestudent für rückständig. Und außerdem gefielen ihm eher Frauen mit blonden Haaren und blauen Augen.

Einen ganzen Berg an Vorurteilen mussten die beiden Yoga-Schüler da erst einmal wegschaufeln, ehe sie sich näherkamen. Das Wort „Yoga“ stammt aus dem Sanskrit und bedeutet „Verbindung“, „Vereinigung“. Ein praktizierender Yogi soll Liebe für alle Lebewesen, Achtung für die Natur und Toleranz gegenüber allen Menschen, Kulturen und Religionen entwickeln. Vorbehaltlose Offenheit als grundlegende Lebenseinstellung – als Semanur und Serkan dies begriffen, war der Weg frei für eine wirkliche Begegnung.

Im Deutschkurs in Izmir jedoch sah sich Semanur erneut mit ihren Vorurteilen konfrontiert. Die Teilnehmer kamen aus verschiedenen Regionen des Landes mit ganz unterschiedlichen Kulturen, die ihr fast genauso fremd waren, wie die deutsche Kultur. Schließlich gehören im multiethnischen Staat Türkei ca. 20% der Einwohner zu einer der – anerkannten oder nicht anerkannten – Minderheiten, wie Kurden, Armeniern, Griechen oder Zaza.

Verunsichert zog Semanur sich erst einmal zurück. Und wieder lernte sie, mithilfe von Yoga über ihren Schatten zu springen und sich zu öffnen. Nun genoss sie es zu lernen, blühte in der Klassengemeinschaft zusehends auf und schloss neue Freundschaften. Wenn nur nicht die Prüfung gewesen wäre! Die machte ihr Angst. Unmittelbar danach war sie sich sicher, sie hatte versagt. Und dann erfuhr sie, dass sie bestanden hatte. „Eine wunderbare Nachricht so früh am Morgen war das“, sagt die Frau mit dem langen braunen Haar, und das Lächeln will nicht mehr aus ihrem Gesicht verschwinden.

Für ihre Zukunft in Deutschland hat Semanur schon viele Pläne. Sie wird in der Näherei ihrer Schwiegermutter arbeiten, soll das Geschäft auch einmal übernehmen. Daneben will sie Sozialpädagogik studieren, um später Türken in Deutschland die Integration zu erleichtern. Und wer, wenn nicht sie, die so erfolgreich ihre eigenen Vorbehalte gegenüber dem „Fremden“ überwunden hat, wäre dazu besser geeignet?

Privat wünscht sie sich ein vielfältiges, aktives Eheleben, dafür wird sie schon sorgen. Temperament hat Semanur jedenfalls genug und so tanzt sie schwungvoll in ihr neues Leben. Ihre Tanzschuhe und die Yogabücher sind schon im Gepäck.

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